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US-Präsidentschaftswahl: Betrunkene Matrosen und ein Riesenelefant

Heitere Debatte im sonnigen Kalifornien: Die US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner haben sich zu einer TV-Diskussion getroffen. Die 10 Männer sprachen viel über Ronald Reagan und natürlich den Irak-Krieg - aber vermeiden einen Namen wie der Teufel das Weihwasser.

Von Katja Gloger, Washington

Man hätte sich keinen symbolischeren Austragungsort für diese Debatte aussuchen können: die Ronald Reagan Bibliothek im schönen Simi Tal, Kalifornien. Ein Name, eine Ära. ER, Ronald Reagan, der bei den meisten Amerikanern längst verklärte Präsident einer angeblich goldenen Epoche, der seinem Land unverwüstlich Hoffnung auf das sonnige Morgen machte. Und gestern Abend wollten sich gleich zehn Männer auf einmal zu seinen Erben erklären. Zehn Kandidaten, im Moment alle offiziellen Bewerber um die republikanische Präsidentschaftskandidatur, nutzten jede Chance, um sich als quasi Seelenverwandte des Strahlemannes zu präsentieren.

Da waren die politischen Schwergewichte, die "front runner" John McCain und Rudolph Giuliani und auch der hyperdynamische Mormone Mitt Romney, der schon jetzt mehr als 20 Millionen Dollar in seiner Wahlkampf-Kasse hat. Und dazu auch die, die sich ihrer Parteibasis als wahre Konservative präsentieren wollten: Sam Brownback aus Kansas etwa und ein gewisser Tom Tancredeo aus Colorado, den der "Verband der Amerikanischen Konservativen" als nahezu perfekten Konservativen bezeichnet.

Zehn Kandidaten in 90 Minuten. Dunkle Anzüge, farbige Krawatten, entschlossene Mienen, lockere Posen hinterm Stehpult. TV-Debatten dieser Art - kostenlose Fernsehwerbung für die Kandidaten – wird es nun mindestens einmal im Monat geben. Denn anders als früher drängt die Zeit: in rund der Hälfte der US-Bundesstaaten werden die wichtigen Vorwahlen schon im kommenden Februar abgeschlossen sein. Wer im kommenden Jahr Präsident werden will, muss ab sofort omnipräsent sein. Und eben möglichst "presidential" daherkommen.

Den eher langweiligen TV-Auftakt hatten vor einer Woche die acht demokratischen Bewerber in South Carolina gemacht. Da bemühten sich Hillary Clinton, Barack Obama. und John Edwards gequält um politische Korrektheit. Beantworteten Fragen brav per Handzeichen. Neue Inhalte? Echte Auseinandersetzungen? Bloß nicht.

Zehn Kandidaten in 90 Minuten. Dunkle Anzüge, farbige Krawatten, entschlossene Mienen, lockere Posen hinterm Stehpult. TV-Debatten dieser Art - kostenlose Fernsehwerbung für die Kandidaten – wird es nun mindestens einmal im Monat geben. Denn anders als früher drängt die Zeit: in rund der Hälfte der US-Bundesstaaten werden die wichtigen Vorwahlen schon im kommenden Februar abgeschlossen sein. Wer im kommenden Jahr Präsident werden will, muss ab sofort omnipräsent sein. Und eben möglichst "presidential" daherkommen.

Den eher langweiligen TV-Auftakt hatten vor einer Woche die acht demokratischen Bewerber in South Carolina gemacht. Da bemühten sich Hillary Clinton, Barack Obama. und John Edwards gequält um politische Korrektheit. Beantworteten Fragen brav per Handzeichen. Neue Inhalte? Echte Auseinandersetzungen? Bloß nicht.

Gestern, im sonnigen Kalifornien, ging es wenigstens etwas lustiger zu. Da wurde auch mal dazwischen geredet. Und manchmal hörte man sogar einen Lacher. Geht es im Kongress nicht zu wie auf einem Schiff betrunkener Matrosen? Nein, verwahrte sich der ehemalige Marineflieger McCain. "Das wäre ja eigentlich eine Beleidigung für die Matrosen". Doch ansonsten versuchte jeder, in den 30 Sekunden vorgegebener Antwortzeit seine Botschaft loszuwerden. 30 Sekunden, um eine Strategie für den Irak zu beschreiben. 30 Sekunden, um über Stammzellen-Forschung zu urteilen. Und 30 Sekunden über die Aussichten für "regime change" im Iran.

Irgendwie entsprach die dümpelnde Debatte der lahmen Stimmung: denn 60 Prozent der Republikaner sind mit den jetzigen Bewerbern unzufrieden. Als zu aalglatt gilt ihnen der ehemalige Fondsmanager Mitt Romney, als zu wankelmütig liberal der einstige Bürgermeister Giuliani – und der dazu noch mit einem turbulenten Privatleben, das viele Republikaner an der Basis erblassen lässt. Und als zu alt und starrköpfig gilt Senator John McCain, auch wenn er mit seiner selbstironischen Bemerkung über sein Alter Punkte machte: "Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber derjenige, der am besten vorbereitet ist." Und er kam durchaus frisch und energisch daher, so überzeugend, dass ihn einer der Fernsehkommentatoren gar zu "Popeye" erklärte.

