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USA: Die Toten von Lucky Lima

42 Menschen starben im Irak allein am vergangenen Wochenende durch Anschläge. Und dabei hatten die jungen Marines der "Lucky" Lima Company aus Ohio diesen Krieg für ein Spiel gehalten, als sie im Frühjahr 2005 loszogen. Doch jeden Siebten von ihnen kostete er das Leben.

Von Jan Christoph Wiechmann

Es lässt sich heute nicht mehr genau sagen, wann Amerika den Glauben an den Irak-Krieg verlor, doch fragt man die Bürger von Columbus, Ohio, begann alles am 8. Mai 2005, auf den Tag genau 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. An diesem klaren Frühlingsabend, die Luft ist frisch, der Himmel ein Sternenmeer, klopft Hauptfeldwebel Steve Walter an die Haustür der Buchhalterin Stephanie Derga im Bentwood Farms Drive 12638. Es ist 22.05 Uhr, der Braten verspeist, auf dem Tisch stehen Blumen, ein Sonntag wie im Buche, Muttertag.

Frau Derga, 47, eine zierliche scheue Frau, die das Leben begreift als Rundkurs ohne Ziel, sitzt im Wohnzimmer, das Licht gedimmt, im Fernsehen CNN, Bagdad, der Krieg. Sie hört das Klopfen und ahnt es sofort, der Sohn ist tot, wer sonst klopft am Sonntag um diese Zeit, sie hat es immer geahnt, Mütter ahnen so was. Sie öffnet die Tür, einen Spalt nur, sieht Hauptfeldwebel Walter in dunkelblauer Uniform, weiß die Handschuhe, Mitleid im Blick. Er muss nichts mehr sagen, aber sagt es doch, der Sohn ist tot, erschossen im Kampf in Obaidi, Irak, um 8.30 Uhr am Muttertag. Frau Derga fällt zurück, in die Arme der Tochter, sie erinnert nicht viel, aber eines sehr wohl, diese Ohnmacht und Wut, auf den Krieg und auf Bush, und diese Frage, die sie von nun an quält:

Wofür ist er gestorben, mein Dustin?

Nur einige Minuten später klingelt es an der Tür von Bob Derga, dem Vater, 51, Ingenieur und wiedergeborener Christ, ein beleibter Mann, der das Leben begreift als Trainingslager fürs Himmelreich. Herr Derga vermutet einen Klingelstreich, doch dann sieht er die Uniform, dunkelblau, die Handschuhe weiß, Mitleid im Blick, es folgen die gleichen Sätze, erschossen, der Sohn, am Muttertag. Auch Bob Derga spürt zunächst eine Ohnmacht, doch dann auch Stolz, jawohl, auf den Sohn und den Krieg und, ja, selbst auf Bush. Und auch ihn plagt eine Frage, eine andere jedoch:

Ist er im Himmel, mein Dustin?

Hauptfeldwebel Walter fährt nach Hause in dieser Nacht, tief in Gedanken, 59 Jahre, weißes Haar, ein hagerer Mann, der das Leben begreift als Opfergabe fürs Land. Walter war Soldat in Vietnam und ist nun - er nimmt es genau - "Offizier für Opfer-Angelegenheiten" der Reservisten der Lima Company, 3rd Batallion, 25th Marine Regiment. Dustin Derga ist der erste Tote seiner kleinen Kompanie, doch 22 weitere werden folgen, dazu 34 Verletzte, eine Verlustquote von - Walter nimmt es genau - 37,5 Prozent; keine amerikanische Kompanie trifft der Krieg härter als seine. Walter wird in diesen Monaten zum Handlungsreisenden in Sachen Tod, überbringt die Nachricht prompt und mit Würde. Laut Hinterbliebenenordnung, Seite 6: "Ich bedauere, Ihnen die Mitteilung machen zu müssen, dass Ihr Sohn/Mann/Vater das letzte Opfer gebracht hat." Er tut dies immer wieder, bis auch er sich, nervlich zerrieben, eine Frage stellt:

Wann nimmt das Ganze ein Ende?

Der Tod des Reservisten Dustin Alan Derga, geboren am 18. August 1980, ist tragisch. Aber tragischer noch ist der Kampf, der sich nun um seine Person entwickelt. Er wird zum Beweis für den Sinn des Krieges - und die Sinnlosigkeit. Für den Sieg der Nation - und die Niederlage. Für Gottes Weitsicht - und Gottes Abwesenheit.

