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Sturm des US-Kapitols Die Nacht, die die USA veränderte: Das geschah am 18. Dezember im Weißen Haus

Donald Trump Pro-Protest
Protest gegen angeblichen Wahlbetrug am 19. Dezember 2020. In der Nacht hatte Donald Trump zur Demo in Washington aufgerufen.
© John Arthur Brown / Picture Alliance
In der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 2020 war das Weiße Haus "außer Rand und Band". Damals stritten sich dort zwei Lager über den Ausgang der US-Wahl und am Ende setzte Donald Trump einen entscheidenden Tweet ab – eine Rekonstruktion.

Irgendwann Ende 2020 zerrten die Fliehkräfte der vorausgegangenen Präsidentschaftswahl so stark am Weißen Haus, dass sich die dort versammelten Trump-Vertrauten in zwei Lager teilten: "Team Normal" und "Team Durchgeknallt". Bis Mitte des Monats versuchte der amtierende aber unterlegende US-Präsident Donald Trump mit allen Mitteln, noch irgendwie im Amt zu bleiben. Mit Klagen, Nachzählungen und zur Schau gestelltem Selbstmitleid. Zwischen dem 18. und 19. Dezember kulminierte dann der ganze Irrsinn zum "verrückteste Tag der gesamten Trump-Präsidentschaft", wie der Abgeordnete Jamie Raskin sagte.

"Team Normal" vs. "Team Durchgeknallt"

Was an diesem Tag geschah, an dem die Entscheidung fiel, die Geschichte der Vereinigten Staaten zu verändern, war bei der siebten Anhörung des Untersuchungsausschusses zum Kapitolsturm zu hören. Geladen waren diverse Zeugen, darunter, aus dem "Team Normal", der Rechtsberater des Weißen Hauses, Pat Cipollone, dessen wenige Tage zuvor aufgezeichnete Aussage eingespielt wurde.

Die insgesamt sechs Stunden dauernden Meetings begannen am Abend des 18. Dezembers 2020. Vier Tage zuvor war das Wahlleutekollegium zusammengetreten und hatte den Demokraten Joe Biden, dem Wahlergebnis entsprechend, zum US-Präsidenten erklärt. Am 18., ein Freitag, hatte ein nicht weiter genannter Trump-Mitarbeiter einem eher dubiosem Trio Zutritt zum Weißen Haus verschafft. Dieser Teil des "Team Durchgeknallt" bestand aus der Verschwörungstheoretikerin und ehemaligen Staatsanwältin Sidney Powell, dem ebenfalls abseitigen Ideen zugeneigten Vorstand des Möbelhändlers Overstock, Patrick Byrne, sowie Trumps in Ungnade gefallenen, ersten Sicherheitsberater Michael Flynn. Eh schon vor Ort war Rudy Giuliani, der unheilvolle Einflüsterer des US-Präsidenten.

Nach eigener Aussage wurde der Jurist Pat Cipollone an dem Abend angerufen und gebeten, doch bitte sofort ins Oval Office zu kommen. Als er das Büro des Präsidenten betrat sei er "nicht glücklich" gewesen über den Besuch, auf den er dort traf. "Ich ging rein und fragte 'Wer sind sie?'. Nach meinen Eindruck würden diese Leute dem Präsidenten keine guten Ratgeber sein, deswegen wusste ich nicht, wie sie überhaupt hierhergekommen waren", so Cipollone in seiner Aussage. Da hatte das Trio offenbar schon fast eine Viertelstunde auf Donald Trump eingeredet.

Fälschten Thermostaten die US-Wahl?

Dieses Treffen, von dem anscheinend auch andere enge Mitarbeiter des Weißen Hauses nichts wussten, eskalierte schnell. Einer von ihnen, Derek Lyons, sagte aus, dass sich die beiden Lager begannen "anzuschreien und sich gegenseitig zu beleidigen. Es war nicht die Art von Leuten, die auf dem Sofa sitzend vor sich hin plaudern."

Eric Herschmann, ebenfalls ein Jurist des Weißen Hauses und aus dem "Team Normal", berichtet, die illustren Gäste behaupteten unter anderem, dass Thermostaten der chinesischen Firma Nest über das Internet die abgegebenen Stimmen zu Ungunsten der Republikaner manipuliert hätten. Cipollone sagte, er habe der Gruppe widersprochen und verlangt, dass diese Beweise für ihre Behauptungen vorlegen sollten.

Doch seiner Ansicht nach schien es den Dreien nicht besonders wichtig gewesen zu seien, Belege für ihre Anschuldigungen vorzulegen. Stattdessen warfen sie den Rechtsberatern vor, zu "weich" zu sein, um entschieden gegen das Wahlergebnis vorzugehen. Donald Trumps damaliger Privatanwalt Rudy Giuliani erinnerte sich in seiner Aussage an den Dialog: "Ich muss klipp und klar sagen: Ihr seid nicht hart genug, ihr seid ein Haufen Pussys." An dem Abend schien er den Zeugen zufolge sehr betrunken gewesen zu sein. Es gibt ein Foto, auf dem zu sehen ist, wie der frühere New Yorker Bürgermeister aus dem Oval Office heraus begleitet wird. Unter den wachsamen Augen von Trumps Stabschef Mark Meadows, "damit sich Giuliani nicht wieder dorthin zurückverirrt", wie Meadows damalige Assistentin jüngst sagte.

Das "Team Normal" soll derweil versucht haben dem "Team Durchgeknallt" etwas entgegenzusetzen. "Was sie behauptet haben, war irre", so Eric Herschmann. Unter anderem sei es bei der Diskussion um die Vertrauenswürdigkeit der Richter gegangen, die die rund 60 Klagen des Trump-Lagers allesamt abgewiesen hätten. Doch Sydney Powell habe ihm entgegnet, die seien "alle korrupt". Rechtsberater Herschmann: "Alle von ihnen? Jeder einzelne Fall in diesem Land, den ihr verloren habt? Die sind alle korrupt? Selbst die, die wir selbst für das Amt nominiert haben?"

Donald Trump sollte die Wahl anerkennen

Im Laufe des Abends will Pat Cipollone versucht haben den US-Präsidenten davon zu überzeugen, aufzugeben. Ebenso wie der damalige Arbeitsminister Eugene Scalia: "Ich habe ihm (Trump, d. Red.) mitgeteilt, dass ich denke, dass es für ihn an der Zeit sei anzuerkennen, dass Präsident (Joe) Biden die Wahl gewonnen hat."

Bei dem wilden Treffen sei es auch um angeblich manipulierte Wahlmaschinen gegangen und die Frage, ob die Regierung sie zum Zwecke der Prüfung beschlagnahmen könne. Offenbar kursierte kurzeitig die Idee, die Verschwörungstheoretikerin Sydney Powell zu einer Sonderbeauftragten für die Maschinenüberprüfung sowie für generelle Wahlbetrugsvorwürfe zu machen. Cipollone sagte dazu: "Ich habe mich vehement dagegen ausgesprochen. Ich war der Ansicht, sie sollte für überhaupt nichts berufen werden." Auch den Vorschlag, Wahlmaschinen zu beschlagnahmen empfand er als "schreckliche Idee".

Das Treffen ging bis nach Mitternacht, und immer mit dabei: der US-Präsident. Irgendwann habe sich Trump an Sydney Powell gewandt und gesagt: "Siehst du, mit wem ich es hier zu tun habe? Damit muss ich mich die ganze Zeit herumschlagen."

Der Vorsitzende des Untersuchungsausschusses, der Demokrat Bennie Thompson, sagte über die Ereignisse des Abends: "Wenn man auf der Verliererseite steht, heißt das nicht, dass man darüber glücklich sein muss. Was Donald Trump in diesem Moment hätte tun müssen, was von jedem amerikanischen Anführer verlangt worden wäre, war zu sagen: 'Wir haben unser Bestes getan, aber wir haben es nicht geschafft.' Er ging den umgekehrten Weg."

"Es wird wild", schrieb Trump um 1.42 Uhr

In der Nacht entschied sich Donald Trump für eine Seite und schloss sich dem "Team Durchgeknallt" an. Um 1.42 Uhr tweete er: "Es ist statistisch gesehen unmöglich, dass wir die Wahl 2020 verloren haben. Großer Protest in D.C. am 6. Januar. Kommt hin, es wird wild!" Es war dieser Tweet, den vor allem Trumps rechtsextreme Anhänger ermutigt hatte, am diesem Tag nach Washington zu gehen und das Kongressgebäude zu stürmen. So jedenfalls sagten es die führenden Köpfe, zum Beispiel von den "Oath Keepers", vor genau dem Ausschuss aus.

Quellen: DPA, AFP, NPR, "Independent", NBC News


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