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Regierungsbildung: Allawi soll Irak regieren

Es scheinen sich alle einig zu sein: Der Arzt, Schiit und ehemalige Oppositionsführer Ijad Allawi soll Ministerpräsident des Irak werden. Für die Übergangsphase ist Ghasi el Jawhar im Gespräch.

Der provisorische irakische Regierungsrat hat den schiitischen Politiker Ijad Allawi als eigenen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten präsentiert. Das bestätigte Regierungsratsmitglied Mahmud Othman in Bagdad. Der arabische Nachrichtensender El Dschasira berichtete unter Berufung auf andere Ratsmitglieder, der US-Zivilverwalter Paul Bremer und der UN-Sondergesandte Lakhdar Brahimi seien damit einverstanden, was von beiden jedoch zunächst nicht bestätigt wurde.

Der Sender berichtete außerdem, als möglicher Präsident für die Übergangszeit, die Ende Juni beginnen soll, sei nun der Sunnit Ghasi el Jawhar im Gespräch. Bislang galt Adnan el Padschadschi als Favorit für dieses Amt.

Allawi präsentiert sich gerne als starken Mann

Ijad Allawi ist der Vorsitzende der Partei Irakischer Nationaler Konsens (INA). Der Mediziner war einst Mitglied der früher regierenden Baath-Partei von Saddam Hussein, bevor er ins Lager der Opposition wechselte. Er präsentiert sich gerne als "starker Mann" mit Kompetenz in Sicherheitsfragen. Seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein macht er sich für die Interessen der "politisch sauberen" Offiziere der irakischen Armee stark.

El Dschasira berichtete zudem, Lakhdar Brahimi wolle spätestens am kommenden Montag die Mitglieder der neu zu bildenden Wahlkommission benennen. Diese sollen die für Januar 2005 vorgesehenen allgemeinen Wahlen organisieren.

In Nadschaf ist am Freitag, nur wenige Stunden nach dem Angriff auf einen Konvoi des irakischen Regierungsratsmitglieds Salama el Chafadschi, erneut ein Attentatsversuch auf einen weiteren schiitischen Politiker misslungen. El Dschasira berichtet, dass das Auto von Scheich Sadreddin el Kabandschi nach dem Freitagsgebet unter Beschuss geraten ist. Der Scheich, der ein führendes Mitglied der Partei von Abdelasis el Hakim, Hoher Rat für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI), ist, blieb unverletzt. Ein Verdächtiger wurde festgenommen. Vor laufender Kamera gestand der Mann, dass er für den Angriff Geld erhalten habe. Den Namen eines Auftraggebers nannte er aber nicht.

Besatzung ist Schuld an der Gewalt im Irak

El Chafadschi gab unterdessen der Besatzungsmacht indirekt die Schuld an der Attacke auf ihren Konvoi, bei der am Donnerstag ihr 18-jähriger Sohn Ahmed und ein Leibwächter getötet worden waren. Die Besatzung sei für die Gewalt im Irak verantwortlich, vor allem da sie die Unantastbarkeit der heiligen Stätten des Islam nicht respektiere, sagte sie in Nadschaf.

Die Pilgerstadt kommt trotz des Waffenruhe-Abkommens nicht zur Ruhe. In der Nachbarstadt Kufa wurden am Freitag zwei US-Soldaten bei einem Beschuss ihres Armee-Fahrzeugs verletzt. Die größte Kaserne der Besatzungstruppen bei Nadschaf wurde mit Mörsern angegriffen. Vier mutmaßliche Milizionäre des Aufstandsführers Muktada el Sadr wurden danach festgenommen. Sie sagten nach Informationen des US-Senders CNN, dass ihnen von einer Waffenruhe nichts bekannt sei.

Durch Kufa marschierten zudem Kämpfer der El-Sadr-Miliz El Mahdi, bewaffnet mit Kalaschnikow-Gewehren und Panzerfäusten. Die Straßen waren menschenleer, die meisten Geschäfte geschlossen. Alle Verbindungen nach Kufa wurden von US-Truppen kontrolliert. Entgegen seiner bisherigen Gewohnheit verzichtete El Sadr darauf, das Freitagsgebet in Kufa zu halten. Ein El-Mahdi-Kämpfer sagte am Freitagmorgen hätten sich US-Militärfahrzeuge der Moschee genähert. Bei einer Schießerei seien drei Milizionäre getötet worden.

Freigelassene Häftlinge geraten unter Beschuss

Zu einer chaotischen Situation kam es bei der Freilassung von bis zu 600 Häftlingen aus dem Gefängnis Abu Ghreib bei Bagdad. Nachdem der Konvoi von 13 Bussen auf der Straße in die Hauptstadt aus unbekannten Gründen zum Stillstand geraten war, wurden die begleitenden US-Soldaten aus umliegenden Häusern beschossen. Hunderte von Angehörigen missachteten die Drohungen der Soldaten, umringten die Busse und führten ihre Verwandten heraus und nach Hause.

Ursprünglich war geplant, dass die Busse die Gefangenen in ihre Heimatorte bringen sollte. Nach der zweiten umfassenden Freilassungswelle seit Bekanntwerden des Folterskandals Ende April werden in dem umstrittenen Gefängnis nun offenbar weniger als 3000 Häftlinge festgehalten. US-Präsident George W. Bush hat den Abriss des Gebäudes und einen Neubau angekündigt.

Putin plädiert dafür, den Irakern möglichst viel Souveränität zuzugestehen

Der russische Präsident Wladimir Putin sprach sich einen Monat vor der geplanten Übergabe der politischen Verantwortung in irakische Hände für die Übertragung möglichst umfassender Souveränitätsrechte aus. Das irakische Volk müsse sein Schicksal in eigene Hände nehmen, sagte Putin der Nachrichtenagentur Interfax. Es müsse dafür gesorgt werden, dass die von den USA und Großbritannien vorgelegte UN-Resolution entsprechend gestaltet werde.