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Britische Presse Zum neuen Premierminister ernannt: Rishi Sunak, "wer hat dich gewählt"?

Titelblätter in England zu Rishi Sunak
Auf allen Titelblättern: Der neue Premier Rishi Sunak – und wie er an die Macht kommt.
© David Cliff / AP / DPA
Keine Überraschung: Die Machtübernahme Rishi Sunaks dominiert die Titelseiten der britischen Presse am Tag danach. Er ist der dritte Tory-Premieminister innerhalb weniger Monate – und auch er wurde wie seine Vorgängerin nicht vom Volk gewählt. Das bleibt an ihm hängen.

Den Briten bleibt nur, das Premier-Karussell der vergangenen Wochen und Monate mit Humor zu nehmen. In den sozialen Medien fand sich daher schon der Vorschlag, die gediegene schwarze Pforte zu 10 Downing Street in London, dem Amtssitz der Premierminister, durch eine Drehtür zu ersetzen. Das würde schließlich dem rasanten Wechsel an der Regierungsspitze entsprechen.

Mit Rishi Sunak, der sich nach einem parteiinternen Rennen um den Tory-Vorsitz durchgesetzt hat (obwohl er erst vor kurzem Liz Truss unterlegen war) und von König Charles III. offiziell beauftragt wurde, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, soll nun endlich Ruhe einkehren. Der 42-Jährige versprach dann auch prompt Seriösität statt Spektakel. Doch sein Start wird alles andere als leicht. Nach dem wirtschaftlichen Chaos, das seine Vorgängerin zum Rücktritt zwang, wird der erste indisch-stämmige britische Premier unpopuläre Entscheidungen treffen müssen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Und: Er ist der nächste Chef in 10 Downing Street, der praktisch durch die Hintertür kommt, weil er nicht vom Volk ins Amt gewählt wurde. Das thematisiert auch die britische Presse.

Rishi Sunak – "unser neuer (nicht gewählter) PM"

Der "Daily Mirror" betitelt Sunak spöttisch als "Unser neuer, (nicht gewählter) Premierminister" und fragt: "Wer hat dich gewählt?" Und dann legt die Zeitung gleich den Finger in die Wunde: "Doppelt so reich wie der König, wird Mister Sunak nun brutale Kürzungen der öffentlichen Mittel einleiten." Der "Mirror" schließt sich der Forderung der oppositionellen Labour-Partei an: "Wir brauchen jetzt eine Wahl."

Der "Daily Record" aus Schottland kritisiert die Umstände, unter denen der neue Premier an die Macht kommt, noch kritischer. "Tod der Demokratie", titelt das Blatt, und begründete seine pessimistische Haltung: Seine eigene Partei habe ihn vor wenigen Wochen noch abgelehnt, und jetzt sei er der einzige Kandidat, der mehr als 100 Unterstützer in dieser Partei auf sich vereinigen konnte. Und dieser Kandidat werde nun ohne Wahlen Premier. Zweifelhaft.

Sunak ermahnt seine Parteikolleg:innen

Der "Guardian" hebt darauf ab, dass Sunak bewusst sei, worum es jetzt gehe. Der Warnung des neuen Regierungschefs an die Abgeordneten der Torys laute: "Vereinigt Euch oder sterbt". Er wolle dem konservativen Psychodrama ein Ende setzen, habe Sunak versprochen. Von nun an soll es um "Politik statt Persönlichkeiten" gehen. Ob da alle heimliche oder offene Unterstützer von Boris Johnson mitgehen?

Auch der "Daily Telegraph" griff den Aufruf Sunaks an seine Tories auf und titelte fast wortgleich: "Sunak sagt den Tories: 'We müssen uns vereinen oder wir sterben". Die "Times" hatte dieser Aufruf des neuen Premiers ebenfalls am meisten beeindruckt, so dass sie ihn ebenfalls zur Titel-Schlagzeile machte.

Morgendämmerung für das Vereinigte Königreich

In seiner eigenen Art schaut das Boulevard-Blatt "The Sun" nach vorne: "Die Macht ist mir dir, Rishi", titelt die Zeitung und zeigt den als Star-Wars-Fan bekannten Sunak im Bild mit einem Lichtschwert. Die Tories würden den 42-Jährigen als neuen Hoffnungsträger sehen, doch bleibt auch nach "Sun"-Lesart an dem Premier hängen, dass er "ohne eine einzige Stimme" ins Amt kommt.

Nicht ganz so euphorisch macht die "Daily Mail" eine Morgendämmerung für Großbritannien" aus. Dazu zähle, dass Sunak vergleichsweise jung sei und zudem der erste Regierungschef mit "asiatischem Erbe". Das wird in Indien tatsächlich besonders gefeiert. Ein britischer Premier mit indischen Wurzeln, der sich ausgerechnet am Tag des hinduistischen Lichterfests Diwali durchsetzen konnte, das begeistert viele Menschen in Indien. Viele Menschen in Indien feierten in den sozialen Netzwerken eine Quasi-Umkehr der Machtverhältnisse. "Indiens Sohn erhebt sich über das Kolonialreich", hieß es im TV. Und Indiens Premierminister Narendra Modi schickte begeisterte Glückwünsche und sprach von einem Wandel historischer Bindungen zu einer modernen Partnerschaft.

Endlich Langeweile statt Lautsprecherei

Das Wirtschaftsblatt "Financial Times" konzentriert sich auf die ökonomischen Herausforderungen, die auf Sunak warten. Das Blatt ist sich sicher, dass sich die "Märkte nach den Truss-Turbulenzen auf eine 'langweilige Dividende' freuen". Seine Partei erwarte von Sunak, dass er die Märkte beruhigen wird und dazu beitrage, Kreditkosten zu senken. "Sunak schwört, dass er die Wirtschaft in den Griff bekommen wird", titelt die "FT". Nicht nur diese Zeitung wird ihn an diesem Schwur messen.

Mit Material von DPA.

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