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Eingeschlossen im Plenarsaal "Wir saßen in der Falle": Wie Abgeordnete den Sturm aufs Kapitol erlebten – und bis heute davon verfolgt werden

Während des Angriffs auf das Kapitol versucht der Abgeordnete Jason Crow, seine Kollegin Susan Wild zu trösten
Während des Angriffs auf das Kapitol versucht der Abgeordnete Jason Crow auf der Tribüne des Repräsentantenhauses, seine vor ihm liegende Kollegin Susan Wild zu trösten
© Andrew Harnik / DPA
Es waren unvorstellbare Bilder, die am 6. Januar 2021 um die Welt gingen: Ein gewalttätiger Mob stürmte das Kapitol in Washington. Im Plenarsaal war eine Gruppe von Abgeordneten eingeschlossen. Einige fühlen noch heute das Trauma.

Der Angriff auf das US-Kapitol ist jetzt ein Jahr her. Hunderte radikale Trump-Anhänger hatten am 6. Januar 2021 den Sitz des Kongresses gestürmt, als dort der Wahlsieg von Präsident Joe Biden zertifiziert werden sollte. Fünf Menschen starben, unter ihnen ein Kapitolpolizist, der am Tag nach der Attacke einem Schlaganfall erlag, und eine von einem Beamten erschossene Angreiferin. Die Erstürmung des Kapitols sorgte weltweit für Entsetzen, sie gilt als schwarzer Tag in der Geschichte der US-Demokratie, sie erschütterte die Nation – und einige Politiker traumatisiert sie bis heute.

Gefangen auf der Tribüne des Plenarsaals mussten etwa drei Dutzend Mitglieder des Repräsentantenhauses und Reporter miterleben, wie der Mob nach und nach sämtliche Absperrungen durchbrach und ihrem Versteck immer näher kam. Die Eingeschlossenen drängten sich auf der oberen Galerie zusammen und kauerten hinter den Sitzen, während mehrere bewaffnete Beamte die Saaltür verbarrikadierten. Als die Randalierer versuchten, in den Saal einzudringen, riefen sie Angehörige an oder beteten. Manche suchten nach behelfsmäßigen Waffen und bereiteten sich mental auf den Kampf vor. Viele dachten, sie könnten sterben.

Abgeordneter im Kapitol hat Massenerschießung vor Augen

"Als ich aufblickte, wurde mir klar, dass wir in der Falle saßen", zitiert die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) den Abgeordneten Jason Crow, ein ehemaliger Army Ranger, der dreimal im Irak und in Afghanistan im Einsatz war. "Sie hatten zuerst den Plenarsaal evakuiert. Und sie haben uns vergessen."

Das Erlebte habe sie zutiefst erschüttert, und sie erinnerten sich eindringlich an die Anblicke und Geräusche inmitten des Chaos, berichteten zehn der Politikerinnen und Politiker, die auf der Tribüne festsaßen, der AP kurz vor dem Jahrestag der Erstürmung. Das unauslöschlichste Geräusch sei das laute Klatschen eines Schusses, das in dem riesigen Raum widerhallte. "Ich habe in meinem Leben schon viele Schüsse gehört, und es war ganz klar, was das war", sagte Crow. "Ich wusste, dass die Dinge ernsthaft eskaliert waren."

Abgefeuert hatte den Schuss der Kapitolpolizist Michael Byrd – und damit Ashli Babbitt getötet, eine Trump-Anhängerin aus Kalifornien, die versuchte, durch das zerbrochene Fenster einer Tür, die zum Plenarsaal führt, zu kriechen. Sowohl das Justizministerium als auch die Polizei untersuchten den Vorfall und lehnten es ab, Anklage gegen Byrd zu erheben.

Abgeordnete suchen Schutz auf der Tribüne des Repräsentantenhauses, während Trump-Anhänger das Kapitol stürmen
Abgeordnete suchen Schutz auf der Tribüne des Repräsentantenhauses, während Trump-Anhänger das Kapitol stürmen
© Andrew Harnik / DPA

Die Abgeordneten auf der Tribüne wussten nicht, wer warum geschossen hatte und befürchteten das Schlimmste: "Ich glaube, wir alle, mich eingeschlossen, hatten die Bilder einer Massenerschießung vor Augen", schilderte der Parlamentarier Peter Welch die dramatische Situation. "Es war in dem Moment erschreckend."

Der Abgeordnete Mike Quigley berichtete der AP, er habe bemerkt, dass der Schuss am hinteren Teil des Plenarsaals abgegeben worden sei und nicht vor den Haupttüren auf der gegenüberliegenden Seite, wo sie sehen konnten, wie Randalierer versuchten durchzubrechen. In diesem Moment sei ihm klar geworden, warum sie den Saal nicht verlassen konnten – sie waren umzingelt. "Erst nach und nach wurde einem die Schwere der Situation bewusst", sagte Quigley.

