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Sudan: Der tragische Tod eines Guerillakämpfers

Zwei Jahrzehnte war John Garang Rebellenchef im längsten Bürgerkrieg Afrikas, vor kurzem wurde er Vizepräsident der Regierung Sudans, die er zuvor bekämpft hatte. Der 60-Jährige kam jetzt bei einem Unglück ums Leben.

Der sudanesische Vizepräsident John Garang ist bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Die Regierung in Khartum erklärte am Montag, Garang sei auf dem Weg von Uganda in den Südsudan gewesen. Sein Hubschrauber prallte bei schlechtem Wetter gegen einen Berg geprallt. Sechs Mitarbeiter und sieben Besatzungsmitglieder wurden ebenfalls getötet. Die Leiche des früheren Rebellenführers wurde nach Angaben aus Uganda bereits gefunden. In Rumbek, der provisorischen Hauptstadt des Südens, wurde der Tod von Garang per Lautsprecher verkündet. Es sei schon erstaunlich, dass ausgerechnet einem Präsidenten-Hubschrauber, der von einem Spitzenpiloten geflogen wird, so etwas passiere, hieß es in diplomatischen Kreisen in Nairobi. Andererseits seien die Flugbedingungen in der Regenzeit tatsächlich oft sehr schwierig.

Ausschreitungen in Khartum

Das sudanesische Staatsfernsehen unterbrach sein Programm und sendete einen Nachruf auf den langjährigen Rebellenchef, der vor drei Wochen im Rahmen eines Friedensabkommens als Vizepräsident des gesamten Sudan vereidigt wurde. In Khartum kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen und Plünderungen, als der Tod Garangs bekannt wurde. Mehrere Gruppen zogen durch die Straßen, zündeten Autos an und bewarfen Passanten mit Steinen. Die Bewohner von Khartum verbarrikadierten sich in ihren Häusern. Auch in der ölreichen Gegend um Malakal kam es zu heftigen Schießereien. Über mögliche Opfer wurde zunächst nichts bekannt.

Präsident Omar el Baschir habe die Bevölkerung um Ruhe gebeten und eine Fortsetzung des Friedensprozesses angekündigt, hieß es in einer Stellungnahme der sudanesischen Regierung. "Sein Tod macht uns nur noch entschlossener, den Weg, den er und seine Mitstreiter begonnen haben, zu beenden", hieß es in der Erklärung. In einer Fernsehansprache bedauerte der Präsident den großen Verlust eines "echten Friedenspartners".

Garangs Stellvertreter Salva Kiir sagte in Nairobi, der Führung der früheren Rebellenbewegung werde zu einer Sondersitzung in New Site im Süden Sudans, wo Garang eine Residenz hatte, zusammenkommen. Man werde jedoch an Garangs Politik und dem Friedensabkommen festhalten. Der SPLM-Politiker Isaiah Kolang Mabior rief seine Landsleute zur Ruhe und Besonnenheit auf. "Niemand sollte irgendwen beschuldigen, so lange die Ursache des Unfalls nicht eindeutig geklärt ist", sagte er.

"Zügel immer allein in der Hand"

"Garang hatte die Zügel immer allein in der Hand. Es wird schwer, einen Nachfolger zu finden, der die Massen so hinter sich vereinen kann wie er", sagte ein für Sudan zuständiger UN-Mitarbeiter. "Die neue Regierung für den Süden ist alles andere als handlungsfähig." Die Menschenrechtsbewegung Human Rights Watch zeigte sich vorsichtig optimistisch: "Jetzt besteht immerhin die Möglichkeit, dass demokratischer eingestellte Politiker im Süden die Führung übernehmen", sagte Sudan-Expertin Jemera Rone.

Der charismatische 60-Jährige galt als Schlüsselfigur im Friedensprozess des von einem langen Bürgerkrieg zerrissenen Landes. In dieser Rolle war eine Stütze für Baschir bei dessen Bemühungen um Stabilität im Lande. Der Vizepräsident galt als der einzige Politiker, der den Südsudanesen Einfluss auf die Zentralregierung verschaffen konnte. Er sprach sich jedoch immer gegen eine vollständige Ablösung der Region vom Rest des Landes aus, sondern setzte sich für eine erweiterte Autonomie ein. Vor gut drei Wochen wurde er schließlich Vizepräsident der Regierung, die er zuvor mit allen Mitteln bekämpft hatte. Garang war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Neben seinem Regierungsposten in Khartum war er zugleich Präsident des jetzt weitgehend unabhängigen Südsudans. Gemäß dem Abkommen soll in einem Volksentscheid in sechs Jahren darüber entschieden werden, ob der Süden ganz autonom werden soll.

Rebell mit Doktortitel

Garang gehörte zum Stamm der Dinka, neben den Nuer die wichtigste Volksgruppe im Süden. Er stammte aus einer christlichen Familie aus dem winzigen Dorf Mabior, in dem die Menschen von Rinderzucht und Ackerbau leben. Seine Eltern starben, als er noch ein Kind war. Später studierte Garang in den USA Wirtschaftswissenschaft und erwarb einen Doktortitel an der Universität von Iowa. Nach seiner Rückkehr war er Offizier der sudanesischen Armee und sollte einen beginnenden Aufstand im Südsudan niederschlagen. Stattdessen desertierte er und setzte sich an die Spitze der Rebellenbewegung, die den Namen SPLA bekam. Als Rebellenführer überlebt er mehrere Mordanschläge und hielt bisher mit viel Geschick und auch Gewalt seine SPLA zusammen. In den eigenen Reihen war er dafür bekannt, dass er mögliche Rivalen schnell ausschaltete.

Seine Rebellenbewegung, die von christlich-fundamentalistischen Gruppen in den USA finanziell unterstützt wurde, konnte er jedoch nur so lange zusammenhalten, wie sie in der sudanesischen Regierung einen gemeinsamen Feind hatte. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens waren jedoch alte Grabenkämpfe wieder aufgebrochen. Zahlreiche Anhänger nahmen es Garang übel, dass er die wichtigsten Ämter alle an sich riss und sich nicht mehr eindeutig zur angestrebten Unabhängigkeit von Khartum bekannte.

vuk mit Material von AP/DPA/Reuters / DPA / Reuters