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Teil 1: 1587-1800: Die frommen Rebellen machen Geschichte

Kaum haben die ersten Siedler in der Neuen Welt Fuß gefasst, entwickeln sie schon jene Eigenschaften, die später das Erfolgsmodell Amerika prägen. Für ihre Freiheit kämpfend, schaffen sie die erste Demokratie der Moderne.

Die Rauchsäulen, die John White von der "Hopewell" aus sichtet, stammen wohl doch nicht von Freudenfeuern, sondern von einem Blitz, der Treibholz entzündet hat. Als das Segelschiff sich der Küste nähert, wächst in dem grauhaarigen Gouverneur das Gefühl von Leere und Niedergeschlagenheit. Keine Spur von den über 100 Bewohnern der Insel Roanoke. Niemand steht jubelnd am Strand und winkt. Nicht sein Schwiegersohn, nicht Whites Tochter Eleanor und auch nicht - er spürt einen Stich im Herzen - Virginia, seine Enkelin, die als erstes Siedlerkind auf amerikanischem Boden geboren wurde; neun Tage vor seiner Überfahrt nach Europa.

Drei Jahre zuvor, 1587, war White nach London abgesegelt. Hilfe sollte er holen, Kolonisten für die junge englische Siedlung auf dem neuen Kontinent, den die Spanier America nannten. Und neue Vorräte für Roanoke. Eigentlich wollte er spätestens nach einem Jahr zurück sein. Doch dann durchkreuzte Spaniens König Philipp II. alle Pläne. Erst als dessen Armada besiegt war, hatte Englands Königin Elizabeth wieder die Mittel, eine Hilfsexpedition in den hintersten Winkel der bekannten Welt zu entsenden.

Das Roanoke-Projekt

Das Fort mit seinen Erdwällen und Palisaden, in dem sich die Neuankömmlinge eingeigelt hatten, ist unzerstört. Doch seine Bewohner müssen es bereits vor längerer Zeit verlassen haben. Sie waren offenbar in Eile: White und seine Leute entdecken schwere Truhen und Eisengerät, das die Siedler nicht mit sich schleppen konnten. Oder wollten? Eingeritzt in einen Baumstamm findet der Gouverneur der Kolonie Roanoke das Wort "Croatoan", den Namen einer Nachbarinsel. Auf Croatoan lebt ein den Weißen freundlich gesinnter Indianerstamm. Haben seine Leute dort Zuflucht gefunden? White will am nächsten Tag auf die Suche gehen. Doch eine Schlechtwetterfront zwingt ihn und den Kapitän der "Hopewell", die tückischen Gewässer um die Sandbänke vor der Küste überstürzt zu verlassen. Der Sturm treibt das Schiff Hunderte von Seemeilen hinaus in den Atlantik. Es kehrt nie nach Amerika zurück. Und das Schicksal der ersten englischen Siedler in der Neuen Welt bleibt für immer ein Geheimnis.

Mit dem gescheiterten Roanoke-Projekt hätte England das Abenteuer Amerika als unergiebig abhaken können. Hätte das, was der Entdecker Christoph Kolumbus bis zu seinem Lebensende hartnäckig für die Rückseite Indiens hielt, den Spaniern überlassen können, die in ihrer Gier nach schnellem Reichtum schon Mittel- und Südamerika erobert hatten. Brutalen Desperados wie Francisco Vasquez de Coronado, der ab 1540 von Mexiko aus in den endlosen Ebenen zwischen dem Mississippi und den Rocky Mountains nach dem sagenhaften Goldland Cibola suchte und zu seiner Enttäuschung nichts weiter fand als riesige Büffelherden und das Weltwunder des Grand Canyon.

