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Video "Kony 2012" im Internet: Kann ein Like die Welt retten?

Die Webkampagne "Kony 2012" jagt den afrikanischen Massenmörder Joseph Kony. Auf den Hype folgen die Zweifel. Jetzt äußern sich die Macher des Films.

Von Katharina Miklis

Keiner kommt an Kony vorbei. Es dauerte nur wenige Tage, da war der Name des blutