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Türkei: Sümeyyes Mann ist spurlos verschwunden – hat ihn Erdogans Geheimdienst gekidnappt?

Auf dem Weg zur Arbeit verschwand Mustafa Yilmaz. Seit Mitte Februar fehlt jede Spur von ihm. Seine Frau befürchtet, dass der türkische Geheimdienst ihren Mann entführt hat. Ihr Verdacht erhärtet sich, als sie Videoaufnahmen zu Gesicht bekommt.

Sümeyye Yilmaz

Sümeyye Yilmaz hat keine Ahnung, wo ihr Mann sich befindet: "Ich habe so viele Frage"

AFP

Nach mehr als drei Monaten im Gefängnis unter dem Verdacht der Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung war Mustafa Yilmaz froh, wieder bei seiner Frau und Tochter in Ankara zu sein. Doch nur Wochen nach seiner Entlassung verschwand er am 19. Februar auf dem Weg zur Arbeit und ist wie zwei andere Männer bis heute nicht wieder aufgetaucht. Seine Frau Sümeyye befürchtet nun, dass der türkische Geheimdienst hinter seinem Verschwinden steckt.    

"Ich habe so viele Fragen: Warum wird mein Mann nicht entlassen? Was wollen sie von ihm? Ist er überhaupt noch am Leben?", fragt die 27-Jährige, während ihre zweijährige Tochter in der Nähe spielt. "In den ersten Tagen nach seinem Verschwinden hat meine Tochter oft gefragt, wo er ist. Doch nun hat sie aufgehört zu fragen. Sie ist ein Kind, sie vergisst", sagt Sümeyye unter Tränen.    

Sümeyye Yilmaz zeigt auf die Stelle, an der ihr Mann zuletzt gesehen wurde

Sümeyye Yilmaz zeigt auf die Stelle, an der ihr Mann zuletzt gesehen wurde

AFP

Unbekannte attackierten ihren Mann vor dem Haus

Dass etwas nicht stimmte, merkte sie, als der Chef ihres Mannes sie anrief, um zu fragen, warum er nicht zur Arbeit erschienen sei. Sie telefonierte daraufhin die Krankenhäuser ab, doch niemand wusste von ihm. Später musste sie auf Aufnahmen einer Überwachungskamera sehen, wie Unbekannte ihren Mann vor ihrem Haus packen und in einen schwarzen Transporter zwingen. 

Fethullah Gülen

Fethullah Gülen, der Führer der Gülen-Bewegung, ist der Erzfeind des türkischen Präsidenten Erdogan

DPA

Mustafa Yilmaz war einer von sechs Männern, die im Februar binnen weniger Tage in Ankara, Istanbul und der nordwestlichen Provinz Edirne verschwanden. Alle wurden verdächtigt, zur Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen zu gehören, die Präsident Recep Tayyip Erdogan für den fehlgeschlagenen Militärputsch vom Juli 2016 verantwortlich macht.    

Nach Zählung von Menschenrechtlern und Oppositionsabgeordneten verschwanden seit dem Putschversuch 28 Männer in der Türkei. 25 von ihnen tauchten später wieder auf, darunter vier der sechs Männer, die im Februar verschleppt worden waren. Ihre Familien wurden am 28. Juli informiert, dass die Vermissten bei der Polizei in Ankara seien.    

Abgeordneter der Oppositionspartei in der Türkei: "Fragt nicht weiter"

Die vier Männer waren nach Angaben von Menschenrechtlern traumatisiert, wollten aber nicht über ihre Erfahrung sprechen. "Sie waren in einem elenden Zustand. Als ihre Familien fragten, wo sie gewesen seien, antworteten sie: 'Lasst die Sache ruhen, fragt nicht weiter'", sagt der Abgeordnete Ömer Faruk Gergerlioglu von der Oppositionspartei HDP, der eine Aufklärung der Fälle fordert.    

Für Sümeyye war es "die Hölle" gewesen, als die vier anderen Vermissten Ende Juli wieder auftauchten, nicht aber ihr Mann. Sie hatte nach seinem Verschwinden die Polizei um Hilfe gebeten, doch habe diese keine richtige Untersuchung eingeleitet. Bis heute lehnt es die Staatsanwaltschaft ab, sich zu den Fällen zu äußern. Das Innenministerium reagiert nicht auf Anfragen.    

"Unser Hauptverdächtiger ist offenkundig der Staat", sagt Öztürk Türkdogan von der türkischen Menschenrechtsvereinigung. Alle Entführungen folgten laut Augenzeugen und Videoaufnahmen einem ähnlichen Muster, insbesondere seien immer schwarze VW-Transporter eingesetzt worden. Türkdogan geht davon aus, dass auf diese Weise unter den Gülen-Anhängern "Terror" verbreitet werden soll.    

"Das Schlimmste ist, nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist"

Kurz nachdem die vier vermissten Männer Ende Juli wieder aufgetaucht waren, verschwand ein weiterer Mann. Nach Angaben seiner Familie wurde der 35-jährige Yusuf Bilge Tunc am 6. August verschleppt. Auch er war beschuldigt worden, zur Gülen-Bewegung zu gehören, und hatte deshalb seinen Job in der Behörde verloren, welche die türkische Rüstungsindustrie beaufsichtigt.

"Das Schlimmste ist, nicht zu wissen, was mit ihm passiert ist", sagt seine Frau, die ihren Namen nicht nennen will. Auch in seinem Fall war die Polizei nicht von Hilfe. Noch nicht einmal sein Auto habe sie durchsucht, als es vier Tage nach seinem Verschwinden gefunden wurde, sagt seine Frau. Wie Sümeyye hat sie sich in ihrer Verzweiflung an die Vereinten Nationen und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewandt.

mik / Luana Sarmini-Buonaccorsi und Raziye Akkoc / AFP
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