Der Abschaum soll die neue Welt besiedeln

Doch das Wort Gold hat auch in London einen zu verlockenden Klang. 1607 landen wieder drei Schiffe aus England mit einer Hundertschaft von Siedlern an der Küste von Virginia, rund 200 Kilometer nördlich von Roanoke. Die Ansammlung von Blockhütten, die sie noch kurz vor Wintereinbruch zusammenzimmern, nennen sie nach ihrem König Jamestown. "Es gab kein anderes Thema, keine andere Hoffnung, keine andere Arbeit als Gold graben, Gold waschen, Gold schmelzen und Gold verladen", bezeugt einer der Auswanderer in seinen Aufzeichnungen. Dieser erneute Anlauf, in Amerika Fuß zu fassen, wird von der "Virginia Company" getragen, einem Zusammenschluss wohlhabender Gentlemen. Sie wollen Profit sehen. Einer ihrer Gründer, der Ehrbare Oberste Richter Sir John Popham, hat allerdings zusätzliche Motive. Er will "Landstreicher" in "derlei Gegenden jenseits der Meere" abschieben und die Neue Welt "aus allen Gefängnissen Englands bestücken und besiedeln".

Das Goldfieber lässt bald nach: Die Siedler von Jamestown finden kein Edelmetall. Stattdessen befällt sie bald anderes Fieber - mehr als die Hälfte der Auswanderer überlebt das erste Jahr nicht. Und die "Wilden" oder "Heiden", wie die Indianer bei den Siedlern heißen, machen ihnen auch bald zu schaffen.

1614 schicken die Bewohner von Jamestown die erste Tabakernte nach England. Rauchen wird zur teuren Mode in Europa. Auch ohne Gold zu finden, kann man also in Virginia reich werden. Der Auswandererstrom schwillt an. Können sie mit den Ureinwohnern in Frieden leben, sind die Neuankömmlinge erleichtert. Aber sie schlagen gnadenlos zu, wenn die Wilden es wagen, sich ihren Kolonisationsplänen zu widersetzen. Dass sie, die Europäer, Eindringlinge und Landräuber sein könnten, dieser Gedanke ist ihnen völlig fremd.

Indianerhäuptling Opechancanough erkennt die Gefahr und will handeln, bevor die Weißen durch ihre bloße Zahl unbesiegbar werden. Am 22. März 1622 überfallen seine Krieger die Plantagen von Jamestown und massakrieren 347 Menschen. Die Siedler sind jedoch nicht mehr zu vertreiben.

Nach einem langen Kleinkrieg wird 1644 der alte Häuptling gefangen genommen und umgebracht. Von nun an behalten die neuen Herren für immer die Oberhand in Amerika. Bis 1640 dringen allein in die Küstenstriche, die später Neuengland-Staaten heißen werden, über 25 000 Weiße vor. Den Anfang machen die "Pilgerväter" auf der "Mayflower", die 1620 bei Cape Cod an Land gehen. Sie sind Puritaner. Zu Hause in England hat man sie wegen ihres fundamentalistischen Protestantismus verfolgt. In der Neuen Welt, fern der irdischen Macht des Königs und der verhassten Hierarchie der Anglikanischen Kirche, wollen sie ein "Neues Zion" streng nach den Geboten der Bibel errichten. "Wir haben keinen Zweifel, dass Gott mit uns sein wird", predigt Francis Higginson, einer ihrer Vordenker. "Und wenn Gott mit uns ist, wer kann sich dann gegen uns stellen?"

"God's own country"

Für die überzeugten Protestanten ist wirtschaftlicher Erfolg dabei das sichtbare Zeichen, dass Gott auf ihrer Seite steht. "Er wird uns Lob und Ruhm geben", sagt John Winthrop, Gründer der Massachusetts-Bay-Siedlung, "solcher Art, dass die Menschen über erfolgreiche Plantagen sagen werden: Der Herr möge sie gedeihen lassen wie die von Neuengland." Diese tiefe Überzeugung wird eine Konstante des amerikanischen Selbstgefühls bleiben. Genauso wie der Glaube daran, in "God's own country" zu leben, in Gottes auserwähltem Land.

Zwar erkennen die Puritaner die Oberherrschaft der Krone an, doch sie wählen sofort ihre eigenen Ratsgremien. Deren Beschlüssen sowie jedweden "gerechten und für alle gleichen Gesetzen" geloben sie "jede gebührende Achtung und Gehorsam". Der Anfang einer demokratischen Staatsform, die auf dem Konsens zwischen Regierenden und Regierten beruht, ist damit in dieser britischen Randbesitzung gemacht.

