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Terroranschlag in Boston: Ein Land zurück im Schockzustand

Über elf Jahre nach dem 11. September erschüttert wieder ein Terroranschlag die USA. Die Explosionen in Boston wecken alte Ängste - das Land macht sich erneut auf die Suche nach dem Feind.

Von Giuseppe Di Grazia

Manchmal hatte man das Gefühl, es ist vorbei, sie haben es überwunden, die Amerikaner, diesen Tag, diesen Angriff, dieses Nine Eleven, diese Terrorangst. Nach fast zwölf Jahren war so etwas wie ein Stück Gelassenheit in ihren Alltag zurückgekehrt. Strenge Kontrollen an Flughäfen und Bahnhöfen gehörten dazu, kaum einer nahm sie mehr richtig wahr. In diesem Amerika von 2013 schien die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg größer als die vor dem Terror.

Bis gestern, bis zu diesem Montag. Bis zum Boston-Marathon, einem der berühmtesten der Welt. Fast eine halbe Million Zuschauer entlang der Strecke, mehr als 23.000 Läufer. Ein Volksfest. Ausgelassene Stimmung. Als die meisten der Läufer schon durch waren, als die meisten schon feierten, explodierten kurz vor der Ziellinie fast zeitgleich zwei kleine, selbstgebastelte Bomben. Die Druckwellen rissen Läufer und Zuschauer zu Boden, Rauch stieg auf, Flammen schossen am Rande der Strecke hoch und erwischten mehrere Zuschauer. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben, darunter ein acht Jahre alter Junge. Er stand in der Nähe der Ziellinie, zusammen mit seiner Mutter und seiner Schwester, sie warteten auf den Vater, der den Marathon lief. Mutter und Schwester wurden verletzt, ebenso mindestens weitere 160 Menschen.

Amerika ist erschüttert. An vielen Orten im Land wurden die Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Noch ist unklar, wer dafür verantwortlich ist. Präsident Barack Obama vermied das Wort "Terror", er sagte in einer ersten Stellungnahme: "Wir werden herausfinden, wer das getan hat, und die Schuldigen zur Verantwortung ziehen."

Eine Situation wie im Krieg

Die Bomben waren nach ersten Angaben der Bostoner Ermittlungsbehörden in Mülleimern am Rande der Strecke versteckt, mitten unter Zuschauern. "Als ich den ersten Knall hörte, glaubte ich, es sei ein Feuerwerk, ich lief weiter, dann sah ich den Rauch, sah andere Läufer, die zu Boden fielen, da wusste ich: Es ist eine Bombe", sagte Jarrett Sylvester der "New York Times". Menschen mit blutverschmiertem Gesicht liefen panisch umher, Sicherheitskräfte versuchten, den Verletzten erste Hilfe zu leisten. Mehrere Menschen verloren bei den Anschlägen Beine und Arme.

"Das waren Bilder, die ich nie vergessen werde, die ich nie wieder in meinem Leben sehen möchte", sagte Stephanie Grammel, die an die Strecke gekommen war, um ihre Schwester anzufeuern. Nico Enriquez, der seinen ersten Marathon lief, erzählte: "Ich bog gerade auf die Ziellinie ein. Auf einmal flippten alle um mich herum aus. Schrien, liefen wild umher, wussten gar nicht, wohin. Ich konnte es nicht glauben. Ich dachte, ich bilde mir das alles nur ein."

Ed Frontino ist einer der Zuschauer, der verletzt wurde. Er stand neben der Tür einer Bar, die Druckwellen der Bomben schleuderten ihn zu Boden, Glassplitter der Scheiben hinter ihm schnitten tiefe Wunden in seine Beine. "Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich einen großen Knall hörte, wie der einer Kanonenkugel." Frontino beschrieb die Situation am Zieleinlauf wie die in einer "Kriegszone".

Auf so einen Moment waren die Polizisten in Amerika seit Jahren vorbereitet. Und als es dann geschah, half kein Training, keine Spezialausbildung. Sie waren im ersten Moment nicht Polizisten, sondern Menschen, genau so schockiert wie Sportler und Zuschauer. Sie liefen nach den Explosionen wild umher, zogen ihre Waffe gegen den unsichtbaren Feind und versuchten Läufer, die von den Druckwellen zu Boden geschleudert worden waren, zu beschützen. "Wir hatten keine Drohungen vorher erhalten", sagte später einer der Polizeisprecher.

Amerika sucht wieder nach dem Feind

Boston, das ist die historische Stätte im Kampf der amerikanischen Siedler für Freiheit, für die Unabhängigkeit von den englischen Kolonialherren. Die Bomben explodierten am Patriot’s Day, ausgerechnet, an dem Tag, an dem die Einwohner von Boston ihrer stolzen Geschichte gedenken.

Das FBI hat die Ermittlungen übernommen, die Behörde schließt einen Terrorakt nicht aus. Die Fragen, die Amerika nun bewegen, sind: Steht das Land vor einer neuen Terrorwelle? Und wer steckt dahinter? Ausländische Terroristen? Oder sind es einheimische Extremisten? Während der republikanische Kongressabgeordnete Peter King glaubt, dass der Anschlag "ganz nach Al Kaida" aussieht, verweisen Ermittler auf den Zeitpunkt der Attacke. Ideologisch rechts stehende Amerikaner, die die Regierung als Feind im eigenen Land ansehen, haben in der Vergangenheit im Monat April schon Anschläge verübt. Der blutigste geschah am 19. April 1995, als eine Autobombe ein Bundesgebäude in Oklahoma in die Luft sprengte, mehr als 160 Menschen kamen damals ums Leben. Der 15. April, der Tag des Anschlages in Boston, ist in den USA traditionell der Termin, an dem die Amerikaner ihre Steuern zahlen müssen. Ein Datum, das regierungsfeindliche Amerikaner hassen.

Die Gelassenheit, die Amerika in den vergangenen Jahren wieder gefunden hatte, mag vielleicht auch zu Nachlässigkeiten geführt haben, zur Unvorsicht. Einige Läufer und Zuschauer in Boston berichteten nach dem Anschlag, dass sie keine besonders scharfen Kontrollen erlebt hätten, nicht einmal alle Taschen seien durchsucht worden.

Amerika ist wieder im Schockzustand. Amerika macht sich wieder auf die Suche nach dem Feind. Noch weiß das Land nicht, ob es einer von außen ist oder einer von innen.

  • Giuseppe Di Grazia
    Giuseppe Di Grazia