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Sarah Palin: Witzfigur oder Wunderkind?

Nach verpatzten TV-Interviews setzt niemand mehr einen Pfifferling auf Sarah Palin: Noch vor kurzem war sie das Ass im Republikaner-Ärmel, nun entpuppt sie sich als Schwarzer Peter. Das anstehende TV-Duell wird zum Charaktertest. Es ist ihre Chance, das Blatt noch einmal zu wenden.

Von Sonja Hartwig, New York

Das konservative Amerika holt tief Luft. Die gute Nachricht ist, an diesem Tag wird es keine schlechte geben. Zumindest nicht über die Vize-Kandidatin der Republikaner. Vor einem Monat zauberte sie noch ein Lächeln auf die Gesichter, ohne dass sie Großes tat. Seit einer Woche produziert sie Lacher, ohne dass sie einen Gag machen will. Sarah Palin ist dabei, sich selbst zu entzaubern.

In einem Interview mit dem TV-Sender CBS wird sie gefragt, wie sie sich über die Welt informiert, welche Zeitungen sie liest. Eine einfache Frage, doch Palin gerät ins Schleudern. "Fast alle", antwortet sie. Und welche genau? "Alle." Können Sie einige Namen nennen? "Ich habe eine große Auswahl an Quellen, um mich zu informieren. Alaska ist kein Ausland, in dem keine Nachrichten aus Washington ankommen."

Nun herrscht aber erst einmal Ruhe. Geht alles glatt, wird es bis zum TV-Duell an der Washington Universität in St. Louis keine neue Aufregung geben: Sarah Palin wurden Übungsstunden verdonnert. Debattentraining auf der Ranch von John McCain in Sedona, Arizona. Hausarrest für die Hoffnungsträgerin der Republikaner. Am Werk sind Profis, ehemalige Bush-Berater. Ihre Aufgabe: Den Newcomer aufpäppeln. Das Profil schärfen. Die Nation soll in Palin die feminine Frau in Designerstiefeln und die fürsorgliche Mutter von fünf Kindern sehen - nicht eine herumtapsende und sichtlich überforderte Provinzpolitikern. McCains Team will die Kontrolle zurückgewinnen. Von nun an soll nichts mehr schief gehen. Denn sie wissen: Bei der Debatte der Vizekandidaten werden alle ganz genau hinsehen und ganz genau hinhören. Palin muss sicher jede Katastrophe umschiffen - nicht noch einmal darf sie den Gagschreibern der Satire-Show "Saturday Night Life" den Job wegnehmen, die mit ihrer Interview-Parodie einen You-Tube-Hit landeten. Sie muss vor allem eines vermeiden: unfreiwillig komisch zu sein.

Palin wie eine naive Tochter

Sarah Palin steht im Mittelpunkt, ihr Name ist in aller Munde. Wieder einmal hat sie es geschafft zu polarisieren. Genau genommen tut sie nichts anderes als das, seitdem sie vom fernen Alaska auf die politische Bühne Amerikas getreten ist. Galt sie nach dem Parteitag der Republikaner als Problem für Obama, ist sie nun das von John McCain. Jetzt traten sie zusammen im Fernsehen auf - doch als ihre Fehltritte zur Sprache kamen, nahm Daddy John sie in Schutz. Er verteidigte seine Vizekandidatin wie eine naive Tochter, die während des Matheunterrichts vorlaut dazwischen gequatscht hat. "Ich bin so stolz auf das, was sie macht", sagte er strahlend. Doch verstecken konnte er sie nicht, seine ängstlichen Augen.

Palin, der neue politische Popstar der Konservativen, muss schnell erwachsen werden. Wenn nicht, wird ihr Glanz schnell verblassen - einen Vorgeschmack dessen hat sie längst bekommen. Kolumnisten und Kommentatoren, selbst aus dem konservativen Lager, sparen nicht mit Kritik. "Sie hat gründlich und wahrscheinlich sogar unwiederbringlich bewiesen, dass sie nicht fähig sein würde für den Job als Präsidentin Amerikas", sagt David Frum, früherer Redenschreiber von US-Präsident George Bush. Palin, vor ein paar Wochen noch verehrt, wird nun verrissen und verdrängt. Kathleen Parker, Kolumnistin beim konservativen Magazin "National Review", rät zum Rücktritt. Wenn sie sich mehr um ihr Neugeborenes kümmern möchte, wer solle ihr das schon verübeln, fragte sie im Republikaner-Blatt.