Vielleicht am ehesten: für die Identitätskrise Amerikas zu Beginn dieses noch jungen Jahrtausends.

Einigkeit besteht unter allen Beteiligten, dass Dustin ein fröhlicher Kerl war, unbekümmert und cool, mit dem Humor eines Briten und dem Kreuz eines Boxers, ein Junge, der das Leben begreift wie einst George W. Bush: als endlose Rennstrecke mit ausgiebigen Boxenstopps in Kneipen. Vielleicht, so fürchten die Eltern, war er immer etwas zu cool. Sein Vater bestärkt ihn, nach der Schule zu den Marines zu gehen, den Elitekriegern der Nation. Seine Mutter hingegen dringt aufs College und warnt vor den Marines, der Erstbeute von Kriegen. Dustin steht, wie so oft in seinem Leben, zwischen den Eltern, zwischen der säkularen Demokratin und dem religiösen Republikaner, der Bush-Hasserin und dem Bush-Verehrer. So entscheidet er sich für einen Kompromiss, für den Mittelweg als Wochenendkrieger, als Reservist der Marines in der glorreichen Lima Company, die einst schon in der Schlacht von Iwo Jima triumphierte. Einmal im Monat trainiert er den Krieg, ansonsten jobbt er als Stahlarbeiter und träumt von einer eigenen Kneipe.

"Ich hätte es verhindern sollen", sagt die Mutter heute. "Aber als Reservist, dachte ich, kommt er nicht in den Krieg."

"Die Entscheidung war richtig", sagt der Vater. "Er hat seinem Leben eine Bedeutung gegeben."

Wahrscheinlich könnten

Dustins Kameraden dies am besten beurteilen, sein Vorgesetzter, Stabsfeldwebel Goodwin, 33, ein junger Familienvater, doch der stirbt bei einem Feuergefecht an der syrischen Grenze, Limas Toter Nr. 2. Dann vielleicht Gefreiter Erdy, 21, Dustins bester Freund, ein Clown wie er, doch ihn zerfetzt eine Bombe in Karabila, Limas Toter Nr. 3. So bleiben nur seine Kameraden, Gefreiter Trevor Smith und Unteroffizier Andy Britten, die den Krieg überleben, doch ihr Urteil ist widersprüchlich. "Er war ein überzeugter Marine", erzählt Smith, "stolz auf unsere Erfolge im Irak." "Er wollte raus aus dem Militär", sagt Britten, "das schrieb er seiner Freundin. Es war eine Seite, die er vor uns verbarg."

Sicher ist: Anfang März 2005 ziehen die 152 Reservisten der Lima Company noch voller Tatendrang in diesen Krieg. Die Fotos von damals zeigen Dustin und seine Freunde grinsend an ihren MGs, siegessicher an durchlöcherten Schießpuppen, Rächer des 11. September, "härter als Nägel, stärker als Maschinen, der unsterbliche Soldat, ein US Marine", so geht ihr Schlachtruf. Sie nennen sich die "Fab Four": Derga der Stahlarbeiter, Britten der Kriminologiestudent, Erdy der Feuerwehrmann und Smith der Jurastudent. Vier junge Kerle, die für ein paar Monate die Kneipen von Ohio eintauschen gegen das Schlachtfeld von Al Anbar, die Jugend gegen eine Mission. "Ihr müsst das verstehen", sagen sie zu ihren Freundinnen. "Der Krieg ist wie der Super Bowl. Du trainierst jahrelang dafür, und wenn er ansteht, willst du mitspielen."

Nicht wenige dachten so in Ohio, dem ländlichen Amerika, noch vor einem Jahr. In Dustins Nachlass, verborgen im Keller seiner Mutter, finden sich Bilder, die Schulkinder ihm schickten, Bilder von ihm, Dustin, beim Töten eines Irakers und darüber der Spruch: "Einer weg. Tausende werden folgen." Seine Freundin Kristin schickt ihm Texte des populären Country-Sängers Toby Keith, der da singt: "Euch wird es noch leid tun, dass ihr euch mit den Vereinigten Staaten von A. angelegt habt. Wir treten euch mit dem Stiefel in den Arsch, das ist die amerikanische Art."

Die Mutter schickt ihrem Sohn Schokolade in den Irak. Er soll es gut haben.

Der Vater schickt ihm das Neue Testament auf MP3. Er soll endlich Gott finden.

