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Krieg in der Ukraine Einen Monat nach Teilmobilmachung: Russische Soldaten beklagen katastrophale Versorgungslücken

Ukraine Krieg: Ein russischer Rekrut bei Waffeneinweisung
Einen Monat nach der Teilmobilmachung Russlands berichten viele neu eingezogene Soldaten von zu wenig Ausrüstung und veralteten Waffen an der Front
© AP / DPA
Knapp einen Monat nach der russischen Teilmobilmachung ist die Versorgung der neuen Wehrpflichtigen in der Ukraine offenbar katastrophal. Die Soldaten müssten große Teile ihrer Ausrüstung sogar selbst kaufen.

Ende September befahl Wladimir Putin die Teilmobilmachung der russischen Streitkräfte für seinen Angriffskrieg in der Ukraine. Knapp 300.000 Menschen wurden zu den Waffen gerufen. Mittlerweile sind die ersten Wehrpflichtigen an der Frontlinie eingetroffen und müssen feststellen, dass die Versorgung der Streitkräfte klaffende Lücken aufweist. 

Laut dem britischen "Guardian" hätten Frontberichte dafür gesorgt, dass neu einberufene Soldaten sich vor ihrem Einzug auf eigene Kosten mit dem Nötigsten eindeckten – von Thermounterwäsche bis hin zu Schutzwesten. Auf Telegram seien dutzende Diskussionsgruppen entstanden, in denen Mütter, Schwestern und Ehefrauen darüber diskutieren, woher sie Ausrüstung für ihre einberufenen Verwandten kaufen können, bevor sie in die Ukraine geschickt werden.

Ein Monat nach Teilmobilmachung: Soldaten sollen eigene Ausrüstung mit an die Front bringen

Olesya Shishkanova postete kürzlich auf dem russischen Netzwerk "VK" ein Telefonat mit ihrem 23-jährigen Bruder Vladimir, das sie in der vergangenen Woche aufgezeichnet hatte. Darin klagt Vladimir: "Sie haben uns überhaupt keine Ausrüstung gegeben. Die Armee hat nichts, wir mussten unsere gesamte Ausrüstung selbst kaufen." Er habe sogar sein Gewehr übermalen müssen, um den Rost zu verdecken. "Es ist ein Albtraum", so Vladimir weiter. "Bald werden sie uns zwingen, unsere eigenen Granaten zu kaufen." 

Eine Mitarbeiterin einer Hilfsgruppe für Soldaten sagte, dass das örtliche Rekrutierungsbüro in Swerdlowsk den neu mobilisierten Soldaten "dringend rät", ihre eigene Ausrüstung mitzubringen, obwohl das Verteidigungsministerium erklärte, dass alle mobilisierten Soldaten eingekleidet und ausgerüstet werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte erst am Mittwoch im nationalen Sicherheitsrat betont, neu einberufene Soldaten müssten "mit allem versorgt werden, was sie brauchen". Dies betreffe insbesondere die Ausrüstung, Ernährung und medizinische Versorgung. Doch genau daran fehle es, berichten viele Frontkämpfer.

"Es ist schon schlimm genug, dass man uns unsere Männer wegnimmt", sagt Anastasia, eine Lehrerin aus Brjansk, einer russischen Stadt weniger als 100 Meilen von der Grenze zur Ukraine entfernt dem "Guardian". "Aber wir mussten auch noch ein ganzes Monatsgehalt für die Ausrüstung meines Mannes ausgeben, damit er wenigstens eine Chance hat, zurückzukommen. Offen gesagt, es ist total peinlich. Es ist ein Chaos."

Berichte von Ukraine-Frontsoldaten sorgen für Run auf Outdoor-Geschäfte

Die erschreckenden Berichte der Soldaten hätten in den vergangenen Wochen zu einem großen Ansturm auf Outdoor-Geschäfte und Ausrüstung in Online-Stores geführt. 

"Unser Lager ist leer. Schlafsäcke waren bereits zwei Tage nach der Ankündigung der Mobilisierung ausverkauft", sagte Aleksei, der Inhaber eines Wander- und Outdoor-Geschäfts in Jekaterinburg, der viertgrößten Stadt Russlands dem "Guardian". Der Run auf die Ausrüstungsgegenstände habe zu teils absurden Preissteigerungen geführt. Einem Bericht des Wirtschaftsmagazins "Kommersant" zufolge, sind die Preise für kugelsichere Westen um 500 Prozent gestiegen, so dass sie jetzt für bis zu 50.000 Rubel (810 Euro) verkauft werden. Ähnliche Preissteigerungen sind bei Helmen und einfacher Campingausrüstung zu verzeichnen.

Doch für viele russische Soldaten scheint sie überlebensnotwendig zu sein. Die wenigen Ausrüstungsgegenstände, die die Armee an neu mobilisierte Soldaten ausgibt, scheinen veraltet oder unzureichend. In einem Video, das in den sozialen Medien kursiert, beklagt sich ein mobilisierter russischer Soldat darüber, dass er eine Schutzweste für Softair-Spiele erhalten hat, die nicht wirklich kugelsicher ist. 

In ähnlicher Weise erzählte Wladimir seiner Schwester bei seinem Anruf von der Front, dass seine Einheit Softair-Zielfernrohre erhalten habe. Eigentlich absurd, wenn man bedenkt, dass der russische Wehretat bei knapp 59 Milliarden Dollar liegt.

Russisches Militär leidet seit Jahren unter flächendeckender Korruption

Gründe dafür, dass sich die russische Armee in einem offenbar katastrophalen Zustand befindet, sind Diebstähle und die über Jahre gewachsene Korruption. Unter anderem berichteten in der Vergangenheit der russische Oppositionelle Alexej Nawalny und die Rechercheplatform "Bellingcat" immer wieder von Absprachen hochrangiger Militärs, die sich an Aufträgen des Verteidigungsministeriums bereicherten. Das berichtet unter anderem "Politico".

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Untersuchung des britischen Verteidigungsministerium vom vergangenen Sonntag. Darin heißt es, der Grund für die "schlechte Leistung" der russischen Streitkräfte sei auf "endemische Korruption und schlechte Logistik" zurückzuführen. 

Das Ministerium erklärte, die durchschnittliche persönliche Ausrüstung, die Russland seinen mobilisierten Reservisten zur Verfügung stelle, sei "mit ziemlicher Sicherheit geringer als die ohnehin schon schlechte Versorgung der zuvor eingesetzten Truppen".

Quellen: The Guardian, VK-Post, Twitter, ntv.de, Britisches Verteidigungsministerium, Politico, mit Material von DPA

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