Touristen in Scharm el Scheich "Wir wollen nach Hause"


Nach den Terroranschlägen im ägyptischen Scharm el Scheich bringen Sondermaschinen viele Urlauber vorzeitig in die Heimat zurück. In Ägypten läuft die Fahndung nach Tätern und Hintermännern der Attentate auf Hochtouren. Eine heiße Spur gibt es jedoch nicht.

Die Explosion war so gewaltig, dass noch weit vom Anschlagsort entfernt Glasscheiben und Spiegel zersplitterten. "Wir sind von einem gewaltigen Knall aufgewacht, ich dachte es sei ein Flugzeug abgestürzt", erzählt Alain Erath, ein französischer Tourist, der neben dem betroffenen Hotel "Ghazala" untergekommen war. Seine Freundin setzt sich die Sonnenbrille auf die verweinten Augen. "Wir sind rausgelaufen und haben jede Menge Rauch gesehen. Es waren viele Menschen auf der Straße, die geweint und geschrieen haben", sagt er und legt tröstend den Arm um die junge Frau, die sichtbar unter Schock steht.

Zwei junge Männer aus Stuttgart sitzen am Samstagnachmittag mit einer Cola an der Hotelbar. "Wir waren auch mal im Hard Rock Café, wo eine der Bomben hochgegangen ist. Das hätte auch uns treffen können", sagt Oliver Wartenberg, der sich vergeblich bemüht, cool zu wirken. Seinen Urlaub will er erstmal nicht abbrechen. "Noch mal schlagen sie bestimmt nicht zu", meint er.

Viele treten die vorzeitige Heimreise an

Unterdessen sammeln Helfer auf einem Rasenstück Leichenteile zusammen und deckten sie mit Zementsäcken ab, weil es nicht genügend Spezialsäcke gab. An den Anschlagsorten bemühen sich die ägyptischen Behörden, so schnell wie möglich den Schutt zu beseitigen. Das Foyer des Ghazala-Hotels ist komplett zerstört, die Decke des eingeschossigen Gebäudes ist eingestürzt.

Auf dem Marktplatz sind am Samstagmorgen noch die Reste eines grünen Autos zu sehen, die weit voneinander versprengt liegen. Möglicherweise hat darin jemand den ersten der insgesamt drei Sprengsätze gezündet. Er ging mitten in der Nacht um 1.15 Uhr hoch, als noch viele Cafés und Restaurants gut besucht waren.

Am Samstag sind in dem Touristenort viele Menschen mit Gepäck zu sehen, die die vorzeitige Heimreise antreten. Andere halten sich in den Hotellobbys auf und warten auf neue Informationen ihrer Reiseleiter. "Ich fühle mich nicht mehr sicher hier", sagt Mohammed Al Rashadi aus Saudi-Arabien. "Ich bin aus meiner Heimat Terror gewohnt, aber so nah hat es mich noch nie erwischt, wir versuchen alles, um einen früheren Rückflug zu bekommen."

"Das ist ein schlimmer Schlag für den Tourismus"

Für Ägypten ist der Anschlag eine Katastrophe. Ausgerechnet Scharm el Scheich, denken viele Menschen hier. Dort, wo der ägyptische Präsident eine Villa hat, wo der britische Premier Urlaub Tony Blair machte und so viele wichtige internationale Konferenzen stattfanden. Die Opferzahlen erreichten schnell das Niveau des verheerenden Anschlags in Luxor 1996, der bislang als der schlimmste in der ägyptischen Geschichte galt.

Die ägyptischen Hotelangestellten bemühen sich, ihren Gästen weiterhin mit einem Lächeln zu begegnen, doch vielen steht die Anspannung und Sorge ins Gesicht geschrieben. "Das ist ein schlimmer Schlag für den Tourismus hier, bestimmt werden viele von uns ihre Arbeitsplätze verlieren", sagt ein Angestellter des Mövenpick Hotels, das einem der Anschlagsorte gegenüber liegt. Es werde sicher sehr lange dauern, bis in Scharm el Scheich wieder an allen Ecken fröhliche Urlaubsstimmung herrscht.