Schon wenige Wochen nach der Ankunft im Westen des Irak erhält die Kompanie den Spitznamen "Lucky Lima". Sie operiert am Hadithah-Damm, in der gefährlichen Provinz Al Anbar, doch nichts passiert, keine Toten, keine Verletzten, der Krieg scheint zahm, ein Super Bowl ohne Gegner. Die Fab Four machen das, was sie am besten können: sarkastische Witze und Blödsinn. "Warum soll ich mir Schnürsenkel kaufen, wenn ich ohne Finger und Füße zurückkomme", feixt Dustin damals. Er feuert, aus Spaß, Granaten ins Wasser, "um zu sehen, was passiert". Er feuert, aus Neugier, Granaten in die Luft, "um zu sehen, was passiert". Nichts passiert.

Im Mai jedoch verschärft sich die Lage. Lucky Lima soll nun nach Obaidi, an die vorderste Front, Terroristen eliminieren, die "Operation Matador", ein ungewöhnlicher Auftrag für Reservisten. An seine Freundin Kristin schreibt Dustin am 3. Mai: "Nun wird es brenzlig. Wir ziehen an die syrische Grenze."

Am Morgen des 8. Mai,

Obaidi ist fast eingenommen, nähern sich Marines der Lima Company, 1st Platoon, 1st Squad, dem letzten Haus des Ortes, einem Flachbau. Dustin, in der Hand das MG, übernimmt die Führung, versucht, die Tür einzutreten, doch sie gibt nicht nach. Da fallen Schüsse von innen, durch das Mauerwerk hindurch, Dutzende Schüsse, er dreht sich zur Seite, doch eine Kugel trifft ihn, tritt ein in den Rücken, durchbohrt Wirbel und Aorta und endet in der Lunge, ein Todesschuss. Sechs Wochen vor Ablauf seiner Dienstzeit stirbt Dustin Derga - laut US-Oberkommando, Nachricht 05-05-09C - "als Resultat feindlicher Handwaffenschüsse nahe der syrischen Grenze", Limas Toter Nr. 1.

"Er hatte keine Chance", sagt die Mutter. "So ist Krieg."

"Er starb als Held", sagt der Vater. "Die Operation war ein voller Erfolg."

Man könnte die fragen, die unmittelbar dabei waren. Chris Dixon, 18, der Jüngste, ein Untergebener Dustins, aber der krepiert drei Tage später in einem Amphibienfahrzeug, der Tote Nr. 4. Scott Bunker, ein Jurastudent, doch der wird schwer verletzt und erinnert sich an nichts mehr. So bleiben wieder Smith und Britten, die letzten der Fab Four. "Wir haben Dustins Mörder gut zugerichtet", sagt Smith und zeigt Fotos von zerschossenen Irakis. "Die Fotos kriegen seine Eltern." Britten hingegen sagt: "Ich habe geweint. Und mich gefragt: Was machen wir hier eigentlich?"

Dustin Derga ist noch keine 24 Stunden tot, da beginnt im fernen Ohio der Kampf um das richtige Gedenken. Hauptfeldwebel Walter, korrekt wie stets, klärt die Rahmenbedingungen, es gibt - er nimmt es genau - einen Beerdigungszuschuss von 4325 Dollar. "Die Kosten des Blumenarrangements" dürfen, Hinterbliebenenordnung, Seite 25, "81 Dollar nicht überschreiten". Dustins Vater fordert ein Militärbegräbnis, die höchsten Ehren, mit Gott im Zentrum. Die Mutter dagegen eine private Trauerfeier, still und würdevoll, mit Gott als Randerscheinung. Der Vater wünscht einen offenen Sarg mit Dustin in Uniform. Die Mutter hätte lieber einen geschlossenen Sarg, um den Verstand nicht zu verlieren. So beginnt der Handel, einem Tarifkampf gleich, bis spät in die Nacht.

Der Vater will ihn als Helden. Die Mutter als Sohn.

Sie müssen sich einmal geliebt haben, doch das ist heute nur schwer zu erahnen. Stephanie Derga lebt am Rand von Columbus, der Universitätsstadt, die so liberal ist wie sie selbst. Sie hat John Kerry gewählt und Vietnam noch vor Augen und nennt Bush, ist sie höflich, einen "Idioten" und sonst "den verdammten Schuldigen dieses Kriegs". Sie wird nicht einmal lächeln in vier langen Gesprächen, ihr Gesicht ist versteinert, die Stimme ein Hauch, "ich bin durch Dustins Tod um 20 Jahre gealtert", sagt sie, "mein Leben, so wie ich es kannte, ist vorbei".

