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US-Republikaner Romney Der Langweiler von der Wall Street


Er hat viel Geld. Das ist ein Vorteil. Aber er ist auch farblos und spröde. Und doch gilt Mitt Romney als Favorit der Republikaner für die US-Vorwahlen. Warum bloß?
Von Giuseppe di Grazia und Martin Knobbe

Ein Herzensbrecher ist er nicht. Wie er da steht am Tag der ersten Vorwahlen, auf der Bühne in Des Moines, Iowa: Das Gesicht zu einem Zahnpastalächeln verzerrt und dann diese Witze: "Und hier ist unsere Jüngste", ruft Mitt Romney. "Ich habe sie vor 48 Jahren in der Schule kennen gelernt." Er holt seine Frau Ann auf die Bühne. Höflicher Applaus. "Nein, nein, nur ein Witz", schiebt er hinterher, als könnte ihn tatsächlich jemand nicht verstanden haben, diesen Witz. Mitt Romney hat ihn heute schon vier Mal gemacht.

Der ehemalige Gouverneur von Massachusetts hat innerhalb seiner Partei einen Ruf, wie ihn etwa Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidat in der SPD genoss: Einer, der seine Aufgaben professionell erledigt, vielleicht sogar besser als alle anderen. Aber auch einer, von dem die Menschen nicht genau wissen, wohin er eigentlich will. Leidenschaft, Utopien oder gar Ideologien waren dem Mann, der in Chicago geboren wurde und heute in Kalifornien lebt, schon immer fremd.

In New Hampshire winkt ein klarer Sieg

Solide, lösungsorientiert und auch ein bisschen langweilig - Eigenschaften, wonach sich die verunsicherten Konservativen im Obama-Land offenbar sehnen: Mitt Romney ist der Mann, von dem die Republikaner glauben, er könne Barack Obama schlagen. In Iowa hat er mit 25 Prozent die republikanischen Vorwahlen hauchdünn gewonnen. In New Hampshire hängte der Geschäftsmann seine Konkurrenten mit deutlichem Vorsprung ab.

An zweiter Stelle liegt mit großem Abstand Ron Paul. Der erz-konservative Rick Santorum, der Romney in Iowa auf den Fersen war, war in New Hampshire abgeschlagen und kam nur auf neun Prozent. Sollte sich Romney auch bei der dritten Vorwahl am 21. Januar in South Carolina durchsetzen, könnte das die Vorentscheidung für die Nominierung der Republikaner sein.

Wie Romney funktioniert

Ein Vortrag, vor vielen Jahren in Harvard gehalten, verdeutlicht, wie der republikanische Favorit tickt. Bei der Rede an seiner ehemaligen Universität empfahl er den jungen Studenten ihr Leben wie eine Firma zu begreifen. "Ihre Ressourcen sind Zeit und Talent. Die Frage ist, wie sie diese nutzen."

In Harvard hatte er seine Abschlüsse in Jura und Wirtschaft im Rekordtempo von vier Jahren absolviert. Ehemalige Kommilitonen erinnern sich an einen jungen Mann, der abends beim Bier fehlte, aber in den Seminaren stets für die beste Note kämpfte. Mit der elitären Lerngruppe, die er einst anführte, trifft er sich noch heute alle fünf Jahre. Sie lud Romney auch manchmal nach Hause ein, zum Familienabend. Dieser gehörte für den Mormonen genauso zum Alltag wie der Verzicht auf Tabak, Alkohol und Koffein.

Seine Söhne: wohl gescheitelt und redegewandt

Die Familie stand auch im Wahlkampf in Iowa im Vordergrund. "Das ist mein Ältester, fünf Kinder. Der Zweitälteste, fünf Kinder", begann Mitt Romney seine Auftritte in Lagerhallen, Bürgersälen und Cafés. "Ich bin stolz auf meine 16 Enkel." Vier seiner fünf Söhne begleiteten ihn beim Wahlkampf, allesamt gut aussehende junge Männer, wohl gescheitelt und redegewandt, die vor den Kameras brav erzählten, warum ihr Vater ein besserer Präsident als Barack Obama sei. Und Romneys Frau Ann brachte die Menge sogar mit echten Witzen zum Lachen. Ihr fiel auch fast immer ein neuer ein.

Mitt Romney trat schon vier Jahren an, um Nachfolger von George W. Bush zu werden. Damals gewann der Senator von Arizona, John McCain, die Nominierung. "Der Irak-Krieg stand da im Vordergrund. Romney hatte gegen den Außenpolitiker McCain keine Chancen", sagt Eric Fehrnstrom, Mitt Romneys wichtigster strategischer Berater. "Jetzt ist es die Wirtschaft. Und da gibt es keinen Glaubhafteren als Mitt Romney."

Tatsächlich war Romney als Gründer der Privat Equity Firma Bain Capital ziemlich erfolgreich. Auf 250 Millionen Dollar wird sein Vermögen heute geschätzt, zehn Prozent seiner Einnahmen gibt er jedes Jahr an die Kirche ab, so wie es die Regel der Mormonen erfordert. Mitt Romney ist ein Wall-Street- Mann.

Er wurde als Flip-Flopper geschmäht

Als 2002 die Olympischen Spiele in Salt Lake City in einem Finanzskandal unterzugehen drohten, trat Mitt Romney als ihr pragmatischer Retter auf. Und auch als Gouverneur von Massachusetts versuchte er als solider Sanierer, das geerbte Drei-Milliarden-Defizit des Bundesstaates mit harten Sparmaßnahmen zu tilgen. Langjährige Mitarbeiter berichten von seiner pragmatischen Arbeitsweise, in der impulsive Entscheidungen keinen Platz haben, aber immer die eine Frage an erste Stelle steht: "Warum sollen wir genauso handeln? Was bringt es uns?"

So sympathisch Romneys Pragmatismus für viele seiner Anhänger ist, so verhängnisvoll kann er ihm im anstehenden Wahlkampf noch werden. Als "Flip-Flopper" wurde er geschmäht, als Wendehals, als Opportunist. Tatsächlich hat er sich widersprüchlich geäußert, auch zu Kernthemen der Konservativen: Schwulenehe, Abtreibung oder Gesundheitssystem. Er selbst hat es als Stärke bezeichnet, seine Meinung zu revidieren, wenn man "neue Informationen" hat.

Die Anhänger johlen. Aber sie johlen brav

Romneys Gegner fürchten sein Geld und die perfekte Wahlkampf-Organisation. Wer ihm in den vergangenen Wochen gefährlich wurde, den griffen seine Freunde mit teuren Werbespots heftig an. Das musste auch Newt Gingrich erfahren, der in Iowa wochenlang in den Umfragen vorne lag und durch Attacken von Romney nahestehenden Gruppen abstürzte. Vor dem Caucus in Iowa wurde der Wahlkampfmanager von Rick Santorum gefragt, ob dieser nun auch solche Angriffe befürchte. Michael Biundo sagte: "Rick ist ein harter Junge, der wird das schon aushalten. Und die Gegenseite wird uns nun endlich erst nehmen müssen."

Am Ende der Vorwahlen in Iowa trat Mitt Romney in Des Moines vor seine Anhänger. Seine Frau begrüßte in als "künftigen Präsidenten" und der Kandidat versuchte sich wieder an einem Witz über Obamas "erste und - übrigens - letzte Amtszeit". Er hatte diesen Witz schon häufiger angebracht. Und auch seine Dankesrede glich jenen der letzten Auftritte fast aufs Wort. Seine Anhänger johlten brav. Leidenschaft sieht anders aus.


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