TV-Duell Der Marktschreier und der Professore


Bei seinem zweiten TV-Duell mit Herausforderer Romano Prodi hatte sich Silvio Berlusconi besser im Griff. Zwar fiel er nicht mehr so aus der Rolle, wirkte aber immer noch aggressiv - während Prodi mit Sachthemen zu punkten versuchte.
Von Luisa Brandl, Rom

Er hatte es angekündigt. Berlusconi, das Kommunikationsgenie. Sein Ass würde er sich bis zum Schluss aufbewahren. Gestern schüttelt er es aus dem Ärmel: "Ich werde die Immobiliensteuer senken. Ja, Ihr habt richtig gehört!" Der italienische Regierungschef deutete mit dem Zeigefinger in die Kamera, so als wollte er sagen: Und ihr sollt mich dafür wählen. Oppositionsführer Romano Prodi erwiderte entsetzt, wie er das denn finanzieren wolle, ob er beabsichtige, Papiergeld zu drucken. Aber da waren die Scheinwerfer im Studio von Raiuno schon erloschen, das zweite TV-Duell der Spitzenkandidaten endete mit dem Marktschreier-Ruf des Ministerpräsidenten.

Viele Wähler sind noch unentschieden

Der finale Appell des Regierungschefs fünf Tage vor der Wahl hatte einen Knalleffekt. Berlusconi weiß allzu genau, dass viele Italiener noch unentschieden sind. Anderthalb Millionen Wähler, die meisten davon leben in der Provinz, überwiegend sind es Hausfrauen. Da der Abstand zwischen ihm und seinem Herausforderer hauchdünn ist, könnten sie für das Wahlergebnis ausschlaggebend sein. Unter ihnen sind auch viele Nicht-Wähler. Sie alle gilt es zu gewinnen, und sei es mit leeren Wahlversprechen.

Ob die Rechung aufgeht, ist alles andere als ausgemacht. Prodi hatte gestern einen seiner besten öffentlichen Auftritte überhaupt. Er war keineswegs gemütsvoll oder gar dröge, wie ihm seine Anhänger zuweilen vorhalten. Der "Professore" zeigte sich in Hochform, war schlagfertig, mitunter ironisch und insgesamt sehr entspannt. "Berlusconi klammert sich an eine Laterne wie ein Besoffener, nicht um erleuchtet zu werden, sondern "um Halt zu finden", feixte er. In den vergangenen Tagen hatte der Führer des Mitte-Links-Bündnisses mit unklaren Aussagen zur Steuerpolitik für einige Aufregung gesorgt und den politischen Gegnern Angriffsfläche geboten. Prodi nutzte gestern die Gelegenheit für eine Richtigstellung: "Die Erbschaftssteuer wird nur für jene erhöht, die mehrere Millionen Euro haben", sagte er und schaute dabei direkt in die Kamera. "Va bene così?" - ob das so okay sei, fragte er und es klang fast trotzig.

Berlusconi malte das Gespenst des Kommunismus

Aber nicht nur Prodi machte eine bessere Figur als beim ersten TV-Duell. Berlusconi hatte aus dem Desaster der ersten Konfrontation mit seinem Herausforderer gelernt. Hatte er Mitte März noch wild mit Zahlen um sich geworfen, oft die Redezeit überzogen, dazwischen geredet und nervös auf dem Schreibblock herumgekritzelt, hatte sich der Premier diesmal besser unter Kontrolle. Während Prodi mit Sachthemen zu punkten versuchte und die Einigkeit unter den Italienern heraufbeschwor, setzte Berlusconi auf Emotionen, suggerierte, dass ein Regierungswechsel dem Sieg des "Kommunismus" gleichkäme. Denn Prodi sei nur der "nützliche Idiot", der Strohmann einer Koalition aus "Alt- und Exkommunisten", die nur eins im Sinn haben: die "Umverteilung der Einkommen von oben nach unten zu Lasten der Mittelschicht". Er schürte so die Angst vor Steuererhöhungen, während er selber Steuergeschenke in Aussicht stellte.

Ob die Italiener Berlusconi noch einmal auf den Leim gehen werden, ist zweifelhaft. Andererseits ist Prodis Vorsprung hauchdünn. Laut Umfragen kommt Berlusconi bislang besser bei den noch unsicheren Wählerinnen an als Prodi . Nicht zuletzt deshalb mischte sich dessen Ehefrau Flavia in den Wahlkampf ein und warb für ihren Romano. Das zweite Problem Prodis sind die desorientierten Katholiken, die zwar einen Wechsel wünschen und den Katholiken Prodi befürworten, aber seinen Koalitionspartnern misstrauen, vor allem in Sachen Familienpolitik.

Zwar fiel Berlusconi nicht mehr aus der Rolle wie beim ersten TV-Duell, aber insgesamt wirkte er immer noch aggressiv und überließ Prodi somit die Rolle des vertrauenswürdigen Gentleman. Welchen Einfluss das TV-Duell aber überhaupt auf das Wählerverhalten hat, ist umstritten. Der Meinungsforscher Renato Manheimer kommentierte im Corriere della Sera, die Kandidaten hätten zwar jeweils ihre Stammwähler überzeugt, aber keiner von beiden habe die unentschiedenen Wähler für sich gewinnen können.


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