HOME
Kommentar

Unruhen in den USA: Trump als Wendepunkt – wie ein rassistischer Präsident die Amerikaner endlich auf die Straße treibt

Donald Trump hat mehr als drei Jahre gezündelt und schließlich ein ganzes Land in Brand gesetzt. Nun begehren die Bürger der tief gespaltenen Nation endgültig auch gegen ihren Präsidenten auf. Aber warum gerade jetzt?

Demonstrantin in Washington, D. C.: "Hört auf, uns zu töten!"

Demonstrantin in Washington, D. C.: "Hört auf, uns zu töten!"

Donald Trump ist nur ein Symptom, nicht die Krankheit. Heißt es seit Beginn seiner Amtszeit gerne. Denn: Der Rassismus war schon lange vor ihm da. Seit Jahrzehnten. Genau wie die Polizeigewalt, die soziale Ungleichheit, das verrottete Gesundheitssystem.

Stimmt alles. Aber mehr noch als ein Symptom ist dieser Präsident das Symbol der jahrzehntelangen Fehlentwicklung einer kapitalistischen Gesellschaft, als deren Totengräber er sich am Ende im besten Fall erweisen könnte.

Es wäre unangebracht zu behaupten, dass sich ein rassistischer Soziopath im Weißen Haus für die Vereinigten Staaten noch als makabrer Glücksfall erweisen könnte, ebenso wenig wie der Tod des George Floyd nötig sein sollte, um eine Nation aufzuwecken.

Proteste in den USA: stern-Korrespondent Nicolas Büchse berichtet aus New York City.

USA: Nichts wird mehr so sein, wie es war

Und doch hat sich in den letzten Tagen in den USA alles verändert. Nach dem 11. September 2001 hieß es: Nichts wird mehr so sein, wie es war. Die Wahrheit war jedoch, dass alles so blieb, wie es bis heute ist. Das ist 2020 anders. Nichts wird mehr so sein, wie es war. Diesmal aber wirklich.

Wir erleben die USA in diesem Moment an einem Wendepunkt in ihrer Geschichte. Das liegt einerseits an der Corona-Pandemie, an mehr als 100.000 Toten und an millionenfacher Arbeitslosigkeit. Aber es liegt auch und vor allem an der Ära Trump und der diktatorischen Blüten, die sie treibt.

Denn auch wenn die Pose des Polizisten mit dem Knie auf dem Hals von George Floyd als besonders eindringliches und abstoßendes Mahnmal, als Erinnerung an Sklaverei und als glorifizierende Geste von Gewalt und Unterdrückung funktioniert, so bleibt sie doch einer von unzähligen ähnlichen Fällen in der jüngeren und älteren Geschichte eines Landes, dessen tiefe Spaltung sich zur Stunde vor den Augen einer geschockten Welt offenbart.

Warum also ausgerechnet jetzt – und nicht schon zu Obamas Zeiten, in dessen Amtszeit ebenfalls mehrere Fälle von tödlicher Polizeigewalt mit großer medialer Aufmerksamkeit fielen?

Weil Trump sich seit jeher einen Dreck um all diese Dinge schert, weil er provoziert und zündelt, weil er zu Gewalt aufruft und offen rassistisch redet, weil er also eben nicht "das Volk eint" und Hoffnung macht und beschwichtigt und den verstörten Bürgern gut zuredet. Weil er dazu intellektuell und emotional nicht einmal dann in der Lage wäre, wenn er es uns vorgaukeln wollen würde.

Eine Tatsache, die das Potenzial zur einsamen positiven Pointe dieser katastrophalsten aller Präsidentschaften hat: Trump hat die apokalyptischen Ungerechtigkeiten innerhalb der amerikanischen Gesellschaft mit seinem erratischen Verhalten und seiner schleichenden Normalisierung des Wahnsinns an die Oberfläche gespült. Er hat über drei Jahre gezündelt und damit schließlich ein ganzes Land in Brand gesetzt.

Donald Trump treibt die Amerikaner auf die Straße

Auf diese Weise hat er so viele Menschen zum Protest auf die Straße getrieben, so lange und ausdauernd, wie seit Jahrzehnten nicht. Diese Demonstranten haben gemerkt, dass sie ihren Enkeln später nicht werden sagen können, sie hätten nichts gewusst. In der Verzweiflung dieser Erkenntnis fangen sie endgültig an sich zu wehren. 

Die meisten von ihnen protestieren friedlich, aber bestimmt – und sie lassen sich auch von Ausgangssperren nicht einschüchtern. Währenddessen sollte sich die hilflose Regierung, die Polizei und das Militär vor jedem Eingriff an die Worte John F. Kennedys erinnern: "Those who make peaceful revolution impossible will make violent revolution inevitable" – "wer friedliche Revolution unmöglich macht, wird gewalttätige Revolution unvermeidlich machen."

Die Amerikaner gehen endlich auf die Straße. Und zumindest die Hoffnung muss in finsteren Zeiten erlaubt sein: Vielleicht befördern sie damit tatsächlich eine lange überfällige politische und gesellschaftliche Wende. Oder mindestens ein Umdenken.

Es muss sich ja nicht zwangsläufig Geschichte wiederholen, indem die brennenden Städte und die Straßenkämpfe das politische Spektrum für eine nicht absehbare Zeit noch weiter nach rechts verschieben, so wie es schon in den Sechzigern der Fall war. Denn dies ist nicht der Moment, um aus dem Blick auf die dunkle Vergangenheit zynische Zukunftsvisionen abzuleiten.

Vielleicht ist die Zeit wirklich reif für eine friedliche Revolution. Dann wäre unter Präsident Trump zwar immer noch alles schrecklich gewesen. Aber es hätte sich wenigstens ein Hauch von Hoffnung daraus entwickelt.