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USA: Washington tanzt den Pleite-Blues

Es waren Tage, in denen in Washington über das Schicksal der Welt entschieden wurde: Es ging um nichts Geringeres als die Rettung des globalen Finanzsystems. Bei unzähligen Treffen und auf Partys spekulierten die Mächtigen auch über den Untergang eines Hegemons.

Von Katja Gloger, Washington

In diesen Tagen, in denen der amerikanische Kapitalismus zugrunde geht, herrscht im Epizentrum der Krise strahlender Sonnenschein. In Washington beginnt der Indian Summer, bunt färben sich die Blätter an den Bäumen. Doch die Manager des Weltfinanzsystems, die sich am vergangenen Wochenende zur Herbsttagung des Weltwährungsfonds (IWF) in Washington einfinden, haben keinerlei Sinn für Naturschönheiten.

Sie müssen jetzt die Welt retten - irgendwie. Müssen handeln - rasch. Aber sie fürchten, es könne schon zu spät sein.

Denn keine Maßnahme hat bislang geholfen. Da stellte die US-Regierung 700 Milliarden Dollar Finanzhilfen für die US-Banken zur Verfügung - und der Dow Jones fiel auf ein neues Rekordtief. Da verabschiedete die britische Regierung die Teilverstaatlichung notleidender Banken - die Londoner Börse fiel ins Bodenlose. Und was passierte, als die Bundesregierung eine Garantie für alle Spareinlagen übernahm? Der Dax stürzte weiter ab.

Hoffen auf die Staatsfonds

Zuletzt hatte man noch auf die sonst so verteufelten Staatsfonds anderer Länder gehofft. Zunächst hatten vor allem China und Kuwait auch ordentlich Geld in das strauchelnde Bankensystem gepumpt. Von bis zu 380 Milliarden Dollar ist die Rede. Aber dann versiegte auch diese Geldquelle.

Jetzt haben die Weltbörsen innerhalb eines Monats 27 Prozent ihres Wertes verloren.

"Endet der amerikanische Kapitalismus?" fragt die Washington Post. Die Menschen überall in der Welt haben uns einst für unser Wirtschaftssystem bewundert", antwortet der Ökonom und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, "Und wir sagten ihnen immer, wenn Ihr so sein wollte wie wir, dann müsst Ihr nur dem Markt die Macht überlassen. Jetzt hat niemand mehr auch nur einen Funken Respekt für dieses Modell. Denn überall in der Welt glaubt man, dass man wegen uns leidet."

"Mehr als 200 Jahre lang haben die USA und Europa mühelos ökonomische, politische und kulturelle Hegemonie ausgeübt", heißt es in der altehrwürdigen Financial Times. "Diese Ära endet nun."

USA scheinen führungslos

Amerika scheint nahezu führungslos in diesen Tagen. Der Präsident, lahmer als eine lahme Ente, appelliert nun fast täglich an sein Land, an die Welt. An diesem Freitag spricht George W. Bush acht Minuten und zehn Sekunden im Rosengarten des Weißen Hauses. Er spricht von einer "zutiefst beunruhigenden Periode für das amerikanische Volk", von "unmissverständlichen Signalen" und von "Werkzeugen", die man jetzt anwende. "Wir werden das Ding gemeinsam durchstehen", sagt er. Das Ding. Aber in Wahrheit hört dem mächtigsten Mann der Welt niemand mehr zu. George W. Bush redet, und der Dow Jones fällt minütlich.

Es ist kurz nach acht Uhr an diesem Freitag morgen, als der übernächtigte Finanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber in einem fensterlosen Konferenzraum des Fairmont Hotels zu einem Frühstück mit der Presse laden. Ein paar Früchte, ein schnelles Brötchen mit Schinken, lauwarmer Kaffee, bald beginnt das Treffen der G7-Finanzminister im US-Finanzministerium. Dort, wo Peer Steinbrück noch vor kurzem von seinem amerikanischen Kollegen Hank Paulson im Stehen abgefertigt wurde. Dort, wo die Warnungen vor einem Crash offenbar verhallten.

