Proteste in Myanmar Militär droht mit Erschießungen


Barrikaden, Wasserwerfer, Tränengas, Schläge und Schüsse in die Menge friedlich protestierender Mönche: In Myanmar fordert die Militärjunta ein Ende der Demonstrationen. Wer nicht die Straßen verlässt, läuft Gefahr erschossen zu werden. Der UN-Sicherheitsrat verurteilt das bisherige Blutvergießen aber nicht.

Myanmarische Soldaten haben zur Verhinderung weiterer Proteste in der Nacht zum Donnerstag Klöster in der Hafenstadt Rangun gestürmt. Dabei wurden laut Augenzeugen mehr als 200 Mönche festgenommen. Bei den Männern handele es sich um Anführer der Proteste. Auch Politiker der Nationalen Liga für Demokratie, der Partei von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, wurden festgenommen.Hunderte Soldaten seien an strategisch wichtigen Orten in Rangun postiert worden. An der Sule-Pagode, wo die von Mönchen angeführten Massen-Proteste in den vergangenen Tagen jeweils endeten, brachten Truppen zudem sieben Wasserwerfer in Stellung, wie Augenzeugen berichteten. Dort hatten sich in den vergangenen Tagen Demonstrationen formiert.

Von den Razzien betroffen waren das Kloster Ngwe Kyar Yan, wo Augenzeugen zufolge mindestens 70 Mönche verhaftet wurden, sowie das Kloster Moe Gaung mit einigen weiteren Festnahmen. "Selbst ein erkrankter Mönch wurde mitgenommen", klagte eine Klosterschülerin. Ein Mönch aus Ngwe Kyar Yan verwies auf Blutspuren am Boden, die nach seinen Angaben von Geschlagenen stammten. Auch hätten die Soldaten bei ihrer Razzia mehrfach in die Luft geschossen. Junta will wieder die Oberhand gewinnen

Versuch, Proteste zu unterbinden

Mit diesen Maßnahmen sollen offensichtlich weitere Proteste unterbunden werden. Die Sicherheitskräfte zumindest rufen nach Berichten von Augenzeugen die Bevölkerung zum Ende der Demonstrationen aufgerufen. Wenn sie nicht die Straße räumten, riskierten sie erschossen zu werden, wurden die Einwohner Ranguns über Lautsprecher gewarnt. Im Stadtzentrum seien etwa 200 Soldaten aufmarschiert, berichteten die Augenzeugen. Die Demonstranten seien daraufhin auseinander gerannt.

Zuvor waren die Sicherheitskräfte gegen Demonstranten vorgegangen, die sie mit Steinen und Flaschen beworfen hatten. Dabei seien auch Schüsse gefallen. Mindestens ein Mensch sei zu Boden gestürzt. Es sei nicht klar gewesen, ob er das Bewusstsein verloren habe oder getötet worden sei, hieß es in den Berichten.

Die Auseinandersetzungen begannen, als drei mit Soldaten besetzte Lastwagen zur Sule-Pagode vorfuhren, wo etwa 1000 Menschen demonstrierten. Die Demonstranten hätten die Fahrzeuge zwar passieren lassen, sie dann aber beworfen, berichteten Augenzeugen. Die Soldaten hätten anscheinend mit Rauchbomben auf die Angriffe reagiert. Dann seien Schüsse gefallen, vor denen die Menschen in alle Richtungen flohen. Eine Gruppe von etwa 200 Protestierenden habe nach gut 200 Metern gestoppt und dann in Sprechchören die Freilassung politischer Häftlinge und Preissenkungen verlangt.

Widersprüchliche Angaben über Tote

Am Mittwoch waren bei den Massenprotesten zahlreiche Mönche geschlagen worden. Über die Zahl der Opfer vom Mittwoch, als das Militär erstmals mit Gewalt gegen die friedlichen Proteste vorging, gibt es widersprüchliche Angaben. Die Militärs haben offiziell eingeräumt, dass es einen Toten gegeben habe. Andere Quellen nannten die Zahl von fünf Toten. Ein oppositioneller myanmarischer Rundfunksender sprach von mindestens acht Erschossenen. Außerdem habe es annähernd 150 Verletzte gegeben, berichtete der aus Norwegen ausstrahlende Rundfunksender Democratic Voice of Burma unter Berufung auf Augenzeugenberichte. Neben Rangun habe es auch in Mandalay und Sittwe Demonstrationen gegeben. Die Märsche der Mönche hatten vor knapp zehn Tagen als Reaktion auf drastische Erhöhungen der Benzin- und Gaspreise begonnen und sich zur größten Protestkundgebung seit Niederschlagung der Demokratiebewegung 1988 entwickelt.

Der UN-Sicherheitsrat konnte sich wegen des Widerstands Chinas nicht auf eine Verurteilung des Blutvergießens in Myanmar einigen. Bei einer Dringlichkeitssitzung am Mittwoch in New York verständigte sich das höchste UN-Gremiums lediglich auf einen zurückhaltenden Appell an die Machthaber in Myanmar, den der amtierende Ratspräsident Jean-Maurice Ripert vor Journalisten bekannt gab. Auch über Sanktionen wurde in der Sitzung nicht beraten.

Der amerikanische UN-Botschafter Zalmay Khalilzad sagte, die USA hätten sich für eine "sehr scharfe Erklärung" eingesetzt, die das Vorgehen von Myanmars Generälen gegen die friedlichen Demonstranten verurteilen sollte. Dies scheiterte nach Angaben von westlichen Diplomaten aber am Widerstand Chinas. Der chinesische UN-Vertreter Guangya Wang sagte, niemand habe mehr Interesse an Stabilität in Myanmar als das benachbarte China. Die Hilfe müsse aber konstruktiv sein. "Sanktionen sind nicht hilfreich für die Situation vor Ort."

DPA/Reuters

Myanmar, Burma oder Birma?
Liebe Leser, wie Ihnen sicher schon aufgefallen ist, gibt es für das südostasiatische Land verschiedene Begriffe: Birma, Burma, Myanmar. In vielen deutschen Medien wird es Birma genannt, vereinzelt auch Burma, wie im englischen Sprachraum üblich. Seit 1989 heißt es offiziell Union Myanmar. So wird es von den Vereinten Nationen und von der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet. Einige Länder sind aus Protest gegen das dort herrschende Militärregime bei Birma/Burma geblieben, wie etwa die USA und Australien. stern.de hat sich entschieden, das Land Myanmar zu nennen.
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