HOME

Syrien: "Mein berüchtigtes Interview mit Frau Assad"

Kurz bevor Syrien zum Schlachthaus geriet, brachte die US-"Vogue" ein Hochglanzporträt über Asma al Assad. Die Autorin wurde gefeuert. Nun erzählt sie ihre Version der Geschichte.

Von Sophie Albers

Pragmatiker nennen es schlechtes Timing, Zyniker die ironische Distanz des Westens, und Menschenrechtler erkennen darin das Abnicken eines Massenmords: Im März 2011 hat die amerikanische Ausgabe der "Vogue" unter dem Titel "Eine Rose in der Wüste" ein Porträt von Syriens First Lady veröffentlicht. Die Mode- und Reisejournalistin Joan Juliet Buck war die wohl letzte westliche Medienvertreterin, die mit Asma al Assad gesprochen hat, kurz bevor Syrien zum Schlachthaus für die eigene Bevölkerung wurde.

Das Hochglanzoberflächen-Porträt der "heftig demokratischen" Tyrannenfamilie wurde entsprechend heftig kritisiert, zumal der gefeierte Kriegsfotograf James Nachtwey auch noch gar liebliche Fotos geschossen hatte. "Vogue" hat den Artikel zwei Monate und hunderte Tote später aus dem Netz getilgt. Buck musste Ende des Jahres nach rund 30 Jahren Verlagszugehörigkeit gehen. Nach kurzen TV- und Radiostatements hat die New Yorkerin in der "Newsweek" nun erstmals die ganze Geschichte aus ihrer Sicht erzählt.

"Mein berüchtigtes Interview mit Frau Assad, First Lady der Hölle", hat Buck den Text überschrieben. Dem hat "Newsweek" die Überschrift "Joan Juliet Buck: Frau Assad hat mich hereingelegt" vorangestellt. Es folgt eine Rechtfertigung, die allzu selten zum Schuldeingeständnis wird. Vor allem aber ist es der naiv staunende, arrogant unwissende, zutiefst westliche Blick auf Menschen, in deren Namen bis zu dieser Stunde gefoltert und getötet wird. Unser Blick.

Syrien, ein "kuscheliges, modernes, entspanntes" Land

Sie habe den Auftrag erst nicht annehmen wollen, schreibt Buck in "Newsweek". Doch ihr Arbeitgeber habe darauf bestanden, und schließlich habe auch die Neugier gesiegt. Syrien sei immerhin "die Wiege der Zivilisation". Zur Einleitung scheint die Autorin die Recherche nachholen zu wollen, die vor der Reise gefehlt hat: Sie berichtet von der brutalen Herrschaft Hafez al Assads, Baschars Vater. Sie erzählt von Syriens Unterstützung für die Hamas, die Hisbollah, den Iran.

Doch im Monat ihrer eigenen Reise habe sie nicht wissen können, dass der Arabische Frühling bevorstehe, so Buck. "2010 oszillierte Syriens Status zwischen einem unberechenbaren Schurkenstaat und dem neuen, coolen Ort." In den internationalen Modemagazinen habe Syrien als "verbotenes Königreich" gegolten, "mit einem modernen Präsidenten und einer gutaussehenden, jungen First Lady". Angelina Jolie und Sting waren auch schon da. So habe sie sich auf die Geschichte eingelassen. "Ich wusste nicht, dass ich einen Mörder treffen würde."