Anstelle der Fürstenwillkür, wie sie in Europa herrscht, setzen die Puritaner nicht die Freiheit schlechthin. Statt sich der Obrigkeit zu unterwerfen, gängeln sie sich lieber selbst. Ein bigotter Konformismus prägt den Alltag, und auch er wird nie mehr ganz aus dem amerikanischen Leben verschwinden. In den spartanischen Kirchen sind Orgeln als "Dudelsack des Teufels" verboten. Draußen trifft der Bannfluch alles, was Freude macht: tanzen, trinken, flirten. Und Stimmrecht hat nur, wer dem wahren, also dem puritanischen Glauben anhängt.

Eingesperrt, ausgepeitscht, ausgewiesen

Abweichler, die ihr Christentum nicht ganz so eng auslegen, werden eingesperrt, ausgepeitscht oder in die Wildnis ausgewiesen. Vier Aktivisten der protestantischen Quäker-Sekte richtet man 1659 in Massachusetts hin - ihr wiederholtes Eintreten für die Gewissensfreiheit in religiösen Fragen ist in den Augen der Puritaner mit ihren starren Glaubenssätzen Ketzerei. Die Hysterie der reinen Lehre erreicht ihren Höhepunkt mit den Hexenprozessen von Salem 1692.

Trotzdem wird das Sittendiktat der Puritaner nie flächendeckend. Die Neue Welt ist dazu einfach zu groß. Wer anders denkt, wer anders leben will, kann ausweichen, kann sich aufmachen zu neuen Horizonten und seine Gegenwelt aufbauen - ohne wie im engen Europa gleich wieder an andere Grenzen zu stoßen. Auch dieser Aufbruch zu immer wieder neuen Ufern wird zu einem Charakterzug, der Amerika bis heute prägt.

Als beispielsweise die Gottesfürchtigen von Massachusetts Bay den Dissidenten Roger Williams hinausjagen in die undurchdringlichen Wälder, sieht er diese Vertreibung als Chance und gründet die Kolonie Rhode Island. Dort verwirklicht er seine revolutionären Ideale: Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat. Und der britische Quäker William Penn etabliert 1681 sein "heiliges Experiment" abseits der Puritaner-Herrschaft in dem nach seiner Familie benannten "Pennsylvania". Hier gibt es keine Todesstrafe und keine Sklaverei, wie sie südwärts von Virginia wegen des Arbeitskräftemangels in der Tabakindustrie üblich ist, dafür aber Kranken- und Irrenhäuser. Mit den Indianern wird ein langfristiger Friedensvertrag geschlossen und sogar eingehalten. Und Penn stellt die Einwanderung auf eine breitere Grundlage. Neben seinen Landsleuten holt er Iren, Schweden und Deutsche über den Atlantik.

Aus Neu-Amsterdam wird New York

1715 leben fast 500 000 Menschen in den Kolonien. Die englische Krone hat sich die schwedischen und holländischen Streu-Besitzungen einverleibt, darunter Neu-Amsterdam, das jetzt New York heißt. Sie lässt den 13 entstandenen Kolonien weitgehende Selbstverwaltung, nimmt auf die meisten aber über den von London ernannten Gouverneur Einfluss, ohne dass die Siedler das als Fremdherrschaft empfinden. "Wir in Amerika sind in jeder Beziehung Engländer, obgleich der Atlantik seine Wogen zwischen uns und dem Throne wälzt, dem wir alle in Untertanentreue verpflichtet sind", sagt noch Mitte des 18. Jahrhunderts Francis Hopkinson, später einer der Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Und als 1759 in der letzten Schlacht der britisch-französischen Kriege um Kanada die Franzosen vor Quebec entscheidend geschlagen werden, feiern amerikanische Milizen gemeinsam mit englischen Söldnern den Sieg und die Eingliederung Französisch-Kanadas ins Britische Empire.

Doch dann will König Georg III. einfach nicht begreifen, dass er die getreuen Untertanen jenseits des Meeres nicht wie Bürger zweiter Klasse behandeln kann. Vertreter der Amerikaner ins englische Parlament oder gar in die Regierung aufnehmen?

