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Panamericana: Die Hoffnung ist schwarz

Die Latinos mögen Barack Obama. So sehr, dass sie ihm schon einen Spitznamen verpasst haben: "El Negro" - "der Schwarze". Ob er die Hoffnung erfüllt, die südlich des Río Grande in ihn gesetzt wird, ist ungewiss. Bislang hat er sich zu Lateinamerika nur sehr vage geäußert.

Von Toni Keppeler

Wenn Lateinamerikaner Respekt für einen Politiker empfinden, dann nennen sie ihn nicht beim Nachnamen. Fidel Castro heißt immer nur Fidel und niemals Castro, selbst in der offiziellen kubanischen Staatspresse. Kommt dann noch Sympathie dazu, verwendet man statt des Vornamens liebevoll einen Spitznamen. So ist Brasiliens Präsident Luiz Inácio da Silva schlicht und einfach Lula.

So gut wie jeder Mensch in Lateinamerika trägt einen Spitznamen. Er kann - wie bei Lula - vom richtigen Namen abgeleitet sein. Oft bezieht er sich aber einfach nur auf Äußerlichkeiten: "El Chele" ist der Blonde, "la Chinita" die Kleine mit dem Schlitzaugen, "el Gordo" der Dicke. Das ist liebevoll und nicht despektierlich gemeint. Barack Obama nennen Lateinamerikaner wegen seiner Hautfarbe "el Negro" und das meinen sie nicht rassistisch. Im Grunde zeigen sie damit nur, dass sie ihn mögen. John McCain dagegen ist ganz kühl und distanziert McCain.

McCain ist ein politischer Saurier

Wäre am Dienstag nicht nördlich, sondern südlich des Río Grande der nächste Präsident der Vereinigten Staaten gewählt worden, hätte Obama mit noch viel größerem Vorsprung gewonnen. Und das, obwohl er im Wahlkampf nie seinen Fuß auf lateinamerikanischen Boden gesetzt hat. McCain dagegen war da, und er spricht sogar ganz pasabales Spanisch. Von Obama hat man das noch nicht gehört. Aber es gab schon einmal einen republikanischen Kandidaten, der Latinos gerne öffentlich auf die Schulter klopfte, in ihrer Sprache mit ihnen radebrechte und versprach, er werde das leidige Problem mit der illegalen Einwanderung zu ihrer Zufriedenheit klären. Nichts als "paja", leeres Stroh, würden die Lateinamerikaner heute sagen. George W. Bush wollte nur die Stimmen der ständig wachsenden Latino-Minderheit. Kaum war er gewählt, hat er sie vergessen.

Barack Obama hat nicht um die Stimmen den US-Latinos gebuhlt und trotzdem haben 68 Prozent von ihnen für ihn gestimmt. Für was sie da gestimmt haben, wussten sie selbst nicht so genau. Es war mehr ein Gefühl, eine Hoffnung. Selbst in Florida, der Heimat der Castro-Flüchtlinge, hat Obama gewonnen. McCain nutzte es nichts, dass er mit Otto Reich einen der härtesten unter den Hardlinern der Exilkubaner zu seinem Berater gemacht und geschworen hat, er werde an der Embargo-Politik gegen Kuba nichts lockern, so lange dort die Gebrüder Castro das Sagen haben. Felipe Pérez Roque, der Außenminister in Havanna, nannte McCain deshalb einen "politischen Dinosaurier". Für Obama dagegen äußerte er "Respekt".

Seit der Schweinebucht herrscht Eiszeit

Auch der kranke Fidel Castro dürfte sich über die Wahl vom Dienstag freuen. In einer seiner regelmäßig in der Parteizeitung "Granma" erscheinenden Kolumnen sah er in McCain ein "Instrument der Mafia". Obama aber sei dem Republikaner "an Intelligenz und Ernsthaftigkeit überlegen". So positiv hat sich der alte Revolutionär seit John F. Kennedy nicht mehr über einen US-Präsidenten geäußert. Für den jugendlichen Hoffnungsträger der beginnenden sechziger Jahre hatte Castro immer ein gutes Wort übrig, obwohl mit ihm das Trauma der US-kubanischen Nichtbeziehung begann: Es war Kennedy, der 1961 eine Söldnertruppe zur Invasion in die Schweinebuch schickte. Das Abenteuer scheiterte nach nur drei Tagen. Seither ist es eisig zwischen Havanna und Washington.

Können die Kubaner vom neuen jugendlichen Hoffnungsträger im Weißen Haus nun Besseres gewärtigen? Viel gesagt hat er nicht. Aber was er sagte, weckte Erwartungen auf der sozialistischen Insel. Zumindest die schlimmsten Daumenschrauben wolle er lockern: Die Reise-Restriktionen für Exilkubaner und die Beschränkungen für Geldtransfers. Nach den derzeit geltenden US-Gesetzen dürfen Exilkubaner nur alle drei Jahre einmal die Verwandten in der Heimat besuchen. Und sie dürfen höchstens 100 Dollar im Monat überweisen und das nur an nahe Verwandte. An beiden Regelungen will Obama drehen.

Ein neuer Kulturkampf

In Havanna spekuliert man schon darüber, dass auch das Reiseverbot für US-Bürger aufgehoben werden könnte. Das würde zwar der etwas darbenden Tourismus-Industrie helfen. Betonköpfe unter den kubanischen Kommunisten aber fürchten schon, dass das auch zu viel des Guten sein könnte. Man stelle sich die Straßen von Havanna vor, überschwemmt von Touristen aus Gringolandia. Und erst die Ideen, die sie auf die Insel könnten. Man müsse sich auf so einen Ansturm "kulturell vorbereiten", warnt Armando Hart, Mitglied im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei. Ein "neuer Kulturkampf gegen den Feind" stehe bevor.

So schnell wird das nicht passieren. Zwar hat Obama vorsichtig und vage geäußert, er könne sich durchaus vorstellen, mit Raúl Castro an einem Tisch zu sitzen. Aber sein Lateinamerika-Berater Dan Restrepo stellt klar: Das seit fast 50 Jahren geltende Wirtschaftsembargo gegen die Insel wird vorerst nicht fallen. So schnell wird das Eis zwischen Washington und Havanna nicht wegschmelzen. Aber vielleicht gibt es ja ein bisschen Tauwetter. Auch Hugo Chávez, Präsident von Venezuela und selbst ernannter Enkel von Fidel, will nicht mehr nur gegen Washington wettern, sondern hat angekündigt: "Ich will eine Annäherung mit el Negro."

Der freilich wird sich erst einmal um ferner liegende Weltgegenden kümmern müssen: Um Afghanistan und den Irak. Die Lateinamerikaner können warten. Wenn sie zu lange warten müssen, werden sie wieder einmal enttäuscht sein von einem US-Präsidenten.