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Ukraine-Konflikt: Wie Putins Lügen wahr werden

Dank eines beispiellosen Propagandafeldzugs versammelt Wladimir Putin die Russen hinter sich. Im Kreml, der Zentrale der Lüge, wird sogar schon an das Grauen von Leningrad und Stalingrad erinnert.

Ein Kommentar von Andreas Petzold

Es geht Putin nicht darum, dass Westpolitiker wie Angela Merkel ihm glauben, er will, dass sein Volk ihm glaubt.

Es geht Putin nicht darum, dass Westpolitiker wie Angela Merkel ihm glauben, er will, dass sein Volk ihm glaubt.

Im 21. Jahrhundert kann auch ein lupenreiner Autokrat, der über ein Weltreich herrscht, nicht auf den Rückhalt seines Volkes verzichten. Auf Repressalien allein - Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Selbstbestimmung, Günstlingswirtschaft und Gewalt gegen aufbegehrende Untertanen - kann sich ein Wladimir Putin nicht mehr verlassen. Er braucht die Unterstützung möglichst vieler Russen als Prothese, als Ersatz für demokratische Legitimation. Dank eines beispiellosen Propagandafeldzugs klappt das bislang zu gut. Der Kreml gibt die Marschrichtung vor, dort ist die Zentrale der Lüge. Von dort wird das staatsnahe Fernsehen gespeist, die wichtigste Informationsquelle der Russen.

Es geht Putin nicht darum, dass der Westen ihm glaubt, wenn er den Einmarsch seiner Truppen in der Ukraine leugnet. Er will, dass sein Volk ihm glaubt. Denn die Russen wollen mehrheitlich keinen Krieg. Selbst zur Besetzung der Krim schiebt der Ex-KGBler nach: "Wir haben die Krim nicht annektiert, sondern geschützt. Sonst würde es dort jetzt so aussehen wie in der Ostukraine." So wird jede Lüge zur Wahrheit, die ins Bild passt. Warum etwa waren einige der weißen Lastwagen mit angeblichen Hilfslieferungen fast leer, als ukrainische Beamte sie vor der Grenze kontrollierten? Weil sie noch eingefahren werden mussten, deshalb nur leichte Beladung. Die Russen glauben es anscheinend nur zu gern.

Erinnerung an faschistische Truppen

Damit das Volk in der Spur bleibt, fährt Putin nun auch verbal ganz große Geschütze auf. Es werden Begrifflichkeiten benutzt, die fast bei jedem Russen Solidarität erzwingen: Die Taktik der ukrainischen Armee erinnere ihn "an die der faschistischen deutschen Truppen in der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg. Großstädte wurden eingekesselt und durch gezielten Beschuss zerstört, samt Einwohnern." Derart überhöht formulierte es Putin vor ein paar Tagen. Mit einem Satz ideologisierte er den Konflikt, indem er das Grauen von Leningrad und Stalingrad wachrief. Unausgesprochen schwingt die Erinnerung mit, dass es auch Mütterchen Russland war, das die Welt vom Faschismus befreit hat.

Und nun: Die Geschichte wiederholt sich. Wer mag da noch den Kreml kritisieren? Es ist deshalb nicht überraschend, wenn russische Medien verkünden, dass die Zustimmung für Putin bei mehr als 80 Prozent liegt. Das ist vermutlich die einzige Nachricht, die nicht gelogen ist.

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Dieser Kommentar ...

... ist das Editorial des neuen stern. Die Titelgeschichte der Ausgabe, die ab Donnerstag am Kiosk liegt, widmet sich ausführlich dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland.

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