US-Wahl Obama holt Außenpolitiker Biden ins Boot


Joseph Biden soll der Vize an Barack Obamas Seite werden. Ausgerechnet der Senator, der eigentlich mal der Meinung war, dass Obama noch nicht reif sei für das Präsidentenamt. Biden ist bekannt für sein loses Mundwerk - und für seine exzellente Erfahrung in der Außenpolitik.
Von Matthias B. Krause, New York

Eines muss man Barack Obama lassen, er ist nicht nachtragend. Noch bevor der demokratische Vorwahlkampf richtig begonnen hatte, tat sich ein Bewerber mit einer Bemerkung über ihn hervor, die einen Feuersturm der Entrüstung auslöste. Obama sei, sagte der Senator, "der erste Mainstream-Afroamerikaner, der sich ausdrücken kann, der schlau ist und sauber und ein gutaussehender Typ." Wäre das jemand anderem als Joseph Biden herausgerutscht, es wäre wahrscheinlich nicht mit einer einfachen Entschuldigung getan gewesen. Doch Biden kennen sie in Washington, sie wissen, dass er kein Rassist ist, sie mögen den Mann aus einfachen Verhältnissen, der gerne etwas zuviel redet, aber eigentlich niemandem etwas Böses will. Außerdem schätzen sie seine Sachkenntnis und Erfahrung. So sieht das auch Obama, er akzeptierte damals Bidens Entschuldigung und ernannte ihn am Samstag zu seinem Vizepräsidenten-Kandidaten.

Die Spekulationen darüber, wer das Rennen für den Sonnenplatz an Obamas Seite machen würde, waren zuletzt ins Absurde abgerutscht. CNN meldete ab Freitagmorgen, eine Entscheidung werde "jede Minute" fallen. Trotzdem dauerte es noch bis drei Uhr in der Früh (Ortszeit), ehe Obamas Wahlkampfbüro die Nachricht wie versprochen via SMS an seine Anhänger verbreitete. Neben Biden hatten Senator Evan Bayh aus Illinois und der Gouverneur des Bundesstaates Virginia, Tim Kaine ganz oben auf der Liste gestanden. Für Hillary Clinton, die so knapp im Vorwahlkampf unterlegen war, ließ Obama dagegen nicht einmal den für alle ernsthaften Anwärter üblichen Background Check vornehmen.

Aus Bushs Irak-Krieg hat er gelernt

Biden dürfte jemand sein, mit dem die Clinton-Anhänger noch am ehesten leben können. Der 65-Jähige, der vor 36 Jahren das erste Mal ein Senatoren-Büro auf dem Capitol Hill bezog, bringt eine Menge Erfahrung ins Team ein. Vor allem auf dem Gebiet der Außenpolitik, wo Umfragen Obama mehr als 15 Prozentpunkte hinter seinem republikanischen Rivalen John McCain sehen. Biden steht derzeit dem Senatsausschuss für Außenpolitik vor, erst am vergangenen Wochenende war er nach Tiflis gereist, um sich die Lage in Georgien vor Ort anzusehen. Anders als Obama, der den Irak-Krieg von vornherein ablehnte, stimmte Biden 2002 für den Einmarsch in dem Mittleren Osten. Seitdem hat er sich jedoch zu einem lautstarken Kritiker der Politik von Präsident George W. Bush in der Region entwickelt. Für seine anfänglich positive Haltung hat er sich inzwischen entschuldigt.

Biden darf für sich in Anspruch nehmen, als einziger Politiker in Washington einen Alternativplan für den Irak vorgelegt zu haben. Er favorisiert eine Aufteilung des Landes in eine Föderation mit Regionen, die sich an den ethnischen Grenzen orientieren. So richtig in Fahrt kam der Biden-Plan jedoch nie. Das hat er mit den beiden Versuchen des Senators gemeinsam, in das Weiße Haus einzuziehen. 1987 stolperte Biden darüber, dass er Teile einer Rede des britischen Politikers Neil Kinnock verwendete, ohne ihn als Urheber der Worte zu kennzeichnen. Sein Vorwahlkampf 2007 war ebenfalls von wenig Erfolg gekrönt, im ersten Bundesstaat landete er abgeschlagen auf dem letzten Platz. Gleichzeitig fiel Biden durch seine Schlagfertigkeit in Debatten, seine Streitlust und Sachkenntnis auf. Gegen New Yorks ehemaligen Bürgermeister Rudolph Giuliani, der sich bei den Republikanern um das Präsidentenamt bewarb, äzte er zum Beispiel: "Er benutzt in jedem Satz nur ein Nomen, ein Verb und 9/11" - also eine Referenz auf die Anschläge am 11. September 2001.