Touristen werden in die Heimat geflogen

Rund 260 der 1000 Schweizer Touristen im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich brechen nach den Terroranschlägen ihren Aufenthalt ab. Die Urlauber würden am Sonntag mit einer Sondermaschine in ihre Heimat zurückkehren, berichtete der Schweizer Rundfunk am Sonntagmorgen. Unter den Toten und Verletzten waren nach bisherigen Erkenntnissen keine Bürger aus dem Alpenland, hieß aus Kreisen der Reiseveranstalter. Einige Urlauber, die die Anschläge aus unmittelbarer Nähe miterlebt haben, könnten allerdings psychologische Hilfe benötigen.

Auf dem Frankfurter Flughafen ist am späten Samstagabend eine Chartermaschine mit deutschen Urlaubern aus Scharm el Scheich gelandet. Nach Angaben eines TUI-Sprechers brachte das Flugzeug 53 Gäste des Reiseveranstalters nach den Terroranschlägen aus dem Urlaubsort am Roten Meer nach Frankfurt zurück. Einige von ihnen fielen Verwandten und Freunden, die sie erwarteten, weinend in die Arme. Die meisten Rückkehrer hatten allerdings einen anderen Weg aus dem Flughafen genommen, um Pressekontakt zu vermeiden.

Die Maschine hatte von Luxor und Hurghada kommend einen Zwischenstopp in Scharm el Scheich eingelegt, um insgesamt 91 TUI-Passagiere vorzeitig nach Hause zu bringen. In München waren zuvor schon 38 von ihnen ausgestiegen.

Am frühen Sonntagmorgen ist eine zweite Maschine mit TUI-Touristen auf dem Münchner Flughafen gelandet. Das bestätigte die Münchner Flughafenbereitschaft. Rund 130 Urlauber brachte das Sonderflugzeug vorzeitig aus dem Urlaubsort am Roten Meer zurück nach Deutschland, etwa 20 weniger als erwartet. Verletzte waren den Angaben zufolge nicht unter den Fluggästen. Ein Team von Medizinern stand aber nach Flughafenangaben vorsorglich bereit.

Einen einzelnen Drahtzieher gibt es laut Experten nicht

Autobomben in einem ägyptischen Badeort, Explosionen in Londoner U-Bahnen und Selbstmordanschläge in Bagdad: Der Terror scheint sich aus einem stetig wachsenden Pool von Sympathisanten zu nähren. Deren gemeinsame Nenner sind nach Ansicht von Terrorismusexperten das Motiv und die Ziele, einen einzelnen Drahtzieher des Netzwerks Al Kaida gebe es hingegen nicht.

Zwar stützen sich die Extremisten wohl ideell auf das Gedankengut von Islamistenführern wie Osama bin Laden. Bei der Ausführung von Anschlägen gehen sie jedoch nach Einschätzung der Experten auf sich allein gestellt vor. "Sie wollen alle Teil dieses Phänomens sein", sagt Loretta Napoleoni, Autorin des Buchs "Terror Incorporated: Tracing the Dollars Behind the Terror Networks" (Terror AG: Den Dollars hinter den Terrornetzwerken auf der Spur). "Es ist nicht so, dass ihnen jemand sagt: 'Du bombst am 1. Juli'."

Möglicherweise sollte "der Feind überfordert werden"

Die Anschläge von Scharm el Scheich wurden nur zwei Wochen nach den ersten U-Bahn- und Bus-Anschlägen von London verübt, doch wurden sie offenbar von langer Hand vorbereitet. Der ägyptische Badeort gilt als einer der sichersten Orte des Landes, so dass eine lange Planung vorausgesetzt werden muss. "Wenn ein Anschlag dieses Ausmaßes und dieser Art in solch einem regional wichtigen Zentrum passiert, dann zerstört das das Bild von hoher Sicherheit und sendet eine klare Botschaft an die Behörden, dass sie überall getroffen werden können", sagt der ägyptische Terrorismusexperte Dia'a Raschwan. "Wir können die Schuld dafür nicht auf eine kleine Amateurgruppe schieben."

Möglicherweise haben die Attentäter von Ägypten nach den Vorfällen in London ihre Planung beschleunigt, um den Menschen mehr Angst einzujagen und den Terror als omnipräsent wirken zu lassen. "Die Wahl des Zeitpunkts ist hier überaus wichtig, der Westen soll überrumpelt werden", sagt Magnus Ranstorp, Direktor des Zentrums für Studien von Terrorismus und politischer Gewalt an der St.-Andrews-Universität in Schottland. Möglicherweise sollte "der Feind überfordert werden".