"Hereingelegt" wurde Buck von einer Engländerin, wie sie mehrfach betont. Asma al Assad kam in London als Tochter syrischer Eltern zur Welt, wurde an besten Schulen und Universitäten erzogen und arbeitete als Bänkerin zuletzt für Morgan Stanley, bis sie die Frau des syrischen Präsidenten wurde. Ein Freund der Familie. "Glamourös, jung und sehr schick - die frischeste und anziehendste unter den First Ladies" hatte Buck Asma al Assad im Originaltext beschrieben, der nur noch auf der Website eines in Rom lebenden Assad-Anhängers zu finden ist. "Eine langgliedrige Schönheit mit ausgebildetem analytischem Verstand, die sich mit schlauem Understatement zu kleiden weiß." Im neuen Artikel ist aus der "Rose in der Wüste" eine Darstellerin geworden, die Menschen eiskalt benutzt. Seien es Jugendliche in einem Trainingscamp für junge Syrer, kleine Kinder, die sie offenbar für die "Vogue"-Fotos als ihre eigenen ausgab oder eben westliche Journalisten, denen sie die perfekte Show einer "kuscheligen, modernen, entspannten" Präsidentenfamilie sowie eines "kuscheligen, modernen, entspannten" Landes liefert.

Buck schreibt endlich die Geschichte, die sie im Frühjahr 2010 hätte schreiben sollen, die "Vogue" allerdings nie gedruckt hätte und deren Bedeutung tatsächlich nicht abzusehen war. Die Redakteurin ist zum Mittagessen im angeblichen Privatapartment der Assads eingeladen, das wie ein vollverglastes Puppenhaus die Außenwelt zum Zuschauerraum macht. Der Präsident, die Gattin und drei Kinder im Wochenendoutfit spielen "normal", und Buck ist eine weitere Puppe. Es sind Nebensächlichkeiten, die die Monströsität der Situation durchscheinen lassen: unbenutztes Küchengerät, die Abwesenheit von Hausangestellten, perfekt zusammengesetztes Spielzeug wie in der Auslage. Warum er Augenarzt werden wollte, bevor er Präsident werden musste, weil sein Bruder starb, will Buck von Baschar al-Assad wissen, ehe man zusammen Brot in Fonduekäse tunkt: "Weil es keine Notfälle gibt. Es ist alles sehr präzise, und es gibt nur sehr wenig Blut."

Dünn genug für die "Vogue"

Angesichts des Blutes von mittlerweile mehr als 20.000 toter Syrer klingen Asma al Assads Worte heute wie blühender Zynismus, als sie mit Buck "Massar" besucht, das bereits erwähnte Ausbildungscamp für syrische Jugendliche. Dort wolle sie Syriens Nachwuchs zu "aktiven Bürgern" erziehen, damit sie "Teil des Wandels sein können, den das Land gerade durchmacht", zitiert Buck die Frau mit dem "analytischen Verstand". Detailliert beschreibt Buck später den Körper eines von Assads Truppen zu Tode gefolterten 13-Jährigen. "Massar" bedeute "Schicksal", habe die First Lady gesagt. Nein, sie wisse nicht, wie Asma al Assad die Gräueltaten zum Erhalt ihrer Macht mit ihrem Gewissen vereinbare, schreibt Buck weiter. "Aber was heißt Gewissen, wenn man die First Lady der Hölle ist?"

"Ich betrachte die Dinge, die ich vor mir habe. Ich ziehe keine großen Schlüsse internationaler Bedeutung. Das überlasse ich Menschen, die qualifizierter sind als ich", hat sich Buck in einem Interview mit dem US-Sender CNN verteidigt, nachdem sie aus der Schweigepflicht und dem Reporterpool von "Vogue" entlassen worden war. Dem Radiosender "NPR" antwortete sie auf die Frage, was die "Vogue" sich bei der ganzen Sache gedacht habe, dass eine First Lady eben Macht und Schönheit kombiniere, und das sei doch, wofür die "Vogue" stehe: "Und da ist diese Frau, die noch nie ein Interview gegeben hat, die extrem dünn und sehr gut angezogen ist und deshalb alles mitbringt, was es braucht, um in der 'Vogue' zu sein."

Es war Frankreichs Ex-Präsident und Modelgatte Nicolas Sarkozy, der einst über Assad gesagt hat: "Mit einer so modernen Frau wie der seinen, kann er nicht völlig böse sein." Wer hätte sich nicht gewünscht, dass Oberflächlichkeit endlich doch einmal so tiefe Wahrheit besitzt, wie der ganze Hochglanz uns täglich glauben macht.

Themen in diesem Artikel