HOME

Sudan: "Sie töten jeden, der eine schwarze Haut hat"

Die Gewaltwelle in der westsudanesischen Region Dafur reißt nicht ab. Zehntausende sind bereits getötet worden, etwa zwei Millionen Menschen befinden sich auf der Flucht.

Mohammed Asene liegt unter einem Dornbusch in der Wüste. Die Matte, auf der er schläft, ist alles, was er noch besitzt. Doch der Sudanese hat zumindest sein Leben gerettet. Zusammen mit seinen drei Söhnen und einer Tochter gelang ihm die Flucht aus Darfur, die Flucht vor den gefürchteten arabischen Reitermilizen, den Janjawid. Acht Tage und Nächte wanderte die Familie durch die Wüste, bis sie die Grenze zum Tschad erreichte.

"Wer nicht sofort ermordet wurde, ist einfach weggerannt"

"Die Janjawid brennen unsere Häuser nieder, stehlen unser Vieh und töten jeden, der eine schwarze Haut hat", sagt Asene. "Wir haben alles verloren. Wer nicht sofort ermordet wurde, ist einfach weggerannt." Als die Milizionäre sein Dorf überfielen, war Asenes Frau zu Besuch bei einer ihrer Töchter. Bis heute weiß er nichts über ihr Schicksal.

Die ersten Flüchtlinge kamen im Januar in der rund 10.000 Einwohner zählenden Grenzstadt Bahai im Tschad an. Mittlerweile haben sich 15.000 Sudanesen hierher gerettet. Insgesamt beherbergen die kärglichen Flüchtlingslager entlang der 600 Kilometer langen Grenze rund 200.000 Menschen - und es werden täglich mehr. So weit das Auge reicht, kauern sich die Flüchtlinge am Rande von Bahai unter den Bäumen zusammen, ihre wenigen Habseligkeiten - Töpfe, Kleider, Matten - hängen an den Zweigen.

Gewaltwelle begann vor eineinhalb Jahren

"Tagsüber ist es heiß, nachts kalt", sagt Asisa Bachit, die ihre zweijährige Tochter auf der Hüfte trägt. "Wenn der Wind weht, kann man wegen des Sandes Männer nicht von Frauen unterscheiden." Eines der größten Probleme ist die Wasserversorgung. Die wenigen Brunnen sind fast ausgetrocknet. Das UN-Flüchtlingshilfswerk versucht, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen.

Der Konflikt in der westsudanesischen Region Darfur eskalierte vor knapp eineinhalb Jahren. Die seit langem anhaltenden Spannungen zwischen arabischen Nomaden und der Landbevölkerung entluden sich in einer Gewaltwelle, nachdem sich zwei schwarzafrikanische Rebellengruppen im Februar 2003 gegen die sudanesische Regierung erhoben und mehr Rechte für die Region gefordert hatten.

Die arabischen Janjawid, berittene Milizionäre auf Pferden und Kamelen, haben seitdem hunderte Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, zigtausend nichtarabische Bewohner ermordet und rund eine Million in die Flucht getrieben. Rebellen und Flüchtlinge, aber auch Menschenrechtsorganisationen werfen der Regierung in Khartum vor, die Milizen zu unterstützen und deren Angriffe mit Kampfflugzeugen und Kampfhubschraubern zu begleiten.

Systematische Vergewaltigung als Instrument des Krieges

"Sie haben alles bombardiert, was sich bewegt hat", erzählt Senab Abakar. Jede Hütte in ihrem Dorf, das rund 40 Kilometer östlich der Grenze zum Tschad liegt, sei niedergebrannt. Auf der Suche nach Wasser und etwas zu essen zogen die Bewohner weiter bis zur Ortschaft Ombaro. Rund 50 Familien hätten sich hier in einem ausgetrockneten Flussbett niedergelassen, sagt Abakar. Sie ernährten sich von Samen, die sie in Wasser einweichten. Doch eines Morgens umstellten die Reitermilizen das Lager. Abakars Bruder wurde in den Kopf geschossen, vier junge Mädchen wurden verschleppt.

Während die Milizionäre die Männer meist sofort töten, werden Frauen und Mädchen oft entführt. Der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge wird systematische Vergewaltigung als Instrument des Krieges in Darfur eingesetzt.

Die 19-jährige Sakina Mohammed Idris wurde aus einem Internat verschleppt. Zusammen mit 41 weiteren Frauen und Mädchen nahmen sie die Milizionäre mit auf einen dreiwöchigen Gewaltmarsch durch die Wüste. "Auf dem Weg haben sie uns vergewaltigt und Vieh gestohlen", sagt die junge Frau, die im Lager Sam Sam nahe der Stadt Al Fascher im Norden Darfurs Zuflucht gefunden hat. Als die Männer ihrer Opfer überdrüssig waren, ließen sie sie gehen.

UN warnt vor Völkermord

Bereits im April warnte UN-Generalsekretär Kofi Annan, der Konflikt in Darfur könne sich - ähnlich wie zehn Jahre zuvor die Gewalt in Ruanda - zu einem Völkermord ausweiten. Zwar wächst der internationale Druck auf die Regierung in Khartum, die Milizen zu entwaffnen, doch die Gräueltaten im Westsudan scheinen nicht nachzulassen. Die Regierung habe "keinerlei Fortschritte" gemacht, beklagte der UN-Sondergesandte Jan Pronk am Mittwoch.

Die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID wertete im Juni Satellitenfotos aus, die zeigen, dass in rund 400 Dörfern in Darfur etwa 56.000 Lehmhütten niedergebrannt wurden. Die Janjawid zerstören Brunnen und Abwasserkanäle. Ziel ist Beobachtern zufolge die systematische Vertreibung der nichtarabischen Bevölkerung.

Etwa zwei Millionen Menschen in der Region sind dringend auf Hilfe angewiesen. Wenn diese nicht bald eintrifft, könnte die Zahl der Todesopfer nach Schätzungen von USAID bis zum Jahresende auf 350.000 steigen.

Alexandra Zavis/AP / AP / DPA