HOME

TV-Duell im US-Wahlkampf: Showtime für Romney

Nixon gegen Kennedy. Carter gegen Reagan. Gore gegen Bush. TV-Duelle sind Politspektakel ersten Ranges. Am Mittwoch muss Obama-Herausforderer Romney dafür sorgen, dass ihn die Wähler endlich mögen.

Von Florian Güßgen

Nein. Niemand, wirklich kein Wahlkämpfer behauptet, dass alles gelaufen ist, dass Barack Obama schon durch ist, dass Mitt Romney es nicht mehr schaffen kann. Dazu sind sie alle zu sehr Profis. Und sie wissen auch: Eine Niederlage ist nur einen falschen Satz entfernt, ein heikles Youtube-Video, eine falsche Reaktion. Siegesgewissheit wäre tödlich. Und doch sieht es vor dem ersten TV-Duell im diesjährigen Präsidentschaftswahlkampf in der Nacht zu Donnerstag nicht schlecht aus für den Amtsinhaber - trotz der mauen Wirtschaftslage. In den nationalen Umfragen liegt Obama zwar nur knapp - ein, zwei Prozentpunkte - vor Romney. Peanuts. Dafür hat er in fast allen "Swing States", also jenen Bundesstaaten, die auf der Kippe stehen, die Nase deutlich vorne. Das ist für das Ergebnis wichtiger. Will Romney Obama das Weiße Haus bei der Wahl am 6. November streitig machen, muss er diese Woche liefern, für eine Kehrtwende sorgen, einen echten Sieg einfahren. Wohl locker mehr als 50 Millionen Menschen werden am Mittwoch zusehen, ob Romney genau das in Denver im US-Bundesstaats Colorado gelingt. Los geht's um 19 Uhr Ortszeit. Wer sich die Debatte in Deutschland angucken will, muss bis um 3 Uhr früh wach bleiben.

"There you go again"

Die US-Präsidentschaftsdebatten sind großes Theater, als Politspektakel eine Mischung aus Wild-West-Revolverduell und römischem Gladiatorenkampf. Einige Auseinandersetzungen haben fast schon mythischen Status. Die allererste TV-Debatte überhaupt, zwischen Richard Nixon und John F. Kennedy, etwa. Damals, 1960, trat ein vermeintlich schwitzender, irgendwie unrasiert wirkender Nixon an gegen einen jungen, eloquenten, sympathischen Herausforderer, der die Kamera zu nutzen wusste - und es nachfolgend ins Weiße Haus schaffte. Oder jene Debatte, als der Amtsinhaber Jimmy Carter auf Ronald Reagan traf, der Carters Verbalattacke mit einem ebenso lässigen wie vernichtenden "There you go again" konterte - "Jetzt fangen sie wieder damit an." Zuletzt sorgte die Auseinandersetzung im Jahr 2000 für Furore, als der Demokrat Al Gore nach der Debatte seinen Vorsprung in den Umfragen einbüßte - und George W. Bush Präsident wurde.

Das Romney-Lager hofft nach einem bislang unglücklich verlaufenen Wahlkampf auf eine solche Wende. Vielen gilt der Republikaner immer noch als hölzern, unnahbar, unglaubwürdig, als abgehobener Millionär und als Ex-Heuschrecke. In einer TV-Debatte im Vorwahlkampf bot er einem Gegner schon mal eine Wette über 10.000 US-Dollar an, vor kurzem wurde das Video einer Rede veröffentlicht, in dem er 47 Prozent der Amerikaner mal eben abschrieb. Romney wird immer noch nicht wirklich gemocht. Deshalb kann es kaum verwundern, dass das Romney-Lager nun verkündet, die Debatte werde zu einem "Game Changer".

Am Donnerstag würde die Wahlkampfwelt ganz anders aussehen als zuvor, verhieß etwa New Jerseys Gouverneur Chris Christie am Sonntag. Der konservative "Washington Post"-Kolumnist Charles Krauthammer hatte Romney schon vergangene Woche aufgefordert, jetzt endlich mal Großes zu wagen, anzugreifen: "Wenn du hinten liegst, ist es tödlich, auf Sicherheit zu spielen", schrieb Krauthammer. Wie Romney Obama packen will, ist auch schon bekannt. Seit Wochen, heißt es, bereite Romney sich auf die Debatten vor, nehme immer mal wieder Auszeiten vom normalen Wahlkampfzirkus, um zu trainieren. Nun setze er vor allem auf so genannte "Zingers", knackige, sitzende Bemerkungen, Zitate, die den Wählern in Ohr und Hirn hängenbleiben. Sein Sparringspartner ist Rob Portman, ein Senator aus Ohio. Obama trainiert mit Ex-Präsidentschaftskandidat John Kerry.

