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Simon Kremer: Lost in Nahost: Eher verschlossen - in der Adventszeit ist der Tunesier nicht anders als der Sauerländer

Zur Adventszeit zieht sich der Tunesier zurück. Niemand in den Cafés, die Fensterläden geschlossen, das sonst so opulente Optische ist verschwunden. stern-Stimme Simon Kremer vermisst in Tunis das Licht.

Straße in Tunis

Das sonst so leuchtende Tunis präsentiert sich derzeit eher grau

AFP

Im Grunde jammern wir doch immer dem nach, was wir gerade nicht haben. Wenn ich Menschen treffe, die vor längerer Zeit aus in Nordafrika weggezogen sind, und ich sie frage: "Was vermisst Du am meisten?" Dann ist es nicht das Essen - sorry, liebe Tunesier, aber wer schmiert denn auch bitte auf jedes Sandwich und jeden Salat Thunfisch und extra scharfe Harrissa-Paste? – die Antwort ist meist: das Licht!

In der Adventszeit vermisse ich das Licht

Und es stimmt: Die Tage sind heller, das Weiß der kleinen Häuschen mit ihren strahlend blauen Holztüren ist intensiver (vermutlich würden die gleichen Häuser aufgestellt in, sagen wir: Heide in Schleswig-Holstein, einfach deutlich gräulicher aussehen, als sie es unter der Sonne des Mittelmeeres tun), die Palmen wiegen grüner im Wind.

Der Abend dimmt dann nach und nach das Strahlen, und selbst die grauesten Häuser der Innenstadt, die in unzähligen Jahren ungezählte Kubikmeter ungefilterter Dieselabgase geatmet haben und im Stein der Fassaden zur Schau stellen, muten fast idyllisch an im tiefen gold-orange der Abendsonne.

Aber jetzt, in der Adventszeit, vermisse ich das Licht. Das Licht am Abend. In Hamburg. Wenn man im Norden in die U2 oder U3 einsteigt und mit der Hochbahn (die in Hamburg vielerorts tatsächlich noch eine echte Hoch- und keine U-Bahn ist) in Richtung Innenstadt fährt. Dann sitzt man auf Höhe des zweiten Stocks und im bürgerlichen Eppendorf ziehen die Leben der Menschen vorbei. Keine Gardine vor dem Fenster weist den Blick des U-Bahn-Passagiers zurück, sondern lädt ihn stattdessen ein, einen kurzen Moment einzutreten, und Teil zu werden dieses Lebens.

Da steht ein zwölfjähriges Mädchen mit der Geige im Wohnzimmer und übt die Tochter Zion. Der Adventskranz hängt wie ein Schafott von den hohen Decken und die ein oder andere Träne fällt auf den Dielenboden. Im Nebenzimmer sitzt der Vater (vermutlich ein Arzt oder Professor) vor dem wandfüllenden Bücherregal im Schein der Schreibtischlampe und bekommt vom Drama nebenan nur wenig mit. Und in der Küche wird über das vierte Blech Gebäck für den Adventsbasar die zweite Flasche Rotwein geöffnet.

Das Optische vermisse ich in der Adventszeit

So könnte es sein, denkt man, während sich die nächste Fassade, die nächste Geschichte, tonlos in den Blick schiebt, wie bei den Vorgängern der Virtual Reality-Brillen, diesen Plastikgeräten aus der Kindheit, in die man eine Scheibe mit vielen kleinen Bildern einlegte und dann schaute man hindurch und – ratsch – ein neues Bild, ein neues Leben. Oder zumindest eine Ahnung oder Vorstellung davon. Gut, hier im Land weiß ich ja meist akustisch, was gerade bei den Nachbarn los ist und wie es dem Schaf auf dem Balkon geht.

Aber das Optische, das vermisse ich jetzt in der Adventszeit in der Arabischen Welt, wo nicht nur das Licht heller, sondern auch die Dunkelheit dunkler ist. Keine Herrnhuter-Sterne in den Fenstern, keine Lichterketten und Girlanden, die sich um angesprühten Fakeschnee an den Fenstern schlängeln. Der Regen im Winter verwandelt die Nachbarschaft in den Abklatsch eines tristen verregneten Herbsttages in Hamburg.

Die Männer in den Straßencafés sitzen kaum noch draußen und rauchen ihre Wasserpfeifen, sondern sie… ja, was machen sie eigentlich? Man weiß es nicht, weil sie zu Hause sitzen und die Fensterläden geschlossen haben, um die Kälte als auch jeden neugierigen Blick abzuhalten. Da ist der Nordafrikaner nicht anders als der Sauerländer. Also: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit…