VG-Wort Pixel

Explosionen in Grenzdorf zur Ukraine Polen bestätigt Einschlag von Rakete aus russischer Produktion – Nato und Pentagon prüfen Vorfall

Polens Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak nach Meldungen über einen Einschlag von Raketen aus Russland
Polens Verteidigungsminister Mariusz Błaszczak am Sitz des Nationalen Sicherheitsbüros. Zuvor hatte es Berichte über einen angeblichen Einschlag russischer Raketen im Osten des Landes gegeben.
© Radek Pietruszka / PAP / DPA
In Polen ist der Sicherheitsrat zusammengekommen – aus noch nicht offiziell genannten Gründen. Auffällig ist der zeitliche Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Raketeneinschlag im Osten des Nato-Landes. Die Lage im Überblick.

Inhaltsverzeichnis

Der Vorfall – sollte er sich so zugetragen haben – nährt Befürchtungen, Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine könnte sich ausweiten. Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki rief am Dienstagabend den Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung in der Hauptstadt Warschau zusammen. Zwei russische Raketen sollen zuvor in einem Dorf im Osten Polens eingeschlagen sein, zwei Menschen starben nach Angaben der örtlichen Feuerwehr. Bestätigt ist der Vorfall in dieser Form bisher nicht.

Die Lage im Überblick (Stand: 16. November, 0.55 Uhr):

Was ist im Osten Polens geschehen?

Die polnische Regierung hat den Einschlag einer Rakete aus russischer Produktion auf polnischem Staatsgebiet bestätigt. Beim Einschlag des Geschosses in dem Dorf Przewodów nahe der Grenze zur Ukraine am Dienstagnachmittag um 15.40 Uhr seien zwei polnische Staatsbürger getötet worden, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums in der Nacht zum Mittwoch. Der russische Botschafter in Warschau sei einbestellt worden, um "sofort detaillierte Erklärungen" für den Vorfall zu liefern.

Polnische Medien hatten zuvor berichtet, dass in der Ortschaft Przewodów im Osten des Landes an einem landwirtschaftlichen Betrieb zwei Raketen eingeschlagen seien. Fotos von vor Ort zeigten einen Krater neben einem umgestürzten Anhänger eines Traktors. Das Pentagon in Washington erklärte am Dienstagabend, es habe noch keine Informationen. "Wenn wir ein Update zur Verfügung stellen können, werden wir dies tun", sagte ein Sprecher. 

Das Dorf Przewodów ist nur siebeneinhalb Kilometer von der Grenze zur Ukraine entfernt. Am Dienstag hatte die russische Armee nach ukrainischen Angaben mit Dutzenden Raketen und Marschflugkörpern Ziele in der ganzen Ukraine angegriffen – auch im Westen des Landes.

Wie reagiert Polen?

Am späten Dienstagabend erklärte der polnische Regierungssprecher Piotr Müller in Warschau, dass Polen einen Teil seiner Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetze. Die Untersuchungen zur Ursache der Explosion liefen noch. "Wir haben beschlossen, zu prüfen, ob es Gründe gibt, die Verfahren nach Artikel 4 des Nordatlantikvertrags einzuleiten", erklärte er weiter. Eine solche Entscheidung war zunächst jedoch noch nicht gefallen.

Artikel 4 der Nato sieht Beratungen der Mitgliedstaaten vor, wenn einer von ihnen die Unversehrtheit seines Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sieht. Von einem Angriff auf Polen sprach Müller ausdrücklich nicht. Es hatte in der Vergangenheit immer wieder Befürchtungen gegeben, dass russische Flugkörper auch irrtümlich auf dem polnischen Territorium einschlagen könnten.

Zwei Tote nach Raketeneinschlag in Polen – Vorfall ruft Nato auf den Plan

Polens Präsident Andrzej Duda hat nach Angaben seines Kanzleichefs mit US-Präsident Joe Biden und mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gesprochen. Details wurden nicht bekannt.

Was sagt Russland zu dem Vorfall?

Über die staatlich kontrollierten Nachrichtenagenturen Ria Novosti und Tass wies das russische Verteidigungsministerium jedwede Verantwortung für den Vorfall zurück. Entsprechende Berichte seien eine "Provokation mit dem Ziel einer weiteren Eskalation", hieß es. Es habe keinerlei Angriffe Russlands auf Ziele in der Nähe der polnisch-ukrainischen Grenze gegeben.

Und die Ukraine?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland beschuldigt, Raketen auf Polen abgefeuert und damit eine "sehr erhebliche Eskalation" herbeigeführt zu haben. "Heute haben russische Raketen Polen getroffen, das Territorium eines verbündeten Landes. Menschen starben. Bitte nehmen Sie unsere Beileidsbekundung an", sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Außenminister Dmytro Kuleba dementierte laut Nachrichtenagentur AFP Mutmaßungen, dass ein ukrainisches Geschoss in Polen eingeschlagen sei.

