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Panamericana: Bolivien und der Kalte Krieg

Der lateinamerikanische Kampf Arm gegen Reich ist so alt wie der Halbkontinent selbst - die Unruhen in Bolivien machen da keine Ausnahme. Der im Kern soziale Konflikt artete schon oft zum Stellvertreterkrieg zwischen den Weltmächten aus, nun droht ein neuer Kalter Krieg.

Von Toni Keppeler

Was damals vor dem Putsch in Chile geschah, wiederholt sich heute in Bolivien: Eine schwer reiche Elite wehrt sich rabiat gegen die Politik eines sozialistischen Präsidenten. In Chile war dieser Präsident Salvador Allende. Er hatte die Sünde begangen, die von seinem christdemokratischen Vorgänger begonnene Verstaatlichung der Kupferminen fortzusetzen und eine Landreform durchzudrücken. In Bolivien ist es Evo Morales. Er hat die Öl- und Gasvorkommen des Landes nationalisiert und finanziert mit den zusätzlichen Staatseinnahmen eine Minimalrente für die Armen. Auch er strebt eine Landreform an. Um solche eher sozialdemokratische als sozialistische Politik zu unterbinden, stürzten damals die chilenischen Unternehmer das Land mit Streiks und Blockaden ins Chaos und schreckten auch vor terroristischen Methoden nicht zurück. Genauso machen es heute die Großunternehmer und Gouverneure der reichen Provinzen Boliviens.

In der Woche vor dem Krisentreffen in Chiles Regierungspalast eskalierte der Konflikt. In den bolivianischen Tieflandprovinzen, wo Großgrundbesitz und Öl- und Gasvorkommen konzentriert sind, wurden Straßen blockiert und Regierungsgebäude besetzt. Rechte Schlägertrupps terrorisierten die in den Armenvierteln wohnenden Anhänger von Präsident Morales. Mindestens 30 Menschen wurden getötet. Leopoldo Fernandez, der Gouverneur der Tieflandprovinz Pando, wurde verhaftet, weil er Pistoleros dafür bezahlt haben soll, mindestens 15 regierungstreue Kleinbauern zu erschießen. Trotz des Terrors steht die Mehrheit der Bolivianer hinter Morales. Es ist noch keine zwei Monate her, dass er bei einer Volksbefragung mit Zwei-Drittel-Mehrheit im Amt bestätigt wurde.

Demokraten würden so ein Wahlergebnis akzeptieren. Die Gegner von Morales aber hat es nur angestachelt. Ihr Rezept ist so einfach wie erprobt: Zuerst schafft man Chaos, bis die Regierung stürzt. Dann kommt eine starke Hand, die das durcheinander gekommene Land wieder ordnet - zu Gunsten der alten Eliten, versteht sich. So war das vor 35 Jahren in Chile und so wollen das die Anführer des Reichen-Aufstands in Bolivien.

Der Konflikt, der dort ausgefochten wird, ist so alt wie die Staaten Lateinamerikas. Bei den Unabhängigkeitskriegen gegen die Kolonialmacht Spanien vor bald 200 Jahren siegten nicht die ausgebeuteten Bauern und Minenarbeiter, sondern die eingewanderte weiße Elite. Sie hatte schon über die Kolonien geherrscht. Danach herrschte sie über unabhängige Staaten. Das war lohnender und bequemer: Sie wurde nicht mehr vom europäischen Mutterland bevormundet und musste keine Abgaben mehr leisten. Wenn die Armen sich gegen dieses im Grunde feudale System erhoben, wurden sie niederkartätscht. Und sollte einmal ein Linker eine Präsidentschaftswahl gewinnen wie Salvador Allende in Chile, dann stürzte die in ihren Privilegien gefährdete Elite das Land ins Chaos. Nur in Kuba gewannen die Rebellen.

Alles wurde durch die Brille des Kalten Krieges gesehen

Danach sollte so etwas nicht mehr passieren. Jegliches Auflehnen gegen das überkommene Machtgefüge wurde durch die Brille des Kalten Kriegs gesehen. Die USA stützten jeden noch so blutigen Militärdiktator und haben in Chile den Pinochet-Putsch mit vorbereitet. Die Sowjetunion half direkt oder indirekt allen Rebellen. Was als im Kern ein sozialer lateinamerikanischer Konflikt war (und noch immer ist), wurde zum Stellvertreterkrieg zwischen zwei Weltmächten.

Bei der Lösung des Konflikts in Bolivien wollten die Lateinamerikaner unter sich bleiben. Eigentlich wäre die Organisation Amerikanischer Staaten ein angemessener Rahmen gewesen, doch in der geben die USA den Ton an. Man wollte den übermächtigen großen Bruder aus dem Norden nicht mit am Tisch haben. Evo Morales hatte den Botschafter Washingtons kurz zuvor des Landes verwiesen. Er warf dem Gesandten aus Washington vor, er schüre den Konflikt in Bolivien genauso, wie es seiner Zeit der US-Botschafter in Chile getan hat.

Die Kontrahenten reden wieder miteinander

Die Lateinamerikaner haben erreicht, dass die Kontrahenten in Bolivien sich vorläufig nicht mehr schlagen, sondern wieder miteinander reden. Doch die Gefahr eines neuen Kalten Kriegs in Lateinamerika ist damit noch nicht gebannt. Das ist nicht nur die Schuld der USA. Auch die ganz linken Präsidenten der Region tragen ihre Konflikte zu Hause gerne auf die große Weltbühne. Geradezu mutwillig werfen sie sich in die Arme von Regierungen, die in Washington gerne als Schurken bezeichnet werden. Hugo Chavez aus Venezuela, Evo Morales aus Bolivien, Daniel Ortega aus Nicaragua - sie alle waren in den vergangenen Monaten im Iran oder in Libyen und sie reden nur Gutes über das Schreckensregime in Nordkorea.

Auch Russland, der Nachfolger der Sowjetunion, steht plötzlich wieder auf der Matte. In Kuba, das von Moskau nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion so schmählich allein gelassen wurde, sind Regierungsgesandte aus Russland wieder gerne gesehene Gäste. Erst vor ein paar Tagen haben sie versprochen, der sozialistischen Insel beim Aufbau eines eigenen Weltraumzentrums zu helfen. In Venezuela sind derzeit russische Bomber und Kriegsschiffe zu Gast - für gemeinsame Manöver in der Karibik, gewissermaßen vor der Haustür der USA. Das macht militärisch zwar keinen Sinn, aber es provoziert.

Vieles erinnert an den Kalten Krieg

Nach dem Streit um ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa und dem Krieg um die abtrünnigen Provinzen in Georgien erinnert vieles im Verhältnis zwischen Washington und Moskau an den Kalten Krieg. Die Lateinamerikaner sollten sich nicht freiwillig dieser Konfrontation unterordnen. Die Verknüpfung der eigenen Probleme mit dem Ost-West-Konflikt hat dem Halbkontinent schon einmal nur Krieg und Elend gebracht.