Ramallah Arafat unter chaotischen Szenen beigesetzt

Der verstorbene Palästinenser-Präsident Jassir Arafat ist unter tumultartigen Szenen in Ramallah beigesetzt worden. Wegen der chaotischen Lage wurde das Programm abgekürzt.

Begleitet von tumultartigen Szenen ist der Leichnam von Präsident Jassir Arafat in Ramallah im Westjordanland beigesetzt worden. Die Zeremonie in Arafats Hauptquartier musste wegen der Gefühlsausbrüche unter den zehntausenden Palästinensern verkürzt werden. Die Lage auf dem Gelände der "Mukata" geriet zeitweise vollständig außer Kontrolle.

Die Sicherheitskräfte konnten sich nur mit äußerster Mühe einen Weg durch die aufgewühlten Menschenmassen bahnen, die versuchten, den in eine Palästinenserflagge gehüllten Sarg anzufassen. Mehrere Mitglieder von Arafats Garde kletterten auf den Sarg und stimmten Lobeshymnen auf ihren toten Führer an. Zeitweise wurden sie von der Menge mitgerissen. Immer wieder feuerten Polizisten Salven in die Luft. Im Gedränge wurden mehrere Menschen verletzt.

Großer Andrang auf Trauerfeier

Bei der großen Trauerfeier am Flughafen Kairo hatten zuvor Hunderte von Staats- und Regierungschefs, Ministern und Würdenträgern Abschied von Palästinenserpräsident Jassir Arafat genommen. Viele Trauergäste verpassten die Zeremonie jedoch, weil ihre Maschinen wegen des hohen Andrangs am Kairoer Flughafen Warteschleifen in der Luft drehen mussten.

Ein moslemischer Geistlicher betete am Sarg Arafats, der mit einer palästinensischen Flagge bedeckt war. Der Leichnam war zuvor vom Militärhospital Gala in die König-Faisal-Moschee am Flughafen gebracht worden.

Fischer kam zu spät

Auch Bundesaußenminister Joschka Fischer erreichte den Trauerzug nicht mehr. Er konnte das Flughafenterminal erst verlassen, nachdem Arafats Leichnam schon in ein ägyptisches Flugzeug gebracht worden war, das ihn nach Ramallah zum Begräbnis bringen sollte. Als er am Militärflughafen Al-Masa eintraf, schloss ein Sicherheitsbeamter gerade die Tore, als Fischer und SPD-Politiker Hans-Jürgen Wischnewski ankamen.

Auf die Frage, ob er enttäuscht sei, dass er die Zeremonie verpasst habe, sagte Fischer: "Selbstverständlich, aber es ist wie es ist." Wichtig seien jetzt die Abkehr von Gewalt und Terror im Nahost-Konflikt, fügte er hinzu. "Worum es jetzt geht, ist, dass alle Anstrengungen gebündelt werden, um weitere Gewalt zu verhindern."

Militärische Ehrung in Frankreich

Der Leichnam Arafats war am Donnerstagabend nach einer militärischen Ehrung in Frankreich nach Kairo übergeführt worden. Ein Airbus der französischen Luftwaffe brachte ihn in die ägyptische Hauptstadt. Mit an Bord waren Außenminister Nabil Schaath und Arafats Frau Suha Tawil. Am Flughafen erwartete sie eine Delegation palästinensischer und ägyptischer Politiker. Suzan Mubarak, die Ehefrau des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak, hielt Arafats weinende Ehefrau am Arm, während der Sarg aus dem Flugzeug getragen wurde. Suha Tawil wird voraussichtlich nicht an der Beerdigung in Ramallah teilnehmen. Zwischen ihr und der palästinensischen Führung hatte es in den letzten Tagen vor dem Tod Arafats Meinungsverschiedenheiten gegeben.

Regelung der Nach-Arafat-Ära

Todesursache wurden offiziell keine Angaben gemacht. Politiker in aller Welt würdigten das Lebenswerk des Palästinenserpräsidenten und äußerten zugleich Hoffnung auf einen Neuanfang im Nahen Osten.

Arafat war nach Angaben der Militärärzte am Donnerstagmorgen um 03.30 Uhr im Militärkrankenhaus Percy in Clamart bei Paris gestorben, wo er zwei Wochen zuvor unter Blutkrebsverdacht eingeliefert worden war. Über die Die Palästinenserführung übertrug Arafats Machtvollmachten einem neuen Führungsquartett. Parlamentspräsident Rauhi Fattuh wurde noch am Donnerstag als Präsident vereidigt. Binnen 60 Tagen sind Neuwahlen vorgesehen. In seiner Antrittsrede bekräftigte der 55 Jahre alte Übergangspräsident, er fühle sich dem Friedensprozess mit Israel verpflichtet.

Das Exekutivkomitee der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ernannte den ehemaligen Ministerpräsidenten Mahmud Abbas, 70, zum neuen Vorsitzenden. Neuer Generalsekretär der Fatah-Organisation wurde Faruk Kaddumi. Ahmed Kureia bleibt Ministerpräsident und Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrates, der das Kommando über die Sicherheitskräfte führt.

Israel in höchster Alarmbereitschaft

Der israelische Rundfunk meldete, die Polizeiführung habe in Erwartung der Beisetzungszeremonie in Ramallah am Nachmittag die nur sehr selten verwendete höchste Alarmstufe ausgerufen.

Die israelischen Truppen sollten vorübergehend aus allen palästinensischen Städten des Westjordanlands abziehen, um Konfrontationen mit der trauernden Bevölkerung zu vermeiden, hieß es. Man fürchte, aufgebrachte Massen könnten versuchen, Straßensperren zu durchbrechen und nach Israel vorzudringen, meldeten israelische Medien.

Die Anfahrt zu dem Begräbnis in Ramallah soll Palästinensern aus dem Westjordanland nur in Bussen gestattet werden. Israelis sei die Teilnahme "auf eigene Verantwortung" erlaubt, hieß es im Radio. Zu den letzten Freitagsgebeten des muslimischen Fastenmonats Ramadan auf dem Tempelberg in Jerusalem sind nur Männer über 45 und Frauen zugelassen.

DPA/Reuters DPA Reuters

Mehr zum Thema

Newsticker