Unmöglich. Georg III. misstraut ihnen. Er lässt 10 000 Soldaten in den amerikanischen Besitzungen stationieren. Er verbietet den Kolonien, sich über die Bergkette der Appalachen hinaus nach Westen auszudehnen. Und er drückt ihnen Abgaben, Steuern und Zölle auf, ohne sie auch nur zu fragen. Steuern auf jeden amtlichen Stempel. Zölle auf Papier, Blei, Glas und Tee. Die inzwischen zwei Millionen Amerikaner schreien auf: "Keine Steuern ohne unsere Zustimmung." Die Situation spitzt sich zu. 1770 fallen in Boston Schüsse gegen Demonstranten. Drei Protestierer sterben. Samuel Adams, ein Feuerkopf, der nur zerknautschte Perücken trägt, um dem wohlfrisierten Bürgertum seine Verachtung zu beweisen, gründet die revolutionären "Sons of Liberty", Söhne der Freiheit. Ihre Hymne: "Reicht euch die Hände, tapfere Amerikaner!"

An einem trüben, regnerischen Tag im Dezember 1773 reichen sich im Hafen von Boston als Indianer verkleidete tapfere Amerikaner die Hände, um 342 Kisten Tee von drei englischen Schiffen ins Wasser zu kippen. Mit der "Boston Tea Party" beginnt der Krieg der Kolonisten gegen das Mutterland. Dass es ein Krieg um die Unabhängigkeit werden soll, ist anfangs keineswegs ausgemacht. Mehr als ein Drittel der Amerikaner will weiterhin unter britischer Herrschaft bleiben und rät zu Kompromissen. (Als so genannte Loyalisten werden diese Königstreuen bis zum Ende an der Seite der britischen Rotröcke kämpfen. 80 000 von ihnen wandern später fort nach Kanada.)

Grossbritannien macht Druck

Doch in typischer Alte-Welt-Arroganz tun die Engländer alles, den Unabhängigkeitsgedanken zu schüren. Ein britischer General wird als Gouverneur von Massachusetts eingesetzt, amerikanische Familien müssen die Einquartierung königlicher Soldaten hinnehmen und bezahlen, den Amerikanern wird das Fischen vor den eigenen Küsten verboten. Der revolutionäre Patriotismus bordet über. Bürger, die zur Mäßigung raten, werden als "Feinde der Freiheit" gebrandmarkt.

Bei Lexington erleiden die amerikanischen Freischärler am 19. April 1775 frühmorgens ihre erste Schlappe gegen die englischen Truppen. Aber bei Concord fügen sie den britischen Verbänden vier Stunden später mit ihrer Guerilla-Taktik schwere Verluste zu. Das Blutvergießen hat begonnen, und wie schon bei den ersten Scharmützeln schwankt das Schlachtenglück in der Folge so unberechenbar wie selten in einem Krieg.

Dilettantische Kriegsführung

In merkwürdigem Kontrast zu seiner weltgeschichtlichen Bedeutung wird der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg dilettantisch geführt. Jede Seite lebt von den Fehlern der anderen. Die Milizen der 13 Kolonien sind schlecht bewaffnet und von zweifelhafter Disziplin. Die meisten Offiziere sind Freizeitkrieger - tapfer, aber ohne Schulung. Und die Soldaten mit ihren Jagdflinten sind zwar gute Schützen. Doch sie neigen dazu, schnell auseinander zu laufen, wenn sie nicht unmittelbar vor der eigenen Haustür zum Schutz ihrer Familien kämpfen.

Das britische Heer besteht im Verlauf der Auseinandersetzung zu einem immer höheren Anteil aus hessischen Söldnern, die ihr Landesherr an den englischen König verhökert hat. Die Truppen Ihrer Majestät leiden vor allem unter ihrem geradezu erbarmungswürdig bornierten Offizierskorps. Die Herren mit ihren frisch gepuderten Perücken vermögen sich einfach nicht vorzustellen, dass die amerikanischen Buschmänner den in Reih und Glied aufmarschierenden Soldaten ernstlich etwas anhaben könnten.

Also lassen sie ihre zahlenmäßig meist überlegenen Regimenter immer wieder mit klingendem Spiel in den Kugelhagel der amerikanischen Heckenschützen laufen und wundern sich anschließend über die Treffsicherheit der aufrührerischen Hundsfötte.

