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Parade in Belgrad Serbiens Präsident will die Europride absagen – der Rest Europas ist darauf nicht stolz

Teilnehmende bei der Belgrad Pride im Jahr 2021.
Teilnehmende bei der Belgrad Pride im Jahr 2021. Die Europride 2022 in der serbischen Hauptstadt wurde abgesagt.
© Andrej ISAKOVIC / AFP
Im September sollte in Belgrad die Europride stattfinden, eine paneuropäische LGBTQI-Veranstaltung. Doch Präsident Aleksandar Vucic sagte die Pride-Veranstaltung ab, aus "Sicherheitsbedenken". Im Rest Europas ist man nicht erfreut darüber.

Es sollte die erste Europride im Südosten Europas sein. Vom 12. bis 18. September sollte es in der serbischen Hauptstadt Belgrad Paraden, Konferenzen, Theater, Film und Kunst geben bei diesem Festival der LGTBQI-Gemeinschaft, das seit 1992 jeden Sommer in einem anderen europäischen Land organisiert wird. LGBTQI, das steht für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer und intersexuell.

Doch einer macht einen Strich durch die Rechnung: Serbiens Präsident Aleksandar Vucic. Dieser hatte am Wochenende erklärt: "Die Pride-Parade, oder wie auch immer man sie nennen mag, wird verschoben oder abgesagt."

Es gebe "alle möglichen Probleme", darunter Engpässe bei der Energie- und Lebensmittelversorgung. Es gebe aber auch Sicherheitsbedenken aufgrund der jüngsten Spannungen zwischen Serbien und dem Kosovo. Vucic sagte, er sei "nicht glücklich" über die Entscheidung, die Europride abzusagen, "aber wir können nicht alles auf einmal tun". "Natürlich gefährdet dies die Rechte von Minderheiten und das ist ein Problem für uns, aber im Moment wird der Staat durch alle möglichen Probleme unter Druck gesetzt."

Lesbische Ministerpräsidentin verteidigt Absage

Auch die Regierung des Landes beharrte auf einer Absage. Ministerpräsidentin Ana Brnabic – offen lesbisch und mit einer Frau zusammenlebend – begründete das Verbot ebenfalls mit drohenden Spannungen mit dem Nachbarland Kosovo, obwohl beide Staaten eigentlich ihren Streit um die gegenseitige Anerkennung von Personaldokumenten beigelegt hatten.

Auf Serbien komme eine "höllische Zeit" zu, weil man weitere Schritte des Kosovos befürchte, sagte Brnabic, wie serbische Medien berichteten. Zwar habe man sich mit dem Nachbarland hinsichtlich der Personalpapiere geeinigt. Doch gebe es weiter Spannungen, weil man zum Umgang mit den KFZ-Kennzeichen beider Länder zu keinem Einvernehmen gekommen sei. Jetzt gehe es darum, alle Kapazitäten der Sicherheitskräfte bereitzuhalten, "um jegliche Gewalt im Kosovo zu verhindern". Für die Sicherung der Europride blieben nicht genügend Polizeikräfte übrig, führte Brnabic weiter aus.

Serbien liegt mit Kosovo im Dauerstreit, weil Belgrad die 2008 erklärte Unabhängigkeit seiner einstigen serbischen Provinz nicht anerkennt. Zur Einigung über den Umgang mit Personaldokumenten war es nach Vermittlung von EU und USA gekommen.

Europride will trotzdem stattfinden

Die Organisatoren erklärten nach der Absage umgehend, dass sie an dem Termin festhalten wollten. "Der Staat kann Europride nicht absagen – er kann nur versuchen, sie zu verbieten, was ein klarer Verstoß gegen die Verfassung wäre", erklärte Koordinator Marko Mihajlovic.

"Das ist eine ziemliche Niederlage für Serbien", sagte Mihajlovic dem Nachrichtenmagazin "Politico". "Jetzt, wo wir in Belgrad eine Veranstaltung von europäischem Ausmaß organisieren und viele Leute ihre Teilnahme angekündigt und Tickets gekauft haben, wird sie abgesagt."

Die Präsidentin des Zusammenschlusses der europäischen Organisatoren von Pride-Veranstaltungen (Epoa), Kristine Garina, erklärte: "Weder die Gastgeber noch wir als Lizenzgeber werden die Europride absagen". Sie prangerte die "Rechtswidrigkeit eines solchen Verbots" an und hob hervor, dass Europride "eine Feier der Menschenrechte und der Gleichheit" sei.

