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Tony Blair: Endzeit-Stimmung in Downing Street

Während US-Präsident Bush voll auf Offensive setzt, hat sein Kriegspartner genug: Tony Blair beginnt den Rückzug aus dem Irak. Es sind die verzweifelten Versuche des einstigen Polit-Superstars, sein Erbe zu retten und nicht als Kriegsminister in den Ruhestand gehen.

Eine Analyse von Cornelia Fuchs, London

Der Sarg war geschmückt mit roten Rosen und dem Union Jack. Second Lieutenant Jonathan Bracho-Cooke starb nach der Explosion einer Bombe auf einer Strasse in der Nähe von Basra, der 101. Tote der britischen Armee im Irak. Er wurde gestern begraben.

Heute verkündete Tony Blair, dass bis Ende des Jahres 3000 Soldaten aus dem Süden Iraks abgezogen werden sollen, 1000 bis zum Monat Mai. Ende 2008 sollen alle 7200 Männer und Frauen der britischen Armee das Land verlassen haben. Die Erfolge der irakischen Sicherheitskräfte während der Winteroffensive "Operation Sinbad" gegen aufständische schiitische Milizen in der Region ließen einen Rückzug der Briten zu, sagen Quellen aus dem Verteidigungsministerium.

Die Ankündigung des Rückzugs kommt nach Monaten der Spekulation, dass britische Einsatzkräfte reduziert werden sollen. Sie wird nun aller Voraussicht nach langsamer vorangehen als von den Experten gedacht. Aber sie wird wahrscheinlich beginnen, bevor Tony Blair als Premierminister des Landes zurücktreten wird. Noch immer hat er nicht bekannt gegeben, wann genau dies sein wird. Doch die Endzeit-Stimmung in Downing Street verdichtet sich. Tony Blair legt letzte Hand an sein Vermächtnis. Und er möchte nicht als der Kriegs-Premier in Ruhestand gehen, zu dem er in Großbritannien geworden ist.

"Bildung, Bildung, Bildung"

Zehn Jahre ist es her, dass ein energischer, junger Premier den alten Mief der Tory-Partei aus dem Amtssitz Downing Street Nummer 10 vertrieb. Er war es, der mit Hilfe der "Spindoktoren", der politischen PR-Manager, öffentliche Meinung zu leiten versuchte, zunächst mit Erfolg. Sie waren es, die Prinzessin Diana zur "people's princess" machten, zur Prinzessin der Herzen. Blair war es auch, der Schlagworte prägte wie "Bildung, Bildung, Bildung" als wichtigste Aufgabe seiner Regierung. Mit seiner Regierung kam der Aufschwung nach Großbritannien, das Land erlebte, wie die Arbeitslosigkeit sank, die Hauspreise stiegen, und wie ganze Bevölkerungsgruppen sich plötzlich Immobilien im Rest von Europa leisten konnten, weil sie die Wirtschaftsmaschine des Kontinents wurden.

Blair schien ein politisches Sonnenkind zu sein. Die Kommentatoren machten sich über seine angebliche Prinzipienlosigkeit lustig, er stand nicht mehr für die alten Labour-Konzepte von Gewerkschaftstreue und Steuererhöhungen. Er achtete auf Meinungsumfragen und die Interessen der Wirtschaftsvertreter. Seine Umfrage-Werte waren sehr gut.

Und dann kam der 11. September, und Blair stellte sich kompromisslos an die Seite des amerikanischen Präsidenten Bush. Seitdem war die Liebesaffäre zwischen Blair und den Briten beendet. Er ignorierte die Millionen, die in London gegen den nahenden Krieg im Irak demonstrierten. Er reagierte auch nicht, als klar wurde, dass die Beweise für angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak, der eigentliche Kriegsgrund, falsch waren. Der Mann, dem vorgeworfen wurde, seine Politik reagiere auf Meinungsumfragen, blieb der engste politische Partner George Bushs, gegen alle fallenden Umfrage-Werte in Großbritannien.

Es hat ihn gezeichnet. In der National Portrait Gallery werden zur Zeit Schwarz-Weiß-Fotografien des Fotografen Nick Danziger gezeigt, der Blair in den Wochen vor Kriegseintritt im Jahr 2003 Tag und oft Nacht begleitete. Die Bilder zeigen einen angespannten Mann, der dennoch fast jugendlich scheint. Heute dagegen wirkt Blair stark gealtert, Falten durchziehen sein Gesicht, sein Haar ist sichtbar grau geworden. Noch härter ist der Kontrast zu dem Gewinner Blair 1997 mit seinem weiten Lächeln und hellen, wachen Augen. Portraits im Jahr 2007 zeigen nur selten einen lächelnden Blair.

Bevölkerung will Blair nicht mehr

Mit erstaunlicher Ausdauer negiert Blair nun schon seit Monaten die Tatsache, dass die britische Bevölkerung ihn nicht mehr haben will als Premierminister. Den Wahlkampf im Frühjahr 2006 hat er geführt mit dem Versprechen, danach als Premierminister zurückzutreten. Mit seinem Finanzminister Gordon Brown, dem designierten Nachfolger, spielt er seitdem ein Katz-und-Maus-Spiel wann und wie er zurück- und dieser antritt. Und die Spekulationen wollen nicht aufhören, dass alles auch anders kommen kann. Dass anstelle von Brown ein ganz anderer in Downing Street 10 einziehen wird, der Innenminister John Reid zum Beispiel oder der Erziehungsminister Alan Johnson.

Blair hat nun den Anfang vom Ende des britischen Einsatzes im Irakkrieg eingeläutet. Es könnte ein Geschenk für seinen Nachfolger sein, der sich dann nicht mit dem Erbe eines ungewollten Krieges auseinandersetzen muss, sondern nur noch mit dessen Abwicklung. Noch viel mehr aber scheint es der letzte Versuch eines Premierministers zu sein, die Liebe seines Wahlvolkes neu anzufachen. Blair soll noch viel vorhaben, sagen seine Vertrauten. Er will die Welt vor Armut und Klimakatastrophe retten. Da kann er nicht mehr Teil eines verkorksten Krieges sein.

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