Ein General wie aus dem Bilderbuch

Kommandeur der Freiheitskämpfer ist der Plantagenbesitzer George Washington aus Virginia: fast zwei Meter groß; markante Züge; untadeliges Benehmen; außergewöhnliche Tapferkeit. Hoch zu Ross sieht er wie sein eigenes Reiterstandbild aus. Und seine Ansprachen scheinen weniger für die Truppe als für die Ewigkeit bestimmt: "Ihr müsst der Welt zeigen, dass ein freier Mann auf eigener Scholle jedem sklavischen Söldner auf der ganzen Erde überlegen ist."

Doch der prächtige Soldat hat einen Makel: Er ist kein großer Feldherr. Kaum haben seine englischen Widersacher in ihrer Arroganz eine Schlacht verschludert, vermurkst er prompt die nächste, und das blutige Patt ist wiederhergestellt. Aber er ist lernfähig und kann zäh sein. Als im Winter 1780 seine frierenden Scharen, deren Elendsmärsche - so Washington - man "am Blut ihrer Füße" verfolgen könne, drauf und dran sind zu meutern, schreibt er: "Ich habe fast die Hoffnung verloren." Aber eben nur fast. Er kämpft weiter, und nicht einmal ein Jahr später endet der Krieg mit der Kapitulation des englischen Generals Cornwallis bei Yorktown am 19. Oktober 1781.

Drei Faktoren sind für den überraschenden Sieg der Amerikaner verantwortlich. Die wirre englische Kriegsführung, die das eigene militärische Übergewicht immer wieder souverän verspielt. Dann ein gewisser Herr Steuben, seines Zeichens preußischer Offizier, der von 1778 an die wilden Haufen der Amerikaner wenigstens einigermaßen auf Vordermann bringt, obwohl er mehr als einmal resignierend feststellt, eine solche Armee "hätte auch Cäsar und Hannibal den Ruf gekostet". Und drittens der Kriegseintritt Frankreichs im selben Jahr. Gegen den Erbfeind England kommt Paris den Aufständischen mit gut gedrillten Truppen zu Hilfe - und mit seiner Flotte. Bei einer Seeschlacht fällt die Vorentscheidung. Französische Schiffe besiegen vor Yorktown unterlegene englische Verbände, damit sind die in der Stadt verschanzten Briten vom Nachschub abgeschnürt. Die französisch-amerikanische Artillerie kann sie in aller Ruhe zusammenkartätschen. Von New York aus sticht eine starke englische Hilfsflotte bezeichnenderweise erst an dem Tag in See, an dem Cornwallis die weiße Fahne hissen lässt. Eine britische Militärkapelle spielt bei der Übergabe den alten Marsch: "Die Welt steht Kopf."

Ihre Unabhängigkeit hatten die Vereinigten Staaten von Amerika schon 1776 erklärt. Am 4. Juli dieses Jahres verabschiedete der "Kontinental-Kongress" - Abgesandte aus den 13 Einzelstaaten - in Philadelphia die "Declaration of Independence". Sie gipfelt in den erhabenen Sätzen: "Folgende Wahrheiten halten wir für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und Streben nach Glück gehören."

Ganz so für die Ewigkeit, wie es klingt, ist das berühmte Dokument aus der Feder von Thomas Jefferson, einem späteren Präsidenten, nicht gedacht. In 18 Punkten rechtfertigt es ganz handfest den definitiven Bruch mit dem Mutterland durch die Aufzählung der Scheußlichkeiten, die König Georg an den Amerikanern begangen habe und begehe: "Er hat unser Meer geplündert, unsere Küsten verheert, unsere Städte niedergebrannt und unsere Mitbürger getötet." Und selbst das revolutionäre Credo von der Gleichheit aller Menschen ist so ehern nicht. In stillschweigender Übereinkunft gilt es nicht für die Hunderttausende schwarzer Sklaven, die inzwischen die Plantagen im Süden bewirtschaften - unter anderem die Güter von Jefferson und Washington.