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EU-Parlamentarier schreiben Appell an Vucic und Regierung

Auch im Rest Europas herrscht Unverständnis für die Absage der Europride. Norwegens Außenministerin Anniken Huitfeldt schrieb bei Twitter: "Wir alle sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren, und sexuelle und geschlechtliche Vielfalt existieren in allen Ländern und Gemeinschaften. Ich unterstütze Europride und ermutige Serbien, die Europride 2022 in Belgrad zu ermöglichen."

Schwedens Außenministerin schrieb ebenfalls auf Twitter: "Gastgeber der Europride zu sein ist eine Ehre und eine Gelegenheit, das Prinzip der Nichtdiskriminierung, ein Menschenrecht, zu betonen. Ich bedauere es zu hören, dass Serbien seine Unterstützung für die Veranstaltung zurückzieht. LGBTQI-Rechte sind Menschenrechte."

Eine Vielzahl an EU-Abgeordneten hat Vucic aufgefordert, die Entscheidung rückgängig zu machen. "Prides waren und bleiben ein wichtiges Instrument für die Sichtbarkeit der LGBTQI-Gemeinschaft", erklärten 145 Abgeordnete des EU-Parlaments am Mittwoch in einem Schreiben an den serbischen Präsidenten. Vucic solle die Parade Mitte September "wie geplant stattfinden" lassen.

Die Europarlamentarier, darunter deutsche Abgeordnete der Grünen, SPD, Linke und FDP, forderten zudem genügend Ordnungskräfte für mehr Sicherheit bei der Parade. "Wir sind uns bewusst, dass die Sicherheit der Demonstranten bedroht ist", aber ein Verbot der Veranstaltung "ist nicht die richtige Lösung", hieß es in dem Schreiben weiter. Gewalttätige Gegenproteste bei Prides seien "leider nicht neu", weshalb die Polizei "effizient und ausreichend reagieren" solle.

LGBTQI in Serbien mit Gewalt konfrontiert

Die ersten Gaypride-Märsche in Belgrad in den Jahren 2001 und 2010 waren von Gewalt überschattet. Seit 2014 findet die Kundgebung regelmäßig statt, begleitet von einem großen Sicherheitsaufgebot. Viele Angehörige sexueller Minderheiten sehen sich in dem Balkanstaat weiterhin mit Tabus, Vorurteilen und auch Gewalt konfrontiert. In einer im Jahr 2020 veröffentlichten Erhebung der Menschenrechtsorganisationen Ideas und Glic berichteten fast 60 Prozent der befragten Angehörigen sexueller Minderheiten von Erfahrungen mit körperlichen oder emotionalen Misshandlungen.

Doch es gibt auch Unterstützer der Regierungsentscheidung: Tausende orthodoxe Christen sind am Sonntag in der serbischen Hauptstadt Belgrad auf die Straße gegangen, um die Absage der Europride durch die Regierung zu unterstützen. Wie ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP berichtete, trugen die Demonstranten Heiligenikonen, Kreuze und religiöse Fahnen durch das Stadtzentrum, sangen und beteten.

Menschen zeigen Bilder des russischen Präsidenten Putin und Mihailovic während eines Protests
Menschen zeigen Bilder des russischen Präsidenten Putin (M) und des umstrittenen serbischen Führers aus dem Zweiten Weltkrieg, Mihailovic (l), während eines Protests gegen die internationale LGBT-Veranstaltung Europride.
© Darko Vojinovic/AP / DPA

Orthodoxe Kirche offen gegen LGBTQI

Zum Abschluss versammelten sie sich vor dem Dom des Heiligen Sava. Bischof Nikanor lobte die Entscheidung der Regierung, "die Schändung unseres Landes, unserer Kirche und unserer Familie" zu beenden. Die Gläubigen seien bereit, erneut auf die Straße zu gehen, "um sich denen entgegenzustellen, die Serbiens Werte zerstören wollen". Die serbisch-orthodoxe Kirche spielte in der Vergangenheit eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung über Schwule, Lesben und andere sexuelle Minderheiten.

Wie auf von der Nachrichten-Website "Glas Jawnosti" veröffentlichten Videoaufnahmen zu sehen war, nannte der Bischof nicht heterosexuelle Lebensformen eine "Abnormität", mit der verfahren werden müsse wie im Russland von Kreml-Chef Wladimir Putin. Diesen bezeichnete der Bischof wiederum als "Zar des Planeten".

rw DPA AFP

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