Wie reagiert die Nato?

Für Mittwoch hat die Nato eine Dringlichkeitssitzung auf Ebene der Botschafter einberufen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg werde die Beratungen der Nato-Botschafter leiten, "um diesen tragischen Vorfall zu besprechen", verkündete Nato-Sprecherin Oana Lungescu am späten Dienstagabend. Zuvor hatte Stoltenberg betont: "Die Nato beobachtet die Situation, und die Bündnispartner stimmen sich eng ab." Vor voreiligen Reaktionen müssten erst "alle Tatsachen festgestellt werden".

Abgesehen von den knappen Mitteilungen Warschaus und Washingtons sowie von Solidaritätsbekundungen anderer Staaten hielten sich die Mitglieder des westlichen Verteidigungsbündnisses mit Äußerungen zunächst zurück. "Wir prüfen diese Berichte und stimmen uns eng mit unserem Bündnispartner Polen ab", sagte ein Nato-Offizieller der DPA.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock erklärte, die Bundesregierung verfolge die Lage nach den Berichten über den Vorfall. "Meine Gedanken sind bei Polen, unserem engen Verbündeten und Nachbarn", schrieb die Grünen-Politikerin auf Englisch bei Twitter. Aber auch sie hielt sich mit voreiligen Schuldzuweisungen zurück.

Das Verteidigungsbündnis hatte in der Vergangenheit immer wieder klargestellt, sich nicht mit eigenen Soldatinnen und Soldaten an dem seit neun Monaten andauernden Krieg in der Ukraine beteiligen zu wollen. Sollte sich nun herausstellen, dass das Nato-Land Polen tatsächlich von russischen Raketen getroffen wurde, könnte diese Haltung überdacht werden.

Lesen Sie im Ausklapp-Menü weitere Reaktionen:




Der Präsident habe mit den polnischen Behörden Kontakt aufgenommen und halte sich über die Lage auf dem Laufenden, teilte der Élyséepalast in Paris mit. Der G20-Gipfel am Mittwochmorgen werde ein wichtiger Moment sein, um Frankreichs große Partner zu sensibilisieren, wie es der Präsident seit Beginn des Krieges tue, hieß es weiter.



EU-Ratspräsident Charles Michel hat sich schockiert gezeigt. "Ich bin schockiert über die Nachricht, dass eine Rakete oder andere Munition Menschen auf polnischem Gebiet getötet hat", schrieb Michel bei Twitter. Er drücke den betroffenen Familien sein Beileid aus. "Wir stehen an der Seite Polens", schrieb er. "Ich stehe in Kontakt mit den polnischen Behörden, den Mitgliedern des Europäischen Rates und anderen Verbündeten."



Von der Leyen hat besorgt auf Berichten über angebliche Raketeneinschläge in Polen reagiert. "Ich bin alarmiert über Berichte über eine Explosion in Polen, nach einem massiven russischen Raketenangriff auf ukrainische Städte", schrieb von der Leyen auf Twitter. "Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit den polnischen Behörden, Partnern und Verbündeten."



Selenskyj hat Russland beschuldigt, Raketen auf den Nato-Staat Polen abgefeuert und damit eine "sehr erhebliche Eskalation" herbeigeführt zu haben. "Heute haben russische Raketen Polen getroffen, das Territorium eines verbündeten Landes. Menschen starben. Bitte nehmen Sie unsere Beileidsbekundung an", sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache.




Allerdings: Selbst bei einem absichtlichen – und noch lange nicht nachgewiesenen – Beschuss des Nato-Territoriums träte nicht automatisch der Bündnisfall ein. Der Nordatlantikrat, besetzt mit Abgesandten aller Mitgliedsstaaten, müsste zunächst den Angriff auf das Nato-Territorium feststellen, erst dann würde die gegenseitige Unterstützung greifen. In Deutschland müsste überdies noch der Bundestag über eine eventuelle Beteiligung der Bundeswehr an der Bündnisverteidigung entscheiden.

Vorher steht aber in jedem Fall die Aufklärung des Vorfalls in Przewodów – und die fängt gerade erst an.

Helfen Sie den Menschen in der Ukraine
Stiftung stern: Hier spenden

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde nach seiner Erstveröffentlichung mehrfach aktualisiert.

Quellen: Nordatlantikvertrag, Nachrichtenagenturen DPA, AFP, AP, Ria Novosti, Tass

Mehr zum Thema

Newsticker