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US-Wahl: Die bessere Romney-Hälfte

Das Image des Langweilers lastet schwer auf Mitt Romney. Doch er hat ein Ass im Ärmel: Ehefrau Ann. Sie versprüht genau den Charme, den ihr spröder Mann schuldig bleibt. Die Amerikaner lieben sie.

Von Nora Schmitt-Sausen

Der junge Mitt Romney daheim im Bett mit zwei seiner fünf Söhne. Romney in rot-weiß geblümter Badehose am Strand. Ein strahlender Romney, der den Arm liebevoll um seine Frau legt: Für den jüngsten Wahlkampfspot des Republikaners öffnet Ann Romney das Fotoalbum und gibt intime Einblicke in das Familienleben des Multimillionärs. "Ich hasse es zu sagen, aber oft hatte ich nicht fünf Söhne, sondern sechs und er war immer genauso spitzbubenhaft und frech wie die anderen Jungs", sagt sie, und strahlt dabei über das ganze Gesicht. Das Ziel des Spots ist eindeutig: Ann, mit der Romney seit 43 Jahren verheiratet ist, soll der blassen Kandidatur des Konservativen Leben einhauchen. Auf den Wahlkampfbühnen des Landes präsentiert sie sich locker, emotional und leidenschaftlich. Sie stellt mehr als ihr Mann eine Verbindung zu den Wählern her. Anns Popularität will Romney nun genauso nutzen wie Barack Obama den guten Ruf seiner Frau Michelle.

Keine Frage: Ann Romney hat Ausstrahlung. Ihre mittellangen blonden Haare trägt die 62-Jährige meist offen. Ihr warmes Lachen ist ansteckend, ihre Stimme sanft. Sie wirkt nicht so glattgebügelt wie ihr Mann, ist für amerikanische Verhältnisse sogar ziemlich ungekünstelt. Viele kleine Falten um Augen und Mund verraten ihr Alter. Sie sagt Sätze wie, ihre fünf Söhne seien "die Freude unseres Lebens", und dass sie manchmal gerne die Uhr zurückdrehen möchte, um noch einmal die Zeit zu erleben, als alle Kinder noch zu Hause waren. Ihre grünen Augen leuchten dabei. Man glaubt ihr, was sie sagt.

Eine Seite, die die Amerikaner an Romney nicht kennen

Ann Romney hat viel von dem, was ihr farbloser Mann vermissen lässt: Lebendigkeit, Charme, Wärme. Sie kennt Mitt seit ihrem 16. Lebensjahr, er nennt sie seine "Seelenverwandte". Und so ist sie weit mehr als lediglich die Frau an Mitt Romneys Seite. Ann sei der Anker des Romney-Clans, gaben Familienangehörige und Freunde in der Vorwahl gleichermaßen zu Protokoll. Sie sei für Mitt Romney eine unabdingbare Stütze und Ratgeberin. Ähnlich wie es Michelle Obama für den Präsidenten ist. So positiv ist der Einfluss von Ann Romney auf ihren Mann, dass das Paar möglichst nie zu lange getrennt auf Wahlkampftour geht. Ihr ältester Sohn, Tagg (41), verriet in einem Interview einmal, zu Hause nenne man Ann Romney den "Dad Stabilisator".

Ann Romney steht zu einhundert Prozent hinter der Kandidatur ihres Mannes. Und sie skizziert den Republikaner nicht nur als liebevollen Vater, sondern auch als verlässlichen Ehemann. Ende der 90er-Jahre erkrankte Ann an Multipler Sklerose, später an Brustkrebs. Oft betont sie, dass es ihr Mann war, der sie durch die schwierige Zeit manövriert hat. "Ich habe ihn damals unheimlich gebraucht. Er war da, blickte nach vorn, ermunterte mich." Ann bringt den Amerikanern damit eine Seite näher, die sie an Romney nicht kennen: die eines loyalen Partners. Gold wert in Zeiten, in denen Romney nahezu täglich seine Wankelmütigkeit um die Ohren gehauen wird.

Romney hat die Unterstützung seiner Frau bitter nötig

Mitt Romney macht keinen Hehl daraus, wie wichtig seine Frau für ihn ist. Und er ist sich bewusst, dass seine bessere Hälfte mitbringt, was ihm fehlt. Nach der gewonnenen Vorwahl in Ohio übergab er seiner Frau das Mikrofon mit den Worten: "Vielleicht ein Fehler. Denn nach ihrer Rede will eigentlich keiner mehr hören, was ich zu sagen habe." Damit hatte er nicht ganz unrecht. Bei vielen Auftritten bekommt Ann den größeren Applaus, winken die Anhänger ihr frenetischer zu als ihrem Mann, dem eigentlichen Protagonisten.

Romney hat die Unterstützung seiner Frau bitter nötig. Unmittelbar vor dem Rückzug seines Kontrahenten Rick Santorum waren Umfragen publik geworden, die zeigen, wie lau das Feuer zwischen Romney und der amerikanischen Wählerschaft brennt. Verteidiger der Mittelklasse, Frauenpolitik, Gesundheitsfragen, Außenpolitik - in einer gemeinsamen Befragung der Zeitung Washington Post und des Fernsehsenders ABC schneidet Barack Obama im Vergleich mit Romney bei zentralen Fragen besser ab. Beim Blick auf die Persönlichkeit sieht es für Romney noch düsterer aus: Obama schlägt ihn bei Attributen wie "freundlich", "sympathisch" und "inspirierend" deutlich.

"Meine Frau wird mit den Frauen sprechen"

Alarmierend sind für Romney auch die Ergebnisse einer Umfrage in wichtigen Battleground Staaten wie Wisconsin, Virginia und Florida. Laut der Erhebung des Meinungsforschungsinstitutes Gallup und der Zeitung USA Today hat Obama dort mit 51 zu 42 Prozent erstmals die Nase deutlich vorn. Romney hat dabei vor allem in einer Wählergruppe verloren, deren Neigung als mitentscheidend für den Ausgang der Wahl im November gilt: den Frauen. Die hitzigen Vorwahlschlachten um Verhütungsmittel und Abtreibung haben Romney Sympathien bei den weiblichen Wählern gekostet. Seine Verluste bei Frauen unter 50 Jahren sind nahezu erdrutschartig: Er büßte in den vergangenen Wochen 14 Prozentpunkte ein.

Auch hier ist Ann Romney eine Trumpfkarte. Als Mutter von fünf Kindern und Großmutter von 16 Enkeln ist sie eine authentische Botschafterin für die Wünsche und Sorgen der weiblichen Wähler. "Meine Frau wird durch das Land reisen und mit den Frauen sprechen", kündigte Mitt Romney in Wisconsin an. Denn: Man wolle sicherstellen, dass "unsere Botschaften bei den Frauen von Amerika ankommen".

Romney kämpft mit einem großen Problem

Beobachter rechnen damit, dass Ann Romney im Hauptwahlkampf gegen Barack Obama eine noch größere Rolle spielen wird als bislang. Das Duell Obama versus Romney wird auch ein Duell der Ehefrauen und ihrer Bilderbuchfamilien.

Doch noch kämpft Mitt Romney mit einem großen Problem: Je länger ihn die Amerikaner kennen, desto weniger mögen sie ihn. Ann Romney bleiben noch knapp sieben Monate Zeit, um dieses Bild umzukehren und ihren spröden Ehemann menscheln zu lassen.