Ein unbestechlicher Familienmensch

Dass er selbst bislang nicht weiter kam mit seinen politischen Ambitionen, liegt wohl daran, dass ihm eine wichtige Zutat zum Erfolg in der US-Politik fehlt: Geld. Biden gehört zu den wenigen, die tatsächlich von ihrem Senatorengehalt leben, statt durch Nebeneinkünfte Millionen zu kassieren. Das macht ihn auf der anderen Seite unabhängig. Auch in seinem Familienleben werden McCains Spürhunde nicht viel finden. Seine erste Frau und seine Tochter starben 1972 bei einem Autounfall wenige Woche nach Bidens erfolgreichem Einzug in den Senat. Seine beiden Söhne überlebten schwer verletzt. Fünf Jahre später heiratete Biden erneut, er gilt als treusorgender Familienvater und Ehemann.

Biden stammt aus bescheidenen Verhältnissen, wuchs als Sohn eines Gebrauchwagenhändlers aus Pennsylvania in einer irisch-katholischen Familie auf. Er weiß, wie die einfachen Leute leben, denken, sprechen und fühlen - etwas, das dem Akademiker Obama bisweilen abgeht. Die Umfragen zeigen, dass dieser besonders bei den weniger gebildeten Arbeitern bislang nicht besonders gut ankommt. Da gibt es für Biden noch einiges zu tun. Dass einer seiner Söhne ab Oktober als Soldat im Irak dienen wird, verleiht ihm zusätzliche Glaubwürdigkeit gerade in dieser Bevölkerungsgruppe. Bidens Heimatwahlkreis im Bundesstaat Delaware ist eine demokratische Bastion und hat ohnehin nur drei Wahlmännerstimmen zu vergeben, aber der Nachbarstaat Pennsylvania gehört zu den großen Hürden, die Obama überwinden muss, will er am 4. November gegen McCain bestehen. Im Vorwahlkampf hat er dort noch haushoch gegen Hillary Clinton verloren.

Ein Mann des Wandels?

Soviele Vorteile Bidens Berufung auch mit sich bringt, sie birgt gleichzeitig nicht unerhebliche Risiken. Zum einen wird es Obama nun schwerer fallen, seine Botschaft des "Change", der Veränderung, glaubhaft zu verkaufen mit einem Mann an seiner Seite, der fast ein Jahrzehnt länger im Senat sitzt als McCain. Zudem sind die Republikaner schon mit Hochdruck dabei, sein Abstimmungsverhalten in mehr als 12.000 Fällen sorgfältig auf Widersprüche zu durchkämmen. Zitate, in denen Biden Obama kritisierte, haben sie bereits gefunden. Ein Sprecher McCains sagt: "Es gibt keinen stärkeren Kritiker von Obamas Unerfahrenheit als Biden. Er hat ihn für seine Fehlentscheidungen kritisiert und kam zu dem Schluss, zu dem auch die Amerikaner schnell kommen werden: Dass die Präsidentschaft für ihn noch zu früh kommt."

Und sie werden noch mehr finden, Biden ist für sein loses Mundwerk bekannt. Die "New York Times" beschreibt das so: "Er hört sich gern reden, was viele - inkusive Obama - in den Wahnsinn treibt." Angeblich rührt Bidens Hang zum großen Wort noch aus seiner Schulzeit her, als er sein Stottern überwand, indem er sich zwang, vor großen Gruppen zu sprechen. Das Stottern verschwand, die Eloquenz blieb. Dass Obamas Strategen bereit sind, mit diesem Risiko zu leben, zeigt auch, wie sehr sie die jüngsten Umfragen beunruhigen. Die zeigen McCain im Aufwind. Biden soll ihm nun den Wind aus den Segeln nehmen.


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