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Ehemaliger russischer Doppelagent Russland: Skripal wurde mit Kampfstoff aus dem Westen vergiftet

Sergej Skripal arbeitete jahrelang als Offizier für den russischen Militärgeheimdienst – und spionierte unterdessen für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6. 2004 fliegt sein Doppelleben auf. Zwei Jahre später wird er in Russland wegen Hochverrats zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. 2010 kommt er bei einem Agentenaustausch mit den USA frei und lebt seitdem als britischer Staatsbürger in Großbritannien. Eine Chronik der Ungereimtheiten

4. März: Sergei Skripal und seine Tochter Julia werden bewusstlos auf einer Bank im südenglischen Salisbury gefunden. Mit Anzeichen einer Vergiftung werden sie in eine Klinik eingeliefert.

7. März: Die britische Polizei teilt mit, dass die Skripals mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden seien. Beide befinden sich in einem kritischen Zustand.

9. März: Der russische Außenminister Sergej Lawrow streitet jegliche Schuld Russlands ab.

12. März: Premierministerin Theresa May teilt mit, dass die Skripals von dem militärischen Nervengift Nowitschok vergiftet worden seien, das während des Kalten Kriegs in der Sowjetunion entwickelt worden sei. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Gift aus Russland kommt."

13. März: Lawrow bezeichnet die Vorwürfe einer Verantwortung Russlands für den Angriff als „Unsinn“.

14. März: May gibt bekannt, dass 23 russische Diplomaten Großbritannien innerhalb einer Woche verlassen müssen. Der russische Staat ist laut May vermutlich schuldig am versuchten Mord der Skripals.

17. März: Russland kontert und verweist ebenfalls 23 britische Diplomaten außer Landes.

22. März: Die EU stellt sich in einer gemeinsamen Erklärung hinter Großbritannien. EU-Ratspräsident Donald Tusk twittert: "Die EU stimmt mit der britischen Regierung überein, dass Russland höchst wahrscheinlich für die Attacke in Salisbury verantwortlich ist, und es keine andere plausible Erklärung gibt." Gleichzeitig erhält die Organisation OPCW die Erlaubnis, Blutproben der Skripals zu untersuchen.

26. März: Mehr als 20 westliche Staaten weisen insgesamt rund 130 russische Diplomaten aus - Unterstützung erhält Großbritannien unter anderem auch von den USA.

28. März: Die britische Polizei gibt bekannt, Spuren des Nervengiftes Nowitschok an der Haustür der Skripals gefunden zu haben.

29. März: Russland weist 60 US-Diplomaten aus und schließt das US-Konsulat in St. Petersburg.

31. März: Russland fordert den Abzug von mehr als 50 weiteren britischen Diplomaten.

1. April: Die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, unterstellt dem Westen laut einem Bericht der BBC, die Fußball-WM zu boykottieren: Maria Zakharova, Sprecherin russisches Außenministerium

2. April: Außenminister Sergej Lawrow nennt das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland als so schlecht, wie lange nicht mehr. Die Anschuldigungen seien eine "verrückte und schreckliche Provokation".

3. April: Das britische Militärlabor gibt bekannt, dass es sich zwar um das Nervengift Nowitschok handelt, eine russische Herkunft des Nervengifts allerdings nicht eindeutig nachgewiesen werden kann. Großbritannien bleibt bei seinen Anschuldigungen gegenüber Russland.

04. April: Moskau kritisiert, dass die Ermittlungspraktiken der britischen Behörde und der OPCW zu intransparent seien und fordert eine neue, unabhängige Untersuchung mit russischer Beteiligung. Die britische Delegation bei der OPCW weist den Vorschlag als „pervers“ zurück und deklariert ihn als Ablenkungsmanöver. Der britische Außenminister Boris Johnson steht in der Kritik: In einem Interview mit der Deutschen Welle sagt er, dass es „keinen Zweifel“ an der Herkunft des Nervengiftes gebe. Ein Tweet seines Ministeriums, der aussagt, dass das Nervengift in Russland hergestellt worden sei, wird unterdessen gelöscht. Die russische Botschaft in London reagiert prompt und fragt: Warum sollte das britische Außenministerium den Tweet vom 22. März löschen?

05. März: Auch Deutschland hält an den Vorwürfen gegen Russland fest: Außenminister Heiko Maas sagt, dass die von Großbritannien vorgelegten Informationen so "eindeutig" auf eine russische Verantwortung für den Giftanschlag hinweisen, „dass wir keine andere plausible Erklärung haben". Julia Skripal äußerst sich erstmals seit dem Angriff öffentlich gegenüber der britischen Polizei, ihr gehe es langsam besser. Ihr Vater Sergej Skripal ist in einem stabilen aber nach wie vor kritischen Zustand. Einem Bericht der "Times of London" zufolge hat der britische Geheimdienst ein russisches Militär-Forschungslabor als Quelle des Giftes identifiziert. Die Zeitung beruft sich auf ein Treffen des britischen Geheimdienstes mit Verbündeten. Bei einer eigens einberufenen UN-Sicherheitsratssitzung beteurt der russische UN-Botschafter Alexander Jakowenko die Unschuld seines Landes: Russland habe das Nervengift Nowichok nie hergestellt oder besessen.

Die Frage bleibt offen: Ist Russland Täter oder Opfer?
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Der Fall Sergej Skripal beschäftigt weiterhin die Welt. Russlands Außenminister Lawrow zweifelt an den Untersuchungsberichten. Das verwendete Gift stamme nicht aus Russland, sondern aus dem Westen.

Neue Vorwürfe im Fall Sergej Skripal: Russland hält den Bericht der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) über den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten für unvollständig.

Ein Schweizer Labor habe in den Blutproben Spuren des chemischen Kampfstoffes BZ gefunden, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow in Moskau. Dessen Wirkung setzt seinen Angaben zufolge in bis zu 60 Minuten ein und hält bis zu vier Tage an. Die Erkenntnisse des Labors in Spiez blieben jedoch in dem Bericht der Organisation für ein Verbot von Chemiewaffen (OPCW) unerwähnt, hieß es.

Skripal und seine Tochter Julia waren Anfang März bewusstlos auf einer Parkbank im südenglischen Salisbury gefunden worden. Der Fall löste einen diplomatischen Konflikt zwischen Russland und zahlreichen westlichen Staaten aus.

Keine Giftstoffe mit dieser Formel wurden in Russland entwickelt

Lawrow sagte der Agentur Interfax zufolge, weder in Russland noch in der Sowjetunion seien Giftstoffe entwickelt worden, die der Formel entsprechen. "Diese Substanz findet sich im Arsenal der US-Armee, Großbritanniens und anderer Nato-Länder." Moskau werde die Organisation mit den Schweizer Ergebnissen konfrontieren.

Die OPCW hatte am Donnerstag in Den Haag die Ergebnisse ihrer Experten veröffentlicht. Die britische Behörden gehen davon aus, dass der in der früheren Sowjetunion entwickelte Stoff Nowitschok verwendet worden war. Die OPCW bestätigte die Londoner Angaben, äußerte sich aber nicht dazu, woher das Gift kam und wer für den Anschlag auf Skripal und seine Tochter Julia verantwortlich ist.

vit DPA

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