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Russland: Putin feuert seinen Premier

Seit Monaten gab es bereits Spekulationen über eine mögliche Absetzung des russischen Ministerpräsidenten. Jetzt hat Präsident Putin Michail Kasjanow und dessen Kabinett entlassen - vor allem aus Sorge um die Wahlmüdigkeit der Bürger.

Knapp drei Wochen vor der Präsidentenwahl hat Wladimir Putin (51) mit einem Paukenschlag gezeigt, wer Herr in Russland ist. Vor aller Augen im Fernsehen entließ der Präsident die offizielle Nummer zwei im russischen Machtgefüge, den Ministerpräsidenten Michail Kasjanow (46). Er wolle bereits vor der Wahl am 14. März zeigen, mit wem er in seine zweite Amtszeit gehe, erläuterte Putin.

Über eine Entlassung Kasjanows und seines Kabinetts war in Moskau schon lange spekuliert worden, überraschend war allenfalls der Zeitpunkt vor der Wahl. Er habe erst 30 Minuten vorher von Putins Erlass erfahren, sagte Gesundheitsminister Juri Schewtschenko, auf einmal nur noch kommissarisch im Amt.

Letzter Statthalter der "Familie"

Kasjanow war noch unter Putins Vorgänger Boris Jelzin in die Regierung aufgestiegen. Er galt als letzter Statthalter der "Familie", der mit Jelzin verbundenen Wirtschaftskreise, in der russischen Führung. Von dem anderen wichtigen Kader aus "Familien"-Zeiten, dem Leiter des Präsidialamtes Alexander Woloschin, hatte sich Putin im Oktober 2003 getrennt.

Für den Westen war Kasjanow über die Jahre ein verlässlicher Partner bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. In den vergangenen Monaten setzte er sich deutlich vom Kreml ab. Gegen die Anweisung Putins äußerte er sich kritisch zum Vorgehen der Justiz gegen den Ölkonzern Yukos und dessen Chef Michail Chodorkowski.

Den Anzeichen nach zog Putin die Personalie Kasjanow vor, um dem bislang spannungsarmen Präsidentschaftswahlkampf politisches Gewicht zu geben. Keiner der sechs Herausforderer kann Putin auch nur ansatzweise gefährden, so dass die Kreml-Strategen sich vor allem Sorgen wegen der Wahlmüdigkeit der Bürger machen. Für eine gültige Wahl muss die Beteiligung mehr als 50 Prozent betragen.

Wahlkampf mit Fehlzündungen

Putins eigener Wahlkampf hatte bislang mehrere Fehlzündungen. Mit einem Auftritt vor seinen Wahlhelfern handelte er sich einen milden Rüffel der Wahlleitung ein, weil die staatsnahen Fernsehkanäle die Rede in voller Länge übertrugen. Die russische Nordflotte verpatzte dem Oberkommandierenden die schönen Fernsehbilder, als vor seinen Augen der Abschuss von Interkontinentalraketen nicht klappte.

Offen blieb am Dienstag, ob der übergangsweise eingesetzte Sibirier Viktor Christenko tatsächlich Putins Wahl als Regierungschef für die zweite Amtszeit ist. Russische Experten setzten bislang auf folgendes Suchprofil: Der nächste Ministerpräsident müsse ein pro-westlicher Wirtschaftsreformer sein, er sollte wie Putin aus St. Petersburg kommen, dürfe aber nicht der erstarkten Geheimdienstfraktion angehören.

All dies passte am ehesten auf Finanzminister Alexei Kudrin (42). Allerdings lief sich Kudrin in den vergangenen Wochen sehr offensichtlich für den Spitzenposten warm - vielleicht ein Manko in den Augen des Kremls.

Friedemann Kohler / DPA