Ein Glück für die ganze Menschheit

Als die Unabhängigkeitserklärung verkündet wird, läuten landauf, landab die Glocken. In New York stürzen die Bürger das Reiterdenkmal Georg III. vom Sockel und gießen daraus - man befindet sich ja im Krieg - 42500 Musketenkugeln. John Hancock, einer der Unterzeichner des Dokuments, setzt als Erster seine Unterschrift in besonders großen und markigen Lettern darunter, damit "der König von England sie ohne Brille lesen kann". Dann fordert er die Amerikaner auf "einig zu sein, zusammenzuhängen". Sein Pathos treibt Benjamin Franklin, den amerikanischen Weltmann, Diplomaten und Erfinder des Blitzableiters, zu der ironischen Antwort: "Ja, wenn wir jetzt nicht zusammenhängen, dann werden wir alle einzeln hängen!"

Die junge Republik gewinnt den Krieg, keiner der Unabhängigkeits-Väter muss am Galgen baumeln. 1787 treffen sich 55 Abgesandte der Einzelstaaten in Frieden wieder in der Staatshalle von Philadelphia. Ihr Ziel ist die Ausarbeitung einer Verfassung. Washington führt den Vorsitz, der greise Franklin ist dabei; Jefferson allerdings macht als Botschafter in Paris gut Wetter für die neue Nation. Das Problem: Wie bringt man die Interessen der Einzelstaaten, die gerade ihre Unabhängigkeit erkämpft haben, unter einen Hut, schwört sie ein auf die Notwendigkeit einer starken Zentralgewalt? Und wie soll der Einfluss der einzelnen Ex-Kolonien gewichtet werden, vom kleinen New Hampshire bis zu großen Flächenstaaten wie Virginia?

Rom, Athen und Karthago als Vorbilder

Man studiert antike Vorbilder. Rom, Athen, sogar Karthago. Man holt sich Anregungen bei den mittelalterlichen Adelsrepubliken Venedig oder Genua. Am Ende glückt ein pragmatischer Kompromiss. Jefferson findet ihn geradezu außerirdisch, er preist seine Schöpfer als "eine Versammlung von Halbgöttern".

Die Einzelstaaten behalten einen Großteil ihrer Eigenständigkeit. Für übergreifende Gesetze werden auf Bundesebene zwei Kammern eingerichtet: das Repräsentantenhaus, in das die Staaten Abgeordnete je nach ihrer Bevölkerungszahl schicken, und der Senat, in dem jeder Staat unabhängig von seiner Größe zwei Sitze erhält. Dazu kommt eine unabhängige Justiz und als Exekutive ein starker Präsident, der später sogar, darauf legt Washington wert, seine Minister ohne Zustimmung des Kongresses ernennen und entlassen kann.

Der Kriegsheld ist der erste Mann an der Spitze der Vereinigten Staaten. 1789 wird er einstimmig gewählt, vier Jahre später genauso einstimmig wiedergewählt - das soll in Zukunft keinem Präsidenten mehr gelingen. Kurz vor Amtsübernahme schreibt er einem Freund: "Meine Gefühle sind denen eines Schuldigen nicht unähnlich, der zu seiner Hinrichtungsstätte geht. Doch als braver Soldat widersetzt er sich dem Ruf nicht, der ihn ereilt." Er wird ein populärer Präsident, wenn auch kein volksnaher. Denn so sehr er politisch und militärisch auf der Seite der Republik stand und steht, im Herzen ist er Aristokrat. Er liebt es, in kanariengelber Karosse mit goldenen Verzierungen vorzufahren, gibt niemandem bei Empfängen die Hand und grollt, weil man ihm, dem Präsidenten, die Anrede "Ihre Mächtigkeit" verweigert.

Der Französischen Revolution, die sich in vielem auf das amerikanische Vorbild beruft, steht Washington eher ablehnend gegenüber. Die Amerikaner hätten die Tore zur Freiheit aufgeschlossen, die Franzosen hätten sie allzu weit aufgestoßen. Amerikas Zukunft, Amerikas Sendung formuliert er so: "Die Vereinigten Staaten scheinen von der Vorsehung dazu bestimmt, der menschlichen Größe und dem menschlichen Glück eine Heimat zu geben. Das Resultat muss eine Nation sein, die einen verbessernden Einfluss auf die ganze Menschheit ausübt." Kein Wunder, dass seine dankbaren Landsleute die neue Hauptstadt der USA, die in Virginia am Flüsschen Potomac entsteht, nach George Washington benennen.

Tea Fiedler / print