Das Spiel mit den Erwartungen

Gleichzeitig überbieten sich die Lager in einer Art putzigem Vorwettbewerb darin, die Erwartungen an den eigenen Kandidaten zu dämpfen, um Erfolge im Nachhinein als "Überraschung" verkaufen zu können. Die Spin-Doktoren Obamas schießen übertriebenes Romney-Lob in alle Kanäle. Was für ein toller Debattierer. Was für eine Vorbereitung. Die Herausforderer profitieren immer von den Debatten. Gleichzeitig spielen sie die Erwartungen an Obama herunter. Ja, der habe sich auch ausführlich vorbereitet, klar, das TV-Studio habe man auch nachgebaut. Aber, mal ehrlich, so eine großer Debattierer war Obama nie. Und außerdem habe das Regieren ihn auch vom Trainieren abgehalten. Der Mann musste sich um das Wohl des Landes kümmern. Selbst Obama sagte, er sei lediglich "okay", wenn's ans Debattieren gehe. Die Romney-Leute halten dagegen, Obama könne immerhin mit einer der erfolgreichsten Polit-PR-Maschinen der US-Geschichte aufwarten und, natürlich mit dem Amtsbonus. Laut einer Umfrage der "Washington Post" und des TV-Senders ABC gehen 55 Prozent der Amerikaner davon aus, dass Obama als Sieger aus dem Duell hervorgeht. Nur 31 Prozent tippen auf Romney.

Dabei ist fraglich, wie viel Spielraum die Debatte überhaupt bietet. Denn Überraschungen sind fast unmöglich. Studiodesign und Kameraführung sind exakt festgelegt, das Format ist vor langer Zeit ausgehandelt worden - ebenso wie die Struktur der Themen. Die 90 Minuten werden unterteilt in sechs Abschnitte à 15 Minuten. Die ersten drei Abschnitte sollen sich mit der Wirtschaft befassen, in den letzten drei Abschnitten geht es um die Gesundheitsreform, die Rolle der Regierung - und das Regieren an sich. Gestritten wird nur über die Innenpolitik.

Moderator Lehrer könnte für Überraschungen sorgen

Für Überraschungen, vielleicht etwas Provozierendes, muss und kann dabei vor allem einer sorgen: Jim Lehrer, der Moderator. Der Journalist des TV-Senders PBS ist so etwas wie der Doyen der Präsidentschaftsdebattenmoderatoren in den USA. Elf Duelle hat er seit 1988 schon moderiert, sogar ein Buch über das Thema geschrieben. Das Online-Magazin "Politico" schreibt, Lehrer sei der Moderator, dem Amerika "am meisten vertraut." Der 78-Jährige ist fast ebenso ein Star wie die beiden Politiker. Kollegen preisen seine Unabhängigkeit und seine Fairness. "Er hat eine fast schon religiösen Respekt davor, fair zu sein", lobt ihn sein Kollege Robert MacNeil bei "Politico". "Er hält sich so weit von dem politischen Sumpf fern, dass er nicht einmal wählt". Lehrer jedenfalls hat das Zeug dazu, auch in der Debatte die Schwachstellen der Kandidaten offenzulegen.

Dass die Spin-Doktoren beider Lager sofort nach der Debatte versuchen, ihre Interpretation über Sieg und Niederlage unters Volk zu bringen, ist mittlerweile selbstverständlich. Interessant dürfte diesmal werden, wie Demokraten und Republikaner mit den sozialen Medien umgehen, mit Facebook und Twitter. Wie bei großen Sportereignissen auch, werden die ersten Schlachten über die Interpretationshoheit vor allem auf Twitter schon während der laufenden Sendung ausgefochten werden. Und im Netz konnte sich das Obama-Team bislang gegenüber den Romney-Leuten behaupten. Den finalen Maßstab über Sieg oder Niederlage liefern dann die ersten Umfragen - auf nationaler Ebene und vor allem in den Swing States. Holt Romney binnen weniger Tage in den kritischen Staaten auf, kann er Obama das Weiße Haus noch abnehmen. Schafft er das nicht, muss er auf die verbleibenden zwei Debatten am 22. und 26. Oktober hoffen. Irgendwann muss einer seiner Angriffe auf Obama jedenfalls etwas bewirken. Verharren die Umfragen auf dem gegenwärtigen Stand, bleibt Obama Präsident. Er muss sich deshalb vor allem darum bemühen, keine Fehler zu machen.

Hier können Sie dem Autor dieses Artikels auf Twitter folgen.