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Rücktritt verweigert: Nero Mubarak verhöhnt sein Volk

Der verweigerte Rücktritt Husni Mubaraks ist eine zynische Farce. Er nimmt mehr Tote in Kauf. Seine Botschaft: Ich will Ägypten in Flammen sehen. Jetzt muss das Militär ihn stürzen.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Wär's nicht so ernst, wär's ja fast witzig, eine schrille Farce. Da verkünden Militärs unverblümt, dass der ägyptische Präsident Husni Mubarak wohl - endlich, endlich - abdankt, der ganze ägyptische Machtapparat ventiliert die gleiche Botschaft, sogar CIA-Chef Leon Panetta lässt sich mit einem verheißungsvollen Versprechen filmen. Auf dem Tahrir-Platz kommen die Demonstranten zusammen. Alles ist angerichtet für die große Nacht des ägyptischen Volkes, für eine historische Nacht.

Und dann erscheint ein wächsern dreinblickender Mubarak, Berlusconi-like, auf dem Bildschirm - und redet und redet und redet. Er macht Zugeständnisse, schafft die Notstandsgesetzgebung ab, macht seinen Verteter Omar Suleiman de facto zum starken Mann. Aber der eine, der entscheidende Satz fällt nicht: "Ich stelle mein Amt sofort zur Verfügung" oder: "Ich trete mit sofortiger Wirkung zurück." Nix. Nach 18 Minuten ist Schluss.

Und weltweit knallen Kinnladen auf den Boden. Gibt's das? Spinnt der? Mubarak hat es allen gezeigt. Es war sein letzter Coup.

Eine der zynischsten Reden der Geschichte

Mubaraks Rede hat das Zeug, als eine der zynischsten Reden in die Geschichte einzugehen, die je ein Herrscher an sein Volk gerichtet hat. In blumigen Worten hat er nichts anderes gesagt als: "Brenn', Ägypten, brenn'!" Nero Mubarak hat in Kauf genommen, dass sich die Euphorie der Straße in blanke Wut verwandeln könnte, in Gewalt, dass dieser Freitag ein blutiger Freitag werden könnte, mit noch mehr Toten. Absurd, höhnisch, dass er die Toten der vergangenen Tage da als "Märtyrer" bezeichnet, deren Tod ihn schmerze. Mubarak nimmt eine Eskalation in Kauf, obgleich er weiß, dass die Tage seiner politischen Macht gezählt sind. Sein Volk will ihn ohnehin loswerden, aber nun hat sich offenbar auch das Militär von ihm abgewendet - und die Freunde in Washington haben jetzt, viel zu spät, auch genug von ihm. Claus Kleber, der "Heute-Journal"-Moderator, hat das am Donnerstagabend live so präzise und klar formuliert wie sonst keiner im deutschen Fernsehen: Die Kluft zwischen Herrscher und Volk könnte nicht größer sein. Es ist völlig unklar, was der 82-Jährige von der Wirklichkeit überhaupt noch mitbekommt.

Für diesen Freitag bleibt nur zu hoffen, dass der Gewaltausbruch in Ägypten doch noch verhindert werden kann, dass das Militär Mubarak jetzt schnell aus dem Amt zwingt statt gegen die Demonstranten vorzugehen. Seine 30 Jahre währende Herrschaft ist vorbei, den Gang über eine goldene Brücke hat er sich selbst verstellt. Nun kann es nicht sein, dass Husni Mubarak sein Land entflammt und weitere Kritiker für seine menschenverachtende Wirklichkeitsferne mit dem Leben zahlen müssen. Im Gegenteil. Das ägyptische Volk hat es verdient, nun endlich Mubaraks Abgang feiern zu dürfen.