Erst Missgeschicke, dann die Misstöne und nun auch noch Misstrauen. Dass Sarah Palin ihre Schwungkraft zurückgewinnt, daran glaubt niemand mehr so recht. Die Messlatte für ihren Auftritt bei der TV-Debatte hängt niedrig - aber genau das gibt ihr die Chance, sie zu reißen. "Mit ihrem katastrophalen Auftritt hat Palin die Erwartungen derart heruntergeschraubt, dass sie wahrscheinlich überraschend gut im Duell mit Joe Biden abschneiden wird", unkt James Fallows vom "Atlantic".

Alle hoffen auf TV-Duell

Wenn sie im TV-Duell überrascht, kann sie das Blatt noch wenden. Die Devise: Trotz schlechter Karten den Joker ausspielen. "Sarah wird die Leute mit ihrem Auftritt begeistern. Mit ihrem Stil und ihrer Art, Menschen für sich einzunehmen", sagt Ron Carey, Vorsitzender der Republikaner in Minnesota. Eine gehörige Portion Zweckoptimismus.

Der ist auch nötig, angesichts des negativen Trends in den Umfragen. In einer Befragung des "Wall Street Journal" und des TV-Senders NBC sanken ihre Zustimmungswerte um neun Prozent. Immer mehr Wähler lehnen Palin auch als künftige Vizepräsidentin ab - die Umfrage ergab hier einen Anstieg von fünf Prozent.

Und so fragen sich viele: Wo ist die Sarah, die in St. Paul begeisterte und beeindruckte. Wo ist die Sarah, die den Wahlkampf durcheinander wirbelte, die McCain die Show nahm und Obama die Story stahl? Was ist aus der Rebellin geworden, die die große Politik immer mit dem kleinen Privaten erklärte, die Menschen bewegte, weil sie eine von ihnen war? In den amerikanischen Medien wird eine Antwort immer lauter diskutiert: Diese Sarah Palin wollte man nicht, diese Palin war ein Phänomen, sie gehörte nicht in diese Partei. Deswegen wurde sie zum PR-Produkt.

Die Partei versteckt Palin

Sie wurde hervorgeholt, um die Hallen mit Menschen zu füllen, aber weggesteckt, bevor sie den Mund aufmachen konnte, schreibt Nancy Gibbs im TIME-Magazin. Die von Männern mit weißen Haaren dominierte Wahlkampfmaschinerie der Republikaner stoppte die Frau mit Absatzschuhen und Lippenstift: Keine Konferenzen, wenig Interviews. Reporter, die mit ihr reisten, durften keine Frage stellen. In der Woche zwischen ihrem Auftritt beim Parteitag bis zum ersten Interview, in dem sie keine gute Figur abgab, tauchte sie kein einziges Mal in der Öffentlichkeit auf - Joe Biden, Vizepräsidentschaftskandidat der Demokraten, hingegen 54 Mal. Eine fatale Strategie des McCain-Lagers, stachen so doch die wenigen TV-Interviews von Palin umso mehr hervor. Auch ihr Rivale Joe Biden ist nicht frei von Patzern. Seine Fehltritte gehen jedoch in der Vielzahl von Auftritten unter, im Medienbetrieb schenkt man ihnen nur wenig Beachtung.

"Der Palin-Effekt verliert so schnell an Wirkung", schreibt Hanna Rosin deshalb im XX-Factor Blog, "weil die gestandenen Parteigänger so sehr versuchen, sie in ein Haustier zu verwandeln - liebenswert aber stumm." Bei der TV-Debatte mit Biden hingegen muss sie sprechen. Dann steht sie allein vor der ganzen Nation. Und alle schauen gebannt zu: Die Palin-Verehrer und die Palin-Verächter. "Diese Debatte wird ausschlaggebend dafür sein, wie Frau Palin für den Rest der Kampagne wahrgenommen wird", sagt Saul Anuzis, Vorsitzender der Republikaner in Michigan. Das TV-Duell: ein Charaktertest für Palin - ist sie Witzfigur oder Wunderkind?

  • Sonja Hartwig