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Reaktionen auf Burkini-Verbot "Sollen sie doch ihre Uniformen ausziehen!"

Eine Frau im Burkini badet im Meer
Seit vergangener Woche gilt in Nizza ein Burkini-Verbot
© Fethi Belaid/AFP
Am Strand von Nizza haben Polizisten eine Frau offenbar dazu genötigt, ihren Ganzkörperbadeanzug auszuziehen. Im Internet ist die Empörung groß. Viele haben für das Vorgehen der Beamten kein Verständnis.

Die Fotos verbreiteten sich schnell im Netz. Eine Frau in Tunika und Kopftuch liegt am Strand von Nizza. Da kommen vier Polizisten, umringen sie und bewegen sie offenbar dazu, sich ihrer langen Kleidung zu entledigen - unter den Blicken der Beamten - und zahlreicher neugieriger Badegäste in Bikini oder Badehose.

Die Interpretation vieler Medien und Internetnutzer ist einhellig: Um das Burkini-Verbot in Nizza durchzusetzen, haben die Polizisten die Frau zum Ausziehen gezwungen. Schnell macht sich im Netz Empörung breit, der Hashtag #WTFFrance (etwa: Was zum Teufel ist da los, Frankreich?) ist bei Twitter einer der beherrschenden Trends des Tages. "Sie wollen ihr ihre Kleidung wegnehmen", schreibt der Vorsitzende des Kollektivs gegen Islamfeindlichkeit in Frankreich, Marwan Muhammad. "Sollen sie doch ihre Uniformen ausziehen! Polizei der Schande."


Von einem "Gipfel der Absurdität" spricht der Leiter von Human Rights Watch, Kenneth Roth. Und der Mediendirektor der Menschenrechtsorganisation für Europa, Andrew Stroehlein, fragt sarkastisch: "Wie viele bewaffnete Polizisten sind nötig, um eine Frau zu zwingen, sich in der Öffentlichkeit auszuziehen?" Sogar Hollywood-Star Susan Sarandon greift das Thema auf Twitter auf.

Burkini-Verbot erhitzt die Gemüter

Hinter dem Vorfall von Nizza gibt es viele Fragezeichen. Aber die Aufregung zeigt, wie sehr die Burkini-Verbote an vielen französischen Stränden die Gemüter erhitzen. Schon seit Wochen wird in dem von einer Reihe islamistischer Anschläge traumatisierten Land erregt über das Für und Wider der Burkini-Verbote gestritten. Auch im Ausland wird die Debatte mit wachsendem Erstaunen verfolgt.

Schlägt Frankreich, wo 2010 ein Burka-Verbot verabschiedet wurde, mit den Burkini-Verboten über die Stränge? Verfällt das Land von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nach dem Anschlag von Nizza mit 86 Toten einer Verbots-Hysterie? Gibt es in der Heimat des Bikini plötzlich die Pflicht, am Strand viel nackte Haut zu zeigen?

Die Bürgermeister, die Burkinis an den Stränden ihrer Gemeinde verboten haben, sehen diesen Badeanzug als Symbol eines fundamentalistischen Islam, das angesichts der angespannten Stimmung in Frankreich als Provokation gewertet werden könnte. Und viele kritisieren den Burkini als Zeichen für die Unterdrückung muslimischer Frauen.

Gefundenes Fressen für Islamisten

Doch helfen da Verbote - oder richten sie noch mehr Schaden an? Und spielen die Bürgermeister mit ihren Burkini-Verboten letztlich nicht den Islamisten in die Hände?
Die Bilder des Vorfalls in Nizza, wo die Frau nicht einmal einen Burkini trug, dürften jedenfalls ein gefundenes Fressen für Islamisten sein. "Die Sympathisanten der Dschihadisten scheinen selbst überrascht, dass die städtische Polizei von Nizza für sie die Propaganda-Arbeit übernimmt", sagt der Islamismus-Experte David Thomson dem Sender France Info. Für Islamisten seien die Fotos ein Beispiel, wie "Frankreich eine arme Muslimin demütigt".

"Man kann ohne Übertreibung davon ausgehen, dass die Bilder aus Nizza über Jahre die dschihadistische Propaganda nähren werden", zieht Thomson ein düsteres Fazit. Aber auch in Frankreich drohen die Burkini-Verbote - und ihre strikte Anwendung - zu weiteren Spannungen zu führen. Der Zentralrat der französischen Muslime warnte am Mittwoch angesichts der ausufernden Burkini-Debatte vor einer "Stigmatisierung von Frankreichs Muslimen".

Da wirkt es beinahe tröstlich, dass die Sommerferien sich bald ihrem Ende nähern und die Burkini-Debatte mit dem Ende der Badesaison versickern dürfte. Doch noch ist es nicht soweit: Am Donnerstag wird sich Frankreichs höchstes Verwaltungsgericht mit den Verboten der Ganzkörperbadeanzüge befassen. Ein Urteil wird in den folgen Tagen erwartet - der Burkini wird also weiter für Schlagzeilen sorgen.

jek AFP

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