Es gebe keine Alternative zum gemeinsamen Vorgehen mehr, beschwören die beiden Deutschen, Und manchmal klingt es, als wollten sie sich selbst ein bisschen Mut zusprechen. Peer Steinbrück spricht von "weltweiten Verkehrsregeln" die nun eingeführt werden müssten, so sei es schließlich auch bei der Flugsicherung. Dann fällt ihm ein besseres Wort ein: "Und bei der Seuchenbekämpfung."

An diesem Morgen scheut Steinbrück das Wort "Verstaatlichung" noch wie der Teufel das Weihwasser, er spricht von "dem Wort, das ich hier nicht aussprechen werde. Was meinen Sie denn", raunzt er, "wie es in der Öffentlichkeit wirkt, wenn ein sozialdemokratischer Finanzminister eine Bank verstaatlichen würde? Und haben wir uns nicht vor wenigen Wochen noch anhören müssen, dass man ruhig auch mal eine Bank pleitegehen lassen sollte?"

In Wahrheit geht es natürlich längst um die Teilverstaatlichung deutscher Banken. Darauf haben sich Steinbrück und die Kanzlerin bereits verständigt. Und wenig später wird bekannt, dass die Bundesregierung den angeschlagenen Banken mit bis zu 100 Milliarden Euro Steuergeldern helfen will.

Es ist das Freikaufpaket für Deutschlands Banker.

Doch die machen sich ziemlich rar in diesen Tagen. Es ist beinahe so, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Denn die Herren der Hochfinanz fühlen sich mal wieder zum Prügelknaben der Nation gemacht. Aber was haben sie sich in der Vergangenheit nicht schon alles anhören müssen: "Heuschrecken." "Monster." Und jetzt auch noch eine Moralpredigt des Bundespräsidenten.

Der Dampfer bleibt ziemlich leer

Zur Herbsttagung des Weltwährungsfonds lädt die Commerzbank seit vielen Jahren zu einer Bootsfahrt auf dem Potomac, sie gilt als Highlight des langen Arbeitswochenendes. Auch in diesem Jahr wollte der frisch installierte Commerzbank-Chef Martin Blessing nicht auf die beliebte Tradition verzichten. Ein alter Schaufelraddampfer schnauft, eine Jazzband spielt smooth, vom offenen Oberdeck kann man den Blick auf das spätabendliche Washington genießen, in der Ferne leuchtet das Kapitol. Aber in diesem Jahr bleibt der Dampfer ziemlich leer. Zu ernst die Lage, zu groß der Image-Schaden. Man übt sich in gedrückter Stimmung und maßvollem Alkoholkonsum, die Gespräche kreisen um die Krise und "keynsianische Abwärtsspiralen" und eine mögliche Welt-Rezession. Doch öffentlich möchte man lieber nicht Stellung nehmen. Interviews? Gar Auftritte in Talk-Shows? Im Moment lieber nicht. Man könne nur verlieren, heißt es.

Die Banker sprechen viel von "Vertrauen" in diesen dramatischen Tagen. Von dem "Vertrauen in die Märkte", das nun zurück gewonnen werden müsse. Doch sie selbst tun so, als hätten sie sich nichts vorzuwerfen. Als seien sie vom Ausmaß der Krise eigentlich genau so überrascht worden wie der Rest der Welt.

Man erwarte kein Mitleid

Die Forderung des Bundespräsidenten nach einer Entschuldigung der Banker bezeichnete ein deutscher Top-Banker gegenüber dem stern als politischen "Populismus". Man verstehe ja, dass Politiker jetzt auf die Banker schimpften, schließlich müssten Politiker ja genau so um Wählerstimmen kämpfen wie Sportler um den Sieg und Banker um ihre Renditen. Außerdem würden auch Banker persönlich unter der Krise leiden. Man erwarte kein Mitleid, wolle sich aber auch nicht "scheinheilig" entschuldigen müssen.

Und warum hat man in den Banken nicht früher auf Warnungen reagiert, die Notbremse gezogen? Da zuckte der Mann nur mit den Schultern. "Solange die Musik spielt, tanzt man", sagte er.

Die Welt werde schon nicht untergehen, übte sich ein deutscher Banker am vergangenen Wochenende in Washington in Zweckoptimismus. Wohl wahr. Ihre Welt nicht.