Sie ist, auch heute noch: ein seelisches Wrack.

Ganz anders ihr Ex-Mann Bob, sonnig das Gemüt, die Stimme fest, er lebt in einer aseptischen Vorstadtsiedlung, die so bodenständig ist wie er selbst und seine neue Frau. Vier Tage lang war er verzweifelt, nicht wissend, ob Dustin im Himmel war, aber dann kam das Zeichen Gottes, ein Hagelsturm bei Ankunft der Leiche. Bob Derga sagt: "Ich habe Dustins Tod akzeptiert. Es war der perfekte Moment für ihn. Er war wie ein frühreifer Apfel, den Gott fürs Himmelreich pflückte." So tankt er Kraft durch den Tod und tourt zu den Beerdigungen aller Soldaten, in ganz Ohio, und verbreitet die Botschaft, so laut, wie er kann: "Diese Nation muss bis zum Ende kämpfen, unabhängig von den Folgen. Erst der totale Sieg wird Dustins Tod eine Bedeutung geben."

Er ist, auch heute noch: ein beseelter Mann.

Was sich dort offenbart, bei den Dergas, ist jener ideologische Riss, der sich quer durch die amerikanische Gesellschaft zieht, der die liberalen Küsten vom konservativen "Heartland" trennt, die Städte von Suburbia, die Linke von rechts. Der Krieg ist ein Gebot oder eine Schande. Die Kritik an ihm Notwendigkeit oder Verrat. Oberbefehlshaber Bush ein Segen oder ein Desaster.

Es erinnert ein bisschen: an Vietnam.

Mehr als tausend Menschen nehmen Abschied, als Dustin am 15. Mai beerdigt wird. Der Sargdeckel ist offen, ein Sieg für den Vater, doch Gott nur eine Randerscheinung, der Wunsch der Mutter. Die Uniform trägt Dustin am Leib, 2 : 1 für den Vater, doch begraben wird er auf dem Zivilfriedhof Glen Rest, nahe dem Haus der Mutter. Sie nennen ihn einen Helden, "der die Freiheit des Heimatlandes verteidigte", so schreibt, "mit tiefem Mitgefühl", Verteidigungsminister Rumsfeld. Er war "härter als Nägel, stärker als Maschinen, der unsterbliche Soldat, ein US Marine", so geht das Gedicht, ein letztes Mal. Doch Dustins Briefe, die nun auftauchen aus dem Irak, erzählen etwas anderes. "Ich bin so traurig und frustriert", schreibt er an seine Freundin Kristin am 27. März. "Alles ist scheiße auf dieser Operation" (29. April). "Ich riskiere mein Leben für diese Scheiß-Iraker" (3. Mai). Und schließlich, fünf Tage vor seinem Tod: "Ich fühle, dass ich dich heiraten will."

Es ist Zeit, sie kennen zu lernen, Kristin Earhart, die Freundin, 22, Hauptperson auch sie, ein pausbäckiges Mädchen vom Land, das das Leben begreift als Dienst an des Mannes Seite. Sie suchte schon nach einer gemeinsamen Wohnung, plante schon die Zukunft, als der Tod sich dazwischenschob. In jenen dunklen Tagen im Mai findet Kristin Trost bei ihrer Freundin Ashley, 21, der Verlobten von Dustins bestem Freund Nick Erdy. Doch fünf Tage später, am Freitag, dem 13., erhält Ashley einen Anruf im College während des Statistikunterrichts. Auch Erdy ist tot, zerrissen von einer Straßenbombe, ein Anblick des Grauens. Erdy ist eines von sechs Opfern des Anschlags, die Toten Nr. 3-8 jener Kompanie, die eine Woche zuvor noch "Lucky Lima" hieß.

Nun kommt der Tod als Serienprodukt.

Kristin und Ashley sitzen an Dustins Grab, später im Jahr, der Wind ist schon kalt, die Grabsaat noch frisch, sie kommen oft hierher, um die Wirklichkeit zu fassen. "Wir dachten, Witwe wirst du mit 75", sagt Kristin. Sie wussten vom Krieg, natürlich, aber er erschien ihnen wie ein Abenteuerurlaub, ein Männerding, der Super Bowl. Sie interessierten sich nie für Nachrichten aus dem Irak, aber nun sind ihre Verlobten die Nachrichten. Der Krieg war abstrakt, ein nerviges Hintergrundgeräusch zwischen den Soaps im TV, aber nun ist er eingefallen und hat ihre Hochzeiten platzen lassen. Das finden sie ziemlich daneben.

Lima Company wird nun bekannt, über Ohio hinaus, in jenen Tagen im Mai. Acht tote Reservisten in einer Woche, dazu ein Haufen Schwerverletzter, die vorzeitig heimkehren und den Krieg auf dem Körper tragen, als Prothesen, Glasaugen, Brandwunden. Da kommt Scott Bunker, der ein Auge verlor, aber zurück will an die Front, als Scharfschütze. Da kommt Mike Strahle, ein Abiturient, mit zerschossenem Darm und 50 Metallsplittern im Unterleib, der sich schuldig fühlt, weil er noch lebt. Der Fortschritt im Irak sei gewaltig, berichten sie - wie ihr Präsident - und bezichtigen die Medien der Lüge. Amerika werde siegen, sagen sie - wie ihr Präsident -, als sei dies ein Naturgesetz. Und wie ihr Präsident verfolgen sie die Nachrichten schon nicht mehr, doch die Nachrichten verfolgen sie, CNN, 28. Juli, zwei tote Reservisten, Lima Company, erschossen. Reuters, 29. Juli, fünf tote Reservisten, Lima Company, erschossen in einem Hinterhalt. AP, 3. August, 14 Tote, neun von ihnen Lima, zerrissen von einer Straßenbombe, der tödlichsten des Krieges. Präsident Bush schreibt aus seinem Urlaub in Texas: "Ich hoffe, Sie finden Trost in der Tatsache, dass Millionen Mitbürger für sie beten."

Der Begriff Vietnam

macht die Runde, als Parabel und Drohung, doch anders als im Vietnamkrieg trifft es diesmal auch Reservisten. Anders als in Vietnam trifft es diesmal geballt Kompanien aus einer Region. Und anders als in Vietnam gehen die Opferzahlen der GIs nicht in die Zehntausende. Doch, wie in Vietnam auch, drücken die Zahlen aufs Gemüt der Nation. Die Heimatfront beginnt zu bröckeln, die Stimmung kippt, der Krieg ist endgültig angekommen im "Heartland", in Columbus, Ohio, USA.

Nun ist Hauptfeldwebel Walter wieder an der Reihe, die Toten Nr. 9-23, ein Großauftrag. Er streift die Uniform über, dunkelblau, weiß die Handschuhe, Mitleid im Blick. Er fährt übers Land und trägt die Nachricht in jeden Landkreis, einfühlsam und faktentreu, "ich wurde besser darin mit der Zeit". Doch die Toten nehmen überhand, er ist überfordert als Offizier für Opfer-Angelegenheiten, und so bildet er im Schnellverfahren weitere aus. Lektion 1, die Nachricht: unmissverständlich. Der Blick: voll Mitleid. Der Todessold: 100 000 Dollar, steuerfrei, zuzustellen am Folgetag per Federal Express. Wenn der Tod nach Hause kommt, setzt die Bürokratie ein, 121 Seiten, Walter nimmt es genau. Für alles hat er einen Paragrafen - nicht jedoch für die unbändige Trauer der Hinterbliebenen.

Schließlich kann auch Walter nicht mehr, "die emotionalen Reserven sind aufgebraucht", er flieht nach Florida, Disneyland, ein Luxushotel, 375 Dollar die Nacht, ein Ort, wo der Krieg nichts ist als ein nerviges Hintergrundgeräusch zwischen den Soaps im TV.

Ohio ruft zur Gedenkfeier für die Toten auf, im I-X-Center, einer Flugzeughalle außerhalb Clevelands, ein Groß- event, gesponsert von Pepsi Cola und der Kreissparkasse. Medien aus dem ganzen Land treffen ein, 15 000 Menschen, vor der Halle werben Aktivisten für die Truppen und andere für den Frieden und wieder andere mit der Botschaft: "Gott ist Amerikas Terrorist."

Die Sprüche sind radikal, wie im Vietnamkrieg. Doch, anders als damals, sind sie selten.