Doch letztlich ging es auch gestern wieder einmal um den "Riesen-Elefanten" im Raum: um die Last mit diesem George W. Bush. Wie würden sich die Kandidaten zu ihrem Präsidenten stellen? Würden sie ihn unterstützen – um in den Vorwahlen die evangelikale Basis zu gewinnen? Oder sollte man sich vorsichtig distanzieren – und so die zunehmende Zahl der Bush-Kritiker ansprechen? "Soll man ihn loben oder kritisieren? Oder gar beides?", fragte die New York Times. Am liebsten, so schien es, wollte man diesen Namen gar nicht in den Mund nehmen. Dafür suchte man jede nur erdenkliche Gelegenheit, um verzückt von Ronald Reagan zu schwärmen.

Vor allem John McCain musste den politischen Spagat versuchen: den Präsidenten irgendwie zu unterstützen und zugleich dessen Irak-Politik zu kritisieren. Noch vor wenigen Monaten galt der 70-jährige Super-Senator aus Arizona als klarer Favorit für die Präsidentschaftskandidatur. Er hatte Bushs Irak-Krieg unterstützt – auch wenn er von Anfang an viel mehr US-Truppen für den Irak gefordert hatte. Doch je schlimmer die Lage in Bagdad wurde, desto schneller sanken seine Umfragwerte. Und als er dann neulich bei einem schwerbewachten Bagdad-Besuch noch erklärte, man könne jederzeit auf den örtlichen Märkten spazieren gehen, da gab man ihn bereits verloren.

Doch wahr ist auch: zunächst braucht auch John McCain die Stimmen der eigenen Partei, um überhaupt Kandidat zu werden. Denn natürlich kennt auch McCain die Zahlen: immer noch sind 76 Prozent der Republikaner mit Bushs Amtsführung zufrieden. "Ich würde mich nicht vom Präsidenten distanzieren", mahnte Kaliforniens republikanischer Star-Gouverneur Arnold Schwarzenegger.

Doch zuviel Nähe darf auf keinen Fall sein: Denn nur noch 32 Prozent der US-Wähler sind mit Präsident Bushs Arbeit zufrieden. Für die Republikaner, orakelt ein enger Berater von McCain, werde verdammt schwer, das Weiße Haus für eine dritte Amtszeit zu halten. Vor allem, wenn die Demokraten die Präsidentschaftswahl zu einem Referendum über George W. Bush machen wollen. Kein Wunder, dass sich keiner der Bewerber in den vergangenen Monaten mit George W. Bush zeigte. Und gestern mied man seinen Namen wie der Teufel das Weihwasser.

So präsentierten sich die zehn Herren gestern wie Musterschüler, allesamt als Kandidaten für Republikaner aller Couleur. Kein echter Sieger, kein wahrer Verlierer. Da kritisierte McCain das "schreckliche Missmanagement" des Irak-Krieges, und den Terroristen Osama bin Laden will er "bis an die Tore der Hölle" verfolgen. Da säuselte sein schärfster Konkurrent Rudolph Giuliani sanft wie ein Kätzchen vom "Optimismus wie Ronald Reagan", den er dem Land bringen will - er, der noch vor wenigen Tagen getönt hatte, unter einem demokratischen Präsidenten drohe den USA ein neuer Terroranschlag. Der stets braungebrannte Mitt Romney wollte vor allem die "Familie in Amerika" stärken – und auf jeden Fall wenigstens gestern den Eindruck vermeiden, den er bislang machte: ein "flip-flopper" zu sein.

Nur einer war gestern nicht dabei. Einer, der bei den Republikanern als heimliche Hoffnung gehandelt wird, als wahrer Nachfolger Ronald Reagans. Es ist Fred Thompson, Ex-Senator aus Tennessee. Ein Mann mit langjähriger politischer Erfahrung, so richtig schön konservativ und brav christlich, so wunderbar natürlich und volksnah. "Seine Fähigkeit, mit den Menschen zu kommunizieren ist so wie bei Barack Obama und Ronald Reagan", jubelt Larry Sabato, Politikprofessor an der Universität Virginia. "Hätte ich seine Stimme, dann wäre ich bereits Präsident", scherzte John McCain – so richtig zum Lachen war ihm dabei allerdings nicht zumute.

Niemand weiß, ob Thompson, 64 Jahre alt, wirklich antreten will. Niemand weiß, ob er innerhalb kurzer Zeit die vielen Millionen Dollar sammeln kann, die man für einen Wahlkampf braucht. Doch alleine seine öffentliche Überlegung, über eine Kandidatur nachzudenken, versetzte die Partei in Verzückung. Schon liegt er in Meinungsumfragen auf Platz drei unter den republikanischen Kandidaten. Und gleichauf mit Hillary Clinton. Und gerade erklärte ihm ein engster Vertrauter der Reagan-Familie seine Unterstützung: Michael Deaver, der als stellvertretender Stabschef im Weißen Haus einst über Ronald Reagans Image wachte. "Dieser Mann kann wirklich einen Unterschied machen", erklärt er jetzt.

Der Mann könnte wirklich Chancen haben. Im Hauptberuf ist er....Schauspieler. In "Jagd auf Roter Oktober" war er ein Admiral, auch den Präsidenten selbst spielte er schon. Und seit mehreren Jahren stellt Thompson in der Serie "Recht und Ordnung" einen erzkonservativen Staatsanwalt dar.

Und mit Schauspielern haben die Amerikaner angeblich doch nur gute Erfahrungen gemacht.