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Schritt zur "dauerhaften Gemeinschaft" Kirchen Polens und Russland rufen zur Versöhnung auf


Es ist ein historisches Zeichen der Versöhnung: In einem feierlichen Appell haben die russisch-orthodoxe Kirche und die katholische Kirche Polens zu gegenseitiger Vergebung aufgerufen.

Die russisch-orthodoxe Kirche und die katholische Kirche Polens haben am Freitag beide Nationen in einem feierlichen Appell zur Versöhnung aufgerufen. Der Moskauer Patriarch Kirill I. und der katholische Erzbischof Jozef Michalik unterzeichneten das Dokument im Königsschloss von Warschau. Darin kritisieren beide Kirchen zudem, dass die Grundwerte des Christentums in der modernen Welt bedroht seien.

Die Kirchenoberhäupter forderten in der "Gemeinsamen Erklärung an die Völker Polens und Russlands" die Gläubigen auf, "um Vergebung für das gegenseitig begangene Unrecht und das zugefügte Leid" zu beten. Der Aufruf sei ein erster Schritt zu einer "dauerhaften Gemeinschaft und vollständigen Versöhnung". In dem Versöhnungsaufruf betonten beide Kirchen ihre Ablehnung liberaler Werte. Unter dem "Vorwand des Laizismus und der Verteidigung der Freiheit" werde "das Fundament der zehn Gebote in Frage gestellt". Die Kirchenoberhäupter kritisierten Abtreibung, Sterbehilfe und Ehen von Gleichgeschlechtlichen.

Die Aufenthalt des russischen Kirchenoberhaupts in Polen wurde von Protesten gegen den Pussy-Riot-Prozess in Moskau begleitet. Einige Sympathisanten der Mitglieder der Frauenband empfingen den Patriarchen mit "Pussy Riot!"-Rufen, polnische Feministinnen und Intellektuelle verurteilten das Vorgehen gegen die Musikerinnen, die am Freitag wegen "Rowdytums" schuldig gesprochen wurden. Der 65-jährige Kirill I. hatte den Musikerinnen "Blasphemie" vorgeworfen und sich für eine harte Bestrafung ausgesprochen.

Schwieriges Verhältnis zwischen beiden Ländern

Der gemeinsame Aufruf der beiden Kirchenführer wurde seit dem Februar 2010 vorbereitet. Kirill I. traf am Donnerstag zu einem viertägigen Besuch in Warschau ein. Es handelt sich um die erste Visite eines russischen Kirchenoberhaupts in Polen. Das Verhältnis zwischen der polnischen katholischen Kirche und ihrer russisch-orthodoxen Schwesterorganisation ist historisch ebenso belastet wie das ihrer Länder.

Vier Jahrhunderten blutiger Gebietsstreitigkeiten, in denen Russland das kleinere Polen immer wieder bevormundete und Teile des Landes besetzte, aber auch die Ära der sowjetischen Herrschaft im früheren Ostblock haben ein tiefes Misstrauen zwischen beiden Nationen geschürt.

Teile der polnischen Bevölkerung wittern bis heute eine russische Verschwörung hinter dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine nahe der russischen Stadt Smolensk. Bei dem Unfall im April 2010 kamen alle 96 Insassen ums Leben, darunter der damalige Staatschef Lech Kaczynski. Vergangenen Sommer gab eine polnische Untersuchungskommission jedoch der eigenen Seite die Hauptschuld an dem Unglück. Wesentlicher Grund war demnach die mangelnde Ausbildung der Besatzung.

Kirill I. traf am Donnerstagabend mit dem polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski zusammen. Die Kirchen könnten einen "bedeutenden" Beitrag für die Versöhnung leisten und dabei helfen, "Vorurteile zu überwinden", sagte Komorowski. Etwa 500.000 von mehr als 38 Millionen Polen gehören dem orthodoxen Glauben an. Erzbischof Michalik sagte dem polnischen TV-Sender TVN24, der Besuch von Kirill I. könnte dazu führen, dass die Russen "auch die Kirche in Rom" mit "neuen Augen" sähen.

AFP AFP

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