Attentäter stützen sich auf Al-Kaida-Gedankengut

Direkte Verbindungen zwischen den Anschlägen in London und Ägypten hält Ranstorp für unwahrscheinlich. Denn einerseits sei Al Kaida selbst seit langem in zwei Lager gespalten - eines, das weltliche Regime im Nahen Osten ins Visier nimmt, und eines, das den Westen treffen will. Und zum anderen seien offenbar keine Araber an den Anschlägen von London beteiligt gewesen. Als mutmaßliche Selbstmordattentäter vom 7. Juli identifizierte die Polizei drei Briten pakistanischer Herkunft und einen aus Jamaika stammenden Briten.

Allerdings gibt es erste Hinweise darauf, dass es eine Verbindung zwischen den Attentätern in Ägypten und den Extremisten im Irak geben könnte. Die Terrorgruppe Al Kaida im Irak veröffentlichte am Tag der Anschläge Videoaufnahmen, die möglicherweise eine Rechtfertigung für die Bluttat in Scharm el Scheich sein sollen. Zu sehen ist dabei der ägyptische Botschafter Ihab al Scharif, der von der Terrorgruppe entführt und nach ihren Angaben auch ermordet wurde. Einen Beweis dafür gibt es bislang nicht. Al Scharif beantwortet in dem Videofilm Fragen zum rechtlichen Status der Halbinsel Sinai.

"Sie sagen damit, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist"

Der Friedensprozess zwischen Ägypten und Israel habe den Sinai in vier Teile geteilt, sagt al Scharif. In einen Teil könnten Israelis und andere Ausländer ohne Visum einreisen. In einer Erklärung zum Video heißt es dazu, während das Blut der Muslime im Irak und in Palästina vergossen werde, "amüsieren sich die Feinde Gottes und wandern umher im Land der Muslime". Und weiter heißt es: "In Ägypten entweihen Juden den Sinai." Es blieb allerdings unklar, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Video und der Erklärung und den Anschlägen in Ägypten gab.

Die Serie von Anschlägen und versuchten Anschlägen in London und Ägypten könne als Versuch gewertet werden, die Fähigkeiten von Al Kaida im Angesicht des von den USA angeführten internationalen Kampfes gegen den Terrorismus unter Beweis zu stellen, erklärt Mustafa Alani, ein Sicherheitsexperte am Gulf Research Center, einem Forschungsinstitut in Dubai. "Sie sagen damit, dass dieser Kampf nicht zu gewinnen ist", erklärt Alani. "Wenn man sich die Weltkarte von Al-Kaida-Aktionen ansieht, erstrecken sie sich von London über Bali nach Istanbul, Mombasa, Saudi-Arabien und in den Irak."

Irak-Krieg beschert Militanten Zulauf

Die Anschläge seien vermutlich als Rache für die westliche Einmischung im Irak und in den israelisch-palästinensischen Konflikt gedacht, sagt Alani weiter. Die Botschaft an die Bürger im Westen sei: „Ihr seid nirgends sicher, so lange Eure Regierung an diesem ungerechten Krieg beteiligt ist.“

Während US-Präsident George W. Bush argumentiert, eine Niederschlagung des Aufstands im Irak sei nötig, um Angriffe auf westliche Ziele zu verhindern, hat der Krieg nach Expertenansicht im Gegenteil dazu beigetragen, dass die militanten Organisationen Zulauf erhalten. Die Bilder toter und sterbender Zivilpersonen und von US-Soldaten in Aktion, die von arabischen Sendern ausgestrahlt werden, tun ein Übriges. "Irak war ein absolutes Geschenk für Al Kaida", sagt Paul Rogers, Professor für Friedensstudien an der englischen Bradford-Universität.

Langfristig wollten die Attentäter Muslime und den Westen trennen, sagt Sicherheitsexperte Alani. "Amerikaner fahren dann nicht mehr in den Nahen Osten. Europäer werden sich andere Ziele suchen. Und Menschen aus dem Nahen Osten werden sehr vorsichtig sein, wenn sie in den Westen reisen."

DPA/AP AP DPA

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