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Very British: Komasaufen auf Britisch

Die Briten sind für ihren maßlosen Alkoholkonsum bekannt - im Urlaub geht es besonders hoch her. Die Folge: Allein in Spanien wurden mehr als 2000 britische Urlauber verhaftet. Die Regierung in London erwägt drastische Maßnahmen, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen.

Von Cornelia Fuchs, London

Die zwei jungen Frauen hatten eine Wodka-Flasche in der Hand, viermal soviel Alkohol im Blut, wie fürs Autofahren erlaubt, und generell wohl ziemlich schlechte Laune, weil ihnen das Rauchen im Flugzeug verboten worden war.

Das wollten sie sich nicht gefallen lassen, riefen sie, und schimpften so laut und unflätig, dass sich eine Mutter beschwerte. Die bekam eine Ohrfeige, dann versuchte sich eine der beiden Betrunkenen eine Zigarette anzuzünden und die andere kämpfte sich zum Notausgang vor mit den Worten: "Ich brauche frische Luft." Da hatte der Kapitän des Fluges der Linie XL aus Griechenland nach Manchester schon die Notlandung in Frankfurt eingeleitet. Die Frauen wurden vom Kabinenpersonal auf den Boden gerangelt, gefesselt und von deutschen Polizisten abgeführt. Der Flug flog mit zwei Stunden Verspätung weiter, wie die Frauen nach Hause gekommen sind, nachdem sie aus dem Gewahrsam der deutschen Behörden entlassen wurden, ist nicht bekannt.

Öffentlicher Sex in einem muslimischen Land

In Dubai befindet sich seit Anfang Juni eine 36-jährige Frau in Haft, die nach einem achtstündigen Champagner-Brunch-Gelage beim Sex auf einem weißen Plastikstuhl am Strand erwischt worden war. Ein Polizist hatte Michelle Palmer und ihren Sex-Partner schon einmal darauf aufmerksam gemacht, dass sie mit ihren öffentlichen gymnastischen Einlagen ein öffentliches Ärgernis darstelle und er sie festnehmen müsse, wenn sie damit nicht aufhöre. Frau Palmer hielt es, von Alkoholschwaden umnebelt, für besser, den Polizisten mit einem Schuh zu bewerfen und zu beschimpfen, als sich wieder anzuziehen.

Nun wartet sie in Haft auf einen Prozess, nicht nur, weil sie sich nackt beim Sex an einem Strand in einem muslimischen Land gezeigt hat, sondern auch, weil sie mit dem Mann, mit dem sie da intim wurde, nicht verheiratet war. Die Höchststrafe dafür beträgt sechs Jahre, wenn sie den britischen Touristen Vince Palmer, ihren Sexual-Partner, vorher heiratet, könnte sich die Strafe auf zwei Jahre reduzieren.

Immer wieder die Briten

Das Mitleid mit Frau Palmer hält sich in Großbritannien in sehr engen Grenzen, für die zwei Frauen aus dem Flugzeug wird auf Internetforen lebenslanges Flugverbot, ja, sogar der Einzug der Pässe gefordert. Die Briten schämen sich, zumindest ein bisschen, für das, was da ihre Mitbürer in der ganzen Welt tun - nämlich trinken.

2032 Briten wurden in Spanien in den Jahren 2006 und 2007 verhaftet, ein Anstieg von einem Drittel zu den Jahren davor. In Zypern, Griechenland und den Vereinigten Arabischen Emiraten mit Dubai sind es im Verhältnis zu den Touristen- und Auswandererzahlen mit 230 Verhaftungen sogar noch mehr. Nun sind dies nicht allein Zahlen von betrunkenen Übeltätern, sondern auch Verhaftungen zum Beispiel wegen Verkehrsdelikten oder fehlenden Ausweispapieren. Aber sogar das Außenministerium verkündet, dass viele Verhaftungen "von übermässigem Alkoholgenuss verursacht werden".

"Blow-Job-Happenings" am Strand

In Griechenland ist es in diesem Sommer so schlimm, dass der britische Botschafter Simon Gass auf die griechische Insel Zakynthos flog, um den schlechten Ruf seiner Landsleute begrenzen zu helfen. Zakynthos ist inzwischen so besorgt über die Trinkgelage der Briten, dass der Bürgermeister der Stadt Laganas eine Art Krisengipfel einberufen hat mit Polizei und dem britischen Botschaftspersonal.

Das Problem ist eine 300-Meter-lange Straße voller Freiluftbars. Hier trinken sich vor allem viele junge Briten jede Nacht ins Nirwana. Einwohner beklagen, dass junge Mädchen mitten auf der Straße ihre Unterhosen herunterlassen und in die Straße pinkeln, am Strand soll es regelmäßig Partys mit vielen nackten Jungs und Mädels geben, es gibt Berichte von "Blow-Job-Happenings", in denen Frauen oralen Sex im Wettbewerb miteinander anbieten.

Botschafter Simon Gass sagte der BBC, dass er die Schuld jedoch nicht allein bei den britischen Touristen suche: "Wenn sehr viele Bars in einem Ferienort sehr viel billigen Alkohol in sehr großen Mengen anbieten, dann sollte niemand überrascht sein, dass furchtbar viele Menschen sehr betrunken werden."

Letzter Ausweg Prohibition

Doch die Berichte aus den Urlaubsländern untermauern ein Problem, das auch in Großbritannien immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt: Vor allem junge Briten trinken äußerst exzessiv. So exzessiv, dass die Zahl der Notfall-Einsätze und die Zahl der Schlägereien in den Städten stetig wächst. Die Regierung diskutiert zurzeit, ob die Wiedereinführung einer rigiden Sperrstunde dem abhelfen könnte.

Doch dagegen protestieren die Kneipen, die das Problem vor allem in den Billig-Angeboten von Bier und Spirituosen der großen Supermarkt-Ketten sehen. Bisher hat weder eine große Gesundheits-Werbekampagne noch strengere Kontrollen bei der Abgabe von Alkohol an Minderjährigen das Problem des Komasaufens in den Griff bekommen. Erste Politiker fordern Verbote von Alkohol, nicht unähnlich der rigiden Rauchgesetze in England, Schottland und Irland. Das Ende der Urlaubszeit wird nicht nur den alkohol-gläubigen Touristen ein paar Kopfschmerzen bereiten.