Drinnen, in der Halle, auf zwei Großleinwänden, leuchten die Gesichter der Toten, 48 insgesamt im Batallion 3/25, 23 von ihnen aus der Lima Company. Davor, in der ersten Reihe, sitzen junge Witwen, Kinder und Säuglinge, die ihre Väter niemals sahen. Auch Dustins Vater ist unter ihnen, mit einem T-Shirt der "Operation Matador" und einer Botschaft für Osama bin Laden: "Wir schlagen zurück." Die Redner des Abends, ein Bischof und Politiker, ehren die Toten und ihre Erfolge, "Gott segne Amerika", doch draußen vor der Halle sagen die Bürger etwas anderes. Sie sagen: "Es reicht. Holt Lima nach Hause. Sie sind doch Reservisten, Herrgott."

Die Unterstützung für den Krieg fällt in Ohio auf 37 Prozent. Ohio ist nicht irgendein Staat, er ist Amerika im Kleinformat, die demografische Mitte, das Testlabor der Strategen, die perfekte Mischung aus Land und Stadt, Schwarz und Weiß, links und rechts. Ohio, der "Swing State", der über die Wahl von Präsidenten entscheidet, sagt nein zum Krieg.

Am 30. September kehren die überlebenden Reservisten der Lima Company zurück aus dem Irak, ins Camp Lejeune, North Carolina, zum "Chill-out". Vizepräsident Cheney empfängt sie persönlich, zum Mittagessen, mit den Worten: "Ihr seid Teil einer Truppe, die weiter Geschichte machen wird. Wir werden die Opfer ehren, indem wir unsere Mission zu Ende bringen." Es gibt Marines wie Trevor Smith, die Stolz empfinden bei den Worten. Doch andere, wie Andy Britten, misstrauen dem kahlköpfigen Mann, dessen Worte bisher noch nie ankamen gegen die Wahrheit.

Zeit, nun auch sie näher kennen zu lernen, Gefreiter Smith und Unteroffizier Britten, die beiden Überlebenden der Fab Four, Hauptfiguren auch sie, Anfang 20, in Therapie, wie alle ihrer Kompanie. Doch während Smith wieder in den Irak will, den Krieg noch gewinnen, hat Britten erst mal genug. Während Smith noch Rache im Kopf hat, will Britten nur Frieden mit sich. Smith ist der Stille, nicht mal seiner Freundin erzählt er vom Krieg, doch er kann die Stille nicht ertragen. Er sitzt auf seiner Stube, olivgrün die Wand, doch er kann das Herumsitzen nicht ertragen. Er hat sich die Fotos von Dustins durchsiebten Mördern auf CD gebrannt, doch sie kühlen sein Gemüt nicht. Er macht wie besessen Fitnesstraining und Taekwondo, um das Denken zu verschieben auf eine andere Zeit, doch die Gedanken kehren zurück, in der Nacht, als Träume.

Britten erscheint

stabiler. Er stand mal hinter dem Krieg, "aber wir haben mehr Anschläge erlebt als Bonbons verteilt", sagt er. Er will ja gern glauben, dass es den Irakern besser geht, "aber wir sahen verdammt viele sterben, als wir dort waren". Er erinnert sich an die lustigen Zeiten und Dustins Scherze, "aber die dunklen Tage überwogen". Am schlimmsten sind die neu gewonnenen Erkenntnisse: dass Amerika, das Beste, was die Welt je hervorbrachte, diese Welt jetzt zum Feind hat. Dass der Sieg in Kriegen nicht mehr Teil der nationalen DNA ist. Das tut weh.

Als die Reservisten der Lima Company jedoch in Columbus landen, am 7. Oktober, passiert etwas Ungewöhnliches. Schon der Flugplatz ist voller Menschen, Schulkinder winken mit Fähnchen, eine Jubelparade, 20 Meilen lang. Im Eishockeystadion werden sie gefeiert, von 18 000 Zuschauern, als hätten sie den Stanley Cup nach Columbus geholt. Bürgermeister Coleman nennt sie "die besten Kämpfer des Landes", und in den Bars werfen sich Mädchen an ihren Hals wie sonst nur bei den Footballstars des College-Teams. Sie können es nicht glauben. Sie sind bekannt. Man hält sie für Stars. Tragic Lima.

