USA-Besuch Merkelscher Kuschelkurs


Die Chemie zwischen Kanzlerin Merkel und Präsident Bush scheint zu stimmen. Doch muss die Kanzlerin aufpassen, dass die neue Nähe zu Amerika nicht plötzlich erdrückend wird.
Katja Gloger, Washington

Auch in der großen Politik, bei den Staatenführern, sagte sie mal, sei das Bedürfnis nach Kommunikation sehr groß. Wie bei einem Verwandtentreffen. Auch da sei man doch neugierig aufeinander. So simpel, weiß Angela Merkel nur zu gut, ist es natürlich nicht in der hohen Politik. Schon gar nicht, wenn es um die Supermacht USA geht, um Interessen, Ressourcen, Ideologie.

Doch sie weiß auch: Es schadet nicht, wenn der George Bush zum Telefonhörer greift und "Madam Chancellor" etwa fragt: "Na, wie war es denn neulich in Tomsk bei Präsident Putin?" Sieht so aus, als sei auch der zweite Besuch von Kanzlerin Merkel in Washington ein Siegeszug gewesen. Sie bringt große Politik auf den menschlichen Nenner mit ihrer leicht burschikosen Verbindlichkeit, dem gesunden Menschenverstand und ihrem spitzbübischen "Das-weiß-ich-besser" Lächeln, das so prima ankommt bei George W. Bush.

"Sie kann klar denken"

Sie weiß, ihre Biografie muss dem selbsternannten Freiheitskämpfer Bush wie ein lebender Beweis seiner "freedom agenda" erscheinen, seiner Ideologie vom "regime change". Wer den Kommunismus überlebt hat, glaubt dieser Präsident, der hat Rückgrat. Außerdem mag er ihre ungekünstelte Authentizität. "Sie kann klar denken", lobt er. Außerdem spricht sie Englisch - anders als Gerhard Schröder. Und traut sich, auch mal einen Fehler zu machen. Der Präsident weiß das zu schätzen. "Got it", weist er dann die bemühte Dolmetscherin knarzig zurecht. "Hab ich kapiert."

Auch zum zweiten Kanzlerin-Besuch gab es also die volle VIP-Packung aus dem Weißen Haus: langes Treffen im Oval Office, gemeinsamer Spaziergang durch den Garten in die Privaträume des Präsidenten. Der zeigte der Kanzlerin und ihrer Delegation die ganze Wohnung, und dann plauderte man sich fest bei Spare Ribs, Hummer und Kartoffelsalat. Berichtete über die Lage zu Hause: katastrophale Umfragewerte bei ihm, kometenhafte bei ihr. Man sprach über die leidige Innenpolitik: Steuersenkungen bei ihm, ganz anders bei ihr. Plauderte über die Heimat, über das Leben in der DDR und in Texas: keine Gemeinsamkeiten.

Bei so viel Harmonie-Offensive und eskalierenden Zutraulichkeiten wurde es einigen langjährigen Beobachtern ein wenig unbehaglich. So viel Enge, zu viel demonstrierte Nähe, erdrückend fast. Will Bush, fragen sich misstrauische Beobachter, Deutschland etwa einbinden in eine neue "Koalition der Willigen" - diesmal gegen den Iran? Natürlich will er.

Deutschland den USA wichtiger denn je

Jetzt gilt Deutschland den USA wieder als wichtigster Alliierter in Europa. Das hatte die Bush-Administration bereits vor gut einem Jahr mit der Reise des Präsidenten nach Brüssel und Mainz demonstriert. Doch damals glich die Stadt einer Festung, war kaum ein Mensch auf den Straßen. Damals herrschte noch Schröder-Bush-Eiszeit. Damals hatte es Monate gedauert, wenigstens ein Telefonat zwischen Bush und Schröder zu verabreden. Als es dann endlich zustande kam, knallte Bush nach wenigen Minuten entnervt den Hörer auf. Er hatte eine Entschuldigung des Kanzlers wegen des Hitler-Vergleichs der ehemaligen Justizministerin Däubler-Gmelin erhofft - vergebens.

Heute scheint Deutschland den USA wichtiger denn je. Großbritanniens Tony Blair angeschlagen, Frankreichs Chirac ein unberechenbares Auslaufmodell, sogar der treue Freund Silvio Berlusconi musste sein Amt verlassen. Bleibt Deutschland als internationaler Player mit diplomatischem Geschick, ein Mittler zwischen Russland und dem Rest der Westens. Und ein Hauptakteur im Drama um den Iran. Angela Merkel sucht den Schulterschluss mit Bush, weil sie glaubt, die neue Nähe gibt ihr Spielräume.

Freundschaftliche Zwangsumarmung

Sie hofft auf internationale Einigkeit, die sie immer wieder als "Entschlossenheit durch Geschlossenheit" bezeichnet. Einigkeit im Weltsicherheitsrat der UN, auch im wichtigen Gouverneursrat der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA. Lieber Geduld üben, glaubt sie, um möglichst viele Länder in den gemeinsamen "Geleitzug" gegen den Iran zu kriegen, als voreilig auf Sanktionen zu drängen. "Diplomatie", sagt sie, "muss zum Erfolg führen." Unter allen Umständen muss sie eine zweite Irak-Diskussion verhindern. Und sie muss unter allen Umständen verhindern, in der Iran-Frage irgendwann als Vasall der USA dazustehen.

Denn immer schwieriger wird es, sich der freundschaftlichen Zwangsumarmung durch die USA zu entwinden. Die europäischen Verhandlungsbemühungen haben bislang wenig gebracht. Die USA akzeptierten diese Verhandlungen, stellten Unterstützung in Aussicht. Mehr nicht. Verweigerten direkte Gespräche.

Ein Scheitern der europäischen Bemühungen müsste die Sache vor den Sicherheitsrat bringen. Dahin, wohin die USA die Sache haben wollen. Dahin, wo der Fall Iran jetzt liegt. Dann folgen Resolutionen und Sanktionen. Und dann, so das mögliche Kalkül, findet sich die "Koalition der Willigen". Dann gehöre Deutschland dazu. Eine mögliche Militäraktion der USA? Man habe den Eindruck, dass es auch für die USA in der Iran-Frage keine militärische Option gebe, heißt es in der deutschen Besuchsdelegation immer wieder. Es klingt fast zu bemüht.

Keine befriedigende Einigung in der Iranfrage

In den vergangenen Wochen hatte Merkel immer wieder auf ein stärkeres Engagement der Amerikaner gedrängt. Hatte es ihrem Kollegen Bush in mehreren Telefonaten gesagt. Hatte ihren Außenminister Frank-Walter Steinmeier und auch Ruprecht Polenz, den klugen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, öffentlich fordern lassen: "Die USA müssen direkt mit dem Iran verhandeln." Nur mit Hilfe amerikanischer Beteiligung sei der Druck der internationalen Gemeinschaft aufrechtzuerhalten, nur so der erstrebte "grand bargain" zu erreichen. Der Iran lenkt in der Atomfrage ein, erhält dafür regionale Sicherheitsgarantien. Und dann könne jeder seine Geschäfte machen mit dem Land, das die zweitgrößten Gasreserven der Welt besitzt.

Doch in dieser vielleicht wichtigsten, vielleicht entscheidenden Frage gibt es bislang offenbar keine befriedigende Antwort des US-Präsidenten. Im Gegenteil. Direkte Gespräche stärkten im Moment doch lediglich die Position des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, heißt es in Washington. Bislang hatten die USA informelle Gesprächsangebote der Iraner auch über das Atomprogramm abgelehnt, zuletzt 2003.

Am Donnerstagabend hielt Angela Merkel eine Festrede zum 100. Geburtstag des einflussreichen American Jewish Committee. Sie versprach den rund 2000 Delegierten: "Es muss verhindert werden, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen kommt." Für die USA klingt dies nach "commitment". Nach Versprechen. Nach einer Verpflichtung. Angela Merkel kann sicher sein - George W. Bush nimmt dieses Versprechen ernst.


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