Sein demokratischer Parteikollege Dan Kildee hatte noch während des Aufstands via Twitter die dramatische Lage der Politiker geschildert: "Ich befinde mich im Plenarsaal. Wir sind angewiesen worden, uns auf den Boden zu legen und unsere Gasmasken aufzusetzen. Die Sicherheitskräfte des Plenarsaals und die Polizei des Kapitols haben ihre Waffen gezogen, während die Demonstranten an die Eingangstür des Plenarsaals hämmern. Dies ist kein Protest. Dies ist ein Angriff auf Amerika."

"Wenn wir heute sterben, werden andere die Stimmzettel beglaubigen"

Auch die Repräsentantin Val Demings gehörte zu denjenigen, die auf der Tribüne festsaßen. Sie habe versucht, ruhig zu bleiben und dabei auf das zurückgegriffen, was sie in ihrer Zeit als Polizeichefin von Orlando gelernt hatte, erzählte Demings der Nachrichtenagentur. Aber sie habe sich auch machtlos gefühlt, da sie im Unterschied zu damals weder eine Pistole noch eine andere Waffe bei sich gehabt habe.

Als die Polizei mitteilte, dass es einen "Durchbruch" in das Gebäude gab, sei sie erschaudert, sagte Demings. "Das ist wahrscheinlich das Wort, an das ich mich für den Rest meines Lebens mehr als an jedes andere erinnern werde. Ich wusste, dass es bedeutet, dass die Polizei ihre Linien nicht halten konnte. Und als ehemalige Polizeibeamtin weiß ich auch, dass sie alles in ihrer Macht stehende getan hätte, um diese Linien zu halten und uns zu schützen."

Demings berichtete, sie habe zu einem Kollegen, der mit ihr auf der Tribüne Schutz suchte, gesagt: "Vergessen Sie nicht, dass wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Wenn wir heute alle sterben, wird eine andere Gruppe kommen und die Stimmzettel beglaubigen."

Doch so weit kam es glücklicherweise nicht: Nachdem die Kapitolpolizei sich vergewissert hatte, dass der obere Gebäudebereich geräumt war, evakuierte sie die eingeschlossenen Abgeordneten durch ein Gewirr von Treppen und Gängen. Und in der Nacht, als der Aufstand vorüber war, trat der Kongress wieder zusammen und bestätigte Bidens Wahlsieg noch vor Sonnenaufgang.

Betroffene schließen sich in Chatgruppe zusammen

In den Tagen nach dem Sturm auf das Kapitol hätten viele der Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die auf der Galerie gefangen waren, versucht, über eine SMS-Kette Kontakt miteinander aufzunehmen, schreibt die Associated Press. Daraus seien schnell therapeutische Gruppensitzungen geworden, in denen sie versucht hätten, die Ereignisse zu begreifen.

Schutzhauben sollen die Eingeschlossenen vor Tränengas schützen, das vor dem Saal versprüht wurde
Schutzhauben sollen die Eingeschlossenen vor Tränengas schützen, das vor dem Saal versprüht wurde
© Andrew Harnik / DPA

Die Abgeordnete Pramila Jayapal half bei der Organisation der ersten virtuellen Sitzung der "Galerie-Gruppe", wie sie sich nannte. "Am Ende war es ein dreistündiger Zoom", berichtete Jaypal im AP-Interview. "Es war sehr persönlich. Die Leute erzählten viel von dem, was sie durchgemacht haben. Es gab eine Menge Tränen. Es gab viel Wut. Viele fragten sich: Wie kann das sein? Wie kann es sein, dass wir in Amerika leben und so etwas in unserem Kapitol passiert?"

Viele der Gruppenmitglieder hätten sich daraufhin in Therapie begeben. Bei einigen sei posttraumatischer Stress diagnostiziert worden, der durch die politischen Spannungen im Kongress und die zunehmende Zahl von Todesdrohungen noch verstärkt worden sei. Andere hätten erklärt, die wachsende Tendenz von Teilen ihrer republikanischen Amtskollegen und der Öffentlichkeit, die Gewalt herunterzuspielen oder zu ignorieren, habe sie stärker traumatisiert als der Angriff selbst. In all dem sei die "Galerie-Gruppe" eine Zuflucht gewesen.

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"Ich glaube, sie hat meine mentale Gesundheit gerettet", sagte die Abgeordnete Norma Torres der Nachrichtenagentur. "Jedes Mal, wenn jemand etwas postete, schienen wir alle wach zu sein, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit, und wir reagierten alle aufeinander. Das war wirklich beeindruckend."

Einige der Demokraten, die auf der Tribüne Zuflucht gesucht hatten, wollen aus Anlass des Jahrestages im Kapitol zusammenkommen um sich an ihre eigenen Erfahrungen zu erinnern und diejenigen zu ehren, die sie beschützt haben, – und um darüber Nachzudenken, wie knapp das Land einem Staatsstreich entkommen ist. "Wir waren die Letzten im Saal", sagte der Abgeordnete Mikie Sherrill, ein ehemaliger Hubschrauberpilot der US-Marine AP. "Ich glaube, wir haben die ganze Sache auf eine Art und Weise miterlebt, die sich von der aller anderen Abgeordneten im Parlament unterscheidet.

Quellen: Associated Press, "Politico", "Buzzfeed"Dan Kildee auf Twitter


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