Die Wahrheit ist: Die Bürger glauben schon lange nicht mehr an den Krieg, aber sie verehren ihre Truppen. Sie feiern ihre Söhne, um die Wunden zu heilen. Sie wollen den Fehler des Vietnamkriegs nicht wiederholen, als sie die Veteranen verenden ließen in den Straßen. "Damals wurden wir bespuckt", sagt Hauptfeldwebel Walter, "heute werden sie gefeiert."

Doch die Marines nehmen dies allzu ernst. Sie verkaufen ihre Mission als Erfolg. Ihr Kommandeur, Major Lawson, tritt vors Rathaus und rasselt die Erfolge herunter, 387 konfiszierte Waffen, 83 Granaten, sieben Gasmasken, mehr als 200 tote Terroristen, ein "unermesslicher Beitrag für die Menschheit". Sie wollen nicht verlieren, sie dürfen nicht. Wenn dieser Krieg verloren geht, war alles umsonst, mehr als 2400 Tote, 17800 Verletzte, 500 000 Kriegsveteranen, frustriert und gedemütigt, ein soziales Desaster. War nicht der Bomber von Oklahoma City, Timothy McVeigh, ein verrückter Kriegsveteran? War es nicht auch der Sniper von Washington, John Muhammad? Und wie viele Traumatisierte spülte der Vietnamkrieg in die Gossen der Heimatstädte? Nein, dieser Krieg wird gewonnen.

So schaffen sie sich ihre Wahrheit. Wenn sich die Realität nicht an das Gute halten will, muss man sich eben entscheiden.

Die Wochen vergehen, der Winter kommt, die Reservisten der Lima Company betreten in Schwermut ihr altes Leben. Als Veteranen sind sie begehrt, Smith bekommt Dutzende Jobangebote als Sicherheitsmann, Britten geht an die Uni und erzählt von der Front. An jedem Donnerstag treffen sie sich alle in Dustins Lieblingskneipe, "Batallion 8", einem dunklen Bunker, um ihn zu ehren. Sie singen Karaoke, Toby Keith und die Stones, White Horses Couldn't Drag Me Away, draußen stürmt das neue Jahr. Sie tanzen auf Krücken, tunken ihre Glasaugen in Drinks, sie wollen noch einmal den Rausch, so leben wie Rockstars, doch ihre Blütezeit ist passé.

Auch Dustins Mutter

ist dabei, jeden Donnerstag, im "Batallion 8". Sie fühlt sich hier geborgen unter Dustins Kameraden, es sei eine Art Therapie, sagt sie. Aber, und das ist die Tragik, eine Antwort hat sie auch hier nicht gefunden auf die eine Frage: Wofür ist er gestorben, mein Dustin? Für eine Lüge?

Ihr gegenüber am Tresen sitzt ihr Ex-Mann Bob, die Hand am Drink, alkoholfrei. Er hat seine Antworten zusammen, er musste nicht suchen, Dustin ist im Himmel, sein religiöser Sohn. Aber, und das ist die Tragik, keiner glaubt ihm wirklich. Sein Sohn war nicht religiös. Er war ein Clown.

Es ist spät in der Nacht, nun sind alle beisammen, die Hauptpersonen der Geschichte, liebevolle Menschen aus Amerikas Mitte. Wenn sie genug getrunken haben, fangen die Jungs an zu erzählen, und dann weinen manche, und dann kehrt ein grausamer Krieg auf seinem langen Weg zum nationalen Trauma ein in einen Bunker an der Bundesstraße 40, Columbus, Ohio, USA.

Der Morgen ist immer das Schlimmste. Dann soll das Leben weitergehen, auch ein Jahr nach Dustins Tod, im Frühjahr 2006. Aber schon zum Frühstück blendet die Wirklichkeit. CNN, 7. April, 79 Tote bei Anschlag in Bagdad. "Washington Post", 26. April, Irak-Krieg teurer als Vietnamkrieg. AFP, 2. Mai, Präsident Bush auf neuem Tiefpunkt. Wie im Vietnamkrieg fordert die Mehrheit der Amerikaner die sofortige Heimkehr der Truppen. Doch, anders als bei Vietnam, tun sie dies leise, fern der Straßen, vom Sessel aus.

Dieser Krieg ist anders. Er ist gerade mal drei Jahre alt. Und doch wirkt er schon jetzt wie damals der Vietnamkrieg nach zehn Jahren. Wie ein Song, der zu lange läuft, wie ein Bier, das zu lange steht, wie ein Film ohne Happy End.

Das funktioniert nicht. Nicht in Amerika.

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