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Russland: Langfinger im Tarnanzug

Während Geschäftsleute im russischen Frühkapitalismus Vermögen scheffeln, leben Soldaten und Offiziere weiterhin ärmlich. Der Diebstahl von Armee-Eigentum ist für sie die einzige Möglichkeit, zu Geld zu kommen.

In den russischen Streitkräften bleibt der massenhafte Diebstahl von Waffen und anderen Ausrüstungsgütern ein unlösbares Problem. Manchmal sind die Delikte skurril: So wurde in St. Petersburg ein zerlegter Kampfjet Mig-31 entdeckt, der als Altmetall verscherbelt werden sollte. In anderen Fällen hat der Diebstahl nach Medienberichten tödliche Folgen: In Tschetschenien verkaufen korrupte russische Offiziere den Rebellen die Gewehre und Minen, denen die eigenen Soldaten dann zum Opfer fallen.

Der Diebstahl untergräbt die von Präsident Wladimir Putin und seinem Verteidigungsminister Sergej Iwanow angestrebte Erhöhung der Kampfkraft der Armee. Dabei lässt sich das Ausmaß der Kriminalität anhand einzelner offizieller Angaben nur erahnen. Im ersten Halbjahr 2004 seien 43 Kommandeure wegen Diebstahls oder Unterschlagung angeklagt und 35 von ihnen verurteilt worden, teilte die Militärjustiz mit.

Halbe-halbe mit den Lieferanten

Zu dreieinhalb Jahren Haft wurde ein Oberst aus dem Wehrkreis Sibirien verurteilt, der bei Lebensmittelkäufen zu überhöhten Preisen halbe-halbe mit den Lieferanten gemacht hatte. Der Staatsanwalt erklärte, von den unterschlagenen elf Millionen Rubel (305 000 Euro) hätte "ein Panzergrenadier-Regiment ein ganzes Jahr verpflegt werden können" - allerdings wohl nur bei der berüchtigt schmalen Kost in der russischen Armee.

Militärexperten sehen den Beginn des moralischen Verfalls der Armee im sowjetischen Krieg in Afghanistan (1979 bis 1989), als erstmals Waffen- und Drogenhandel einrissen. Später bot der chaotische Abzug der Streitkräfte aus Deutschland und Mitteleuropa unzählige Möglichkeiten zur Bereicherung.

Die Soldaten sind wirtschaftlich zu kurz gekommen in den mittlerweile fast zwei Jahrzehnten Umbruch in Russland. Während Geschäftsleute im russischen Frühkapitalismus Vermögen scheffeln, leben die Offiziere weiterhin ärmlich. Die ganze Welt konnte 2000 am Fernsehen mitansehen, in was für einer schäbigen Baracke der Kapitän des untergegangenen Atom-U-Bootes "Kursk" wohnte.

Bei vielen Bränden in russischen Munitionsdepots ist es ein offenes Geheimnis, dass nicht wie offiziell behauptet Blitzeinschlag die Ursache war. Mit Brandstiftung soll der Schwund an Munition und Waffen verschleiert werden.

Diebstahl als einzige Geldquelle

Der Diebstahl von Armee-Eigentum ist für Soldaten die einzige Möglichkeit, zu Geld zu kommen. Seit 1992 habe der Waffenklau die unglaubliche Summe von etwa zehn Milliarden Euro Schaden angerichtet, berechnete die Zeitung "Komsomolskaja Prawda" 2002. In einem spektakulären Fall stand 2002/2003 der Finanzchef des Verteidigungsministeriums, Generaloberst Georgi Olejnik, wegen angeblicher Unterschlagung von 450 Millionen US-Dollar für Baumaterialien vor Gericht. Das Verfahren wurde indes eingestellt.

"Es gab über Jahre eine Negativauslese, so dass sich in der Armee ein Kern von Offizieren und Beamten, die stehlen, gebildet hat", meint der russische Wehrexperte Alexander Wladimirow. "Kriminelle kooperieren mit Kriminellen, weil sie sich leicht einig werden." Nur durch eine bessere öffentliche Kontrolle könne die Kriminalität in Armee und Staatsapparat gesenkt werden. Dafür fehle es Russland allerdings an einer starken Zivilgesellschaft.

Friedemann Kohler/DPA / DPA