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US-Präsidentenwahl: Todd Akin bringt Republikaner in die Bredouille

Das kann Romney wirklich nicht gebrauchen: Sein Steckenpferd ist die Wirtschaft, doch zurzeit beherrscht das Thema Abtreibung den Wahlkampf. Zu verdanken hat er das einem radikalen Abgeordneten.

Es ist ein Kopfschmerz, der nicht wegzubekommen ist. So beschreibt ein republikanischer Parteistratege den Abgeordneten Todd Akin aus dem US-Bundesstaat Missouri. Seit der radikale Abtreibungsgegner und Senatskandidat kundgetan hat, dass "wirkliche Vergewaltigung" nur sehr selten schwanger mache, reißen die Schlagzeilen um ihn nicht ab - und jeden Tag rutscht die konservative Partei tiefer in die Bredouille.

Ausgerechnet kurz vor dem Nominierungsparteitag der Republikaner mit der offiziellen Krönung von Mitt Romney als Präsidentenkandidat, einem Spektakel, das die Partei einen soll, herrscht Aufruhr in der Grand Old Party. Und die Demokraten reiben sich die Hände.

Was ist eigentlich passiert? Die meisten Republikaner lehnen Abtreibungen ab. Aber ob auch im Fall von Vergewaltigungen und Inzest - daran scheiden sich die Gemüter. Romney selbst etwa befürwortet Ausnahmen, sein Vizekandidat Paul Ryan ist strikter.

Akin klebt an seinem Posten

Nun hat Akin das Thema öffentlich auf den Tisch gebracht - und dazu auf eine derart groteske Weise, dass sich auch die meisten rigorosen Abtreibungsgegner abgestoßen und der Lächerlichkeit preisgegeben fühlen. In seltener Einmütigkeit fordern das Partei-Establishment und die populistische Tea-Party-Bewegung, dass Akin aus dem Rennen um einen Sitz im Senat von Missouri aussteigt.

"Todd Akins Äußerungen waren anstößig und falsch, und er sollte sehr ernsthaft erwägen, welcher Kurs im besten Interesse unseres Landes ist", gab Romney dem Störenfried zu verstehen. Wenn Akin der Nation weiter ehrenvoll dienen wolle, "dann ist es Zeit für ihn, beiseitezutreten", pflichtete auch der republikanische Fraktionschef im US-Senat, Mitch McConnell, bei.

Aber Akin denkt bisher nicht im Entferntesten daran. Er entschuldigte sich zwar für seine Äußerung, der zufolge der weibliche Körper irgendwie über einen Mechanismus zur Verhinderung von Schwangerschaften bei Vergewaltigungen verfügt. Aber ansonsten blieb er bei seinem absoluten Nein zu Abtreibungen. "Ich habe mich an einem einzigen Tag in einem einzigen Satz falsch ausgedrückt", sagte Akin in einer konservativen Radio-Talkshow. "Aber ich habe nichts moralisch oder ethisch Falsches getan."

Ein Republikaner spielt den Demokraten in die Karten

Und so beherrscht er weiter die Schlagzeilen, und in der Partei wächst die Sorge, dass er zum gewaltigen Spielverderber wird. Bisher dominierten im Wahlkampf die Themen Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung so stark, dass alle anderen Themen verblassten. Und genau so will es Romney auch, auf dieser Klaviatur spielt er, denn in diesen Punkten ist sein demokratischer Gegenspieler Barack Obama am verwundbarsten.

So weist denn auch die "Washington Post" darauf hin, dass es für Romney etwa im Frühjahr und Frühsommer, als sich sein Wahlkampf auf Obamas Wirtschaftspolitik konzentrierte, in Umfragen nach oben ging. Im vergangenen Winter dagegen, als während der Vorwahlen soziale Fragen im Vordergrund standen, habe Obama an Boden gewonnen.

Die Demokraten wittern ganz klar eine Chance. Je länger sie das Thema am Kochen halten, desto größer ist die Aussicht, dass Akin die Senatswahl in Missouri verliert. Bisher stand seine demokratische Gegnerin schon fast auf verlorenem Posten. Gewinnt sie nun, würde es für die Republikaner weitaus schwerer, die Mehrheit im US-Senat zu erobern.

Noch eine Chance für das Team Obama

Und Akins Äußerungen bietet der Obama-Partei auch eine ideale Chance, ein Wahlkampfthema wiederzubeleben, das Erfolg verspricht: "the war on women", den republikanischen "Krieg gegen Frauen". Damit ist der Versuch gemeint, Frauen das Recht über Gesundheitsentscheidungen zu nehmen. Der Entwurf für die republikanische Wahlplattform, die in Tampa verabschiedet werden soll, spielt den Demokraten dabei in die Hände. Er enthält die Forderung nach einem in der Verfassung verankerten Abtreibungsverbot. Ausnahmen im Fall von Vergewaltigungen und Inzest werden nicht erwähnt. Ohne Akin hätte das im Parteitagstrubel vielleicht nicht großes Aufsehen erregt. Aber das ist jetzt anders.

Gabriele Chwallek, DPA / DPA