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Inhaftierter saudischer Blogger: Raif Badawis satanische Verse

Laut dachte der Saudi Raif Badawi in seinem Blog über Gott und die Welt nach - und wurde dafür zu 1000 Stockhieben verurteilt. Diese Zeilen waren es, die ihm diese unmenschliche Folter einbrockten.

Von Niels Kruse

Weltweit wird gegen die Inhaftierung von Raif Badawi protestiert, wie hier vor der saudischen Botschaft in Wien

Weltweit wird gegen die Inhaftierung von Raif Badawi protestiert, wie hier vor der saudischen Botschaft in Wien

Ist es ein Akt der kurzzeitigen Gnade? Oder nur die Verlängerung des Leids? Wegen "Beleidigung des Islam" wurde der saudischen Blogger Raif Badawi zu insgesamt 1000 Stockhieben verurteilt. 50 Schläge jeden Freitag - 20 Wochen lang. Der zweite Teil der Bestrafung war für heute geplant, doch offenbar leidet der 31-Jährige noch an den Folgen der ersten Folterung - weshalb die "Sitzung" verschoben wurde. Die Wunden seien noch nicht ausreichend verheilt, weitere 50 Hiebe werde er nicht überstehen, zitiert Amnesty International den zuständigen Arzt. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Kommende Woche steht der nächste Termin an. Unklar ist nun, ob die Behörden auf den Vollzug der gesamten Strafe bestehen oder nicht.

Seine Ehefrau Ensaf Haidar verurteilte die Stockschläge und verglich sie mit Angriffen islamistischer Terroristen. Die Strafe ähnele den Anschlägen auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris, sagte sie der Nachrichtenagentur DPA. Haidar forderte die internationale Gemeinschaft auf, Druck auf Saudi-Arabien auszuüben. Badawi ist seit Mitte 2012 in Haft, seine vier Jahre zuvor gegründete Webseite "Freie saudische Liberale" wurde geschlossen. In dem Forum soll er den Islam beleidigt und den Säkularismus gerühmt haben. Das "Infragestellen" des Islam gilt in Saudi-Arabien seit vergangenem Jahr als Terrorismus.

Badawis Blogeinträge sind aber weiterhin online verfügbar. Amnesty hat sie dokumentiert, der britische "Guardian" ausgewertet.

  • Über den in seiner Heimat gescholtenen Säkularismus etwa schrieb er im September 2010:
    "Säkuralismus respektiert jeden und kränkt niemanden. Säkularismus ist eine geeignete Methode, um Staaten (unseren eingeschlossen) aus der Dritten in die Erste Welt zu hieven.
  • Über den arabischen Frühling notierte er im Februar 2011:
    Es ist eine Revolution, angeführt von Studenten und Randgruppen. Eine Revolution im besten Sinne des Wortes. Ein entscheidender Wendepunkt nicht nur für Ägypten sondern für jeden, der nach arabischer Art regiert wird: diktatorisch und harsch. Noch ist nicht ausgemacht, ob sich Ägypten wirklich ändern wird. Aber wir hoffen, dass aus den Geburtsschmerzen heraus ein neues Ägypten entstehen wird, nach Jahren der Unterwerfung und Unterdrückung.
  • Über den Liberalismus hinterließ er im Mai 2012, kurz vor seiner Verhaftung, folgenden Eintrag:
    Für mich ist Liberalismus schlicht: leben und leben lassen. Es ist ein prächtiges Motto. Allerdings braucht der Liberalismus, besonders die saudische Variante, eine Aufklärung. Entscheidend ist es, seine Eigenschaften und seine Rahmen zu skizzieren. Vor allem deshalb, weil die Gegenseite (die offiziellen Stellen in Saudi-Arabien, d.Red.) die ganze Wahrheit für sich beanspruchen und damit die wahre Bedeutung des Wortes Liberalismus diskreditieren, ohne sie überhaupt zu kennen.
  • Über das religiöse Establishment in Saudi-Arabien: Sobald jemand beginnt, seine Ideen in den Umlauf zu bringen, hagelt es Hunderte von Fatwas (Rechtsgutachten/-auskunft, d.Red.), die ihn beschuldigen, ein Ungläubiger zu sein. Und das nur, weil er den Mut hatte, heilige Themen anzusprechen. Ich bin sehr besorgt, dass arabische Denker auf der Suche nach frischer Luft und auf der Flucht vor dem religiösen Schwert ins Ausland abwandern werden.
  • Über Israel und Palästina:
    Ich unterstütze keine israelische Besatzung irgendeines arabischen Landes. Aber dennoch will ich auch nicht, dass Israel durch einen religiösen Staat ersetzt wird und der sich nur darauf konzentriert, eine Kultur des Todes und der Ahnungslosigkeit im Volk zu verbreiten – statt Modernisierung und Hoffnung. Gottesstaaten bieten nichts, außer der Angst vor Gott und der Unfähigkeit, sich dem Leben zu stellen. Man muss sich nur ansehen, was in Europa passiert ist, nachdem die Menschen dort die Kleriker in ihre Kirchen zurückgeschickt haben: Sie haben die Menschenrechte erschaffen und die Aufklärung, sie wurden kreativ und rebellisch. Staaten, die auf Religion basieren, engen die Menschen ein mithilfe von Glauben und Angst.