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Streit um Raketenabwehr: Russen loben US-Vorschläge

Erst sah sich Washington vom Iran bedroht, dann der Kreml vom amerikanischen Abwehrsystem. Nach einem monatelangen Konflikt zwischen den zwei Supermächten sieht man in Russland plötzlich Chancen auf eine Annäherung.

In dem seit Monaten andauernden Streit um die US- Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa ist nach russischen Angaben Bewegung gekommen. "Die amerikanische Seite hat eine Reihe von interessanten Vorschlägen gemacht, die wir genauer untersuchen", sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Freitag in der Stadt Belgorod nach Angaben der Agentur Interfax. Lawrow bezog sich dabei auf die Verhandlungen mit US-Außenministerin Condoleezza Rice und US-Verteidigungsminister Robert Gates in der Vorwoche in Moskau.

Kreml fühlt sich bedroht

Russland forderte die US-Regierung auf, von Rice und Gates mündlich vorgetragene Kompromissvorschläge zum Streitthema Raketenabwehr auch offiziell und in schriftlicher Form zu übermitteln. Präsident Wladimir Putin hatte am Donnerstag gesagt, dass die US-Führung bei den jüngsten Begegnungen mehr Verständnis für die russische Position gezeigt habe und nach Lösungen suche, um die Bedenken Moskaus auszuräumen.

Russland sieht seine Sicherheit durch die für Tschechien und Polen vorgesehene US-Raketenabwehrtechnik bedroht. In der Vergangenheit hatte der Kreml wiederholt damit gedroht, im Falle einer Verwirklichung der Pläne Gegenmaßnahmen einzuleiten, darunter die Stationierung neuer Raketen in der an Polen grenzenden Exklave Kaliningrad.

Raketenabwehr gegen den Iran gerichtet

Die US-Regierung will sich nach eigenen Angaben mit einer Radaranlage in Tschechien und Abfangraketen in Polen in Zukunft gegen mögliche Raketenangriffe aus dem Iran schützen. Auf dem Gipfeltreffen der G8-Staaten im Juni in Heiligendamm hatte Putin US-Präsident George W. Bush angeboten, gemeinsam mit Russland eine Radaranlage in Aserbaidschan zu nutzen und dafür auf die Militärtechnik in Mitteleuropa zu verzichten.

Washington ist auf diesen Vorschlag bislang nicht näher eingegangen. In einer nationalen Fragestunde hatte Putin am Donnerstag erneut angekündigt, das Atomwaffenarsenal sowie die gesamten Streitkräfte grundlegend zu modernisieren, um die Verteidigungsbereitschaft Russlands zu stärken.

USA relativieren Warnung vor Drittem Weltkrieg

Die provokanten Äußerungen des Kreml zum Thema Atombewaffnung wurden von Beobachtern als Reaktion auf Bushs jüngste Warnung vor einem dritten Weltkrieg verstanden. Der amerikanische Präsident hatte in der Wochenmitte gesagt, wenn man daran interessiert sei, einen "Dritten Weltkrieg" zu verhindern, dann sollte man daran interessiert sein, den Iran daran zu hindern, die nötigen Kenntnisse zum Bau von nuklearen Waffen zu erwerben.

Diese Bemerkung während einer Pressekonferenz stieß in Europa auf deutliche Kritik. Der Iran sprach von "Kriegsrhetorik. Inzwischen ruderte das Weiße Haus allerdings zurück und relativierte die statements von George W. Bush. Bush-Sprecher Gordon Johndroe sagte der "Washington Post": "Es ist nur eine andere Art zu sagen, dass wir nicht wollen, dass sie [der Iran; d. Red.) Atomwaffen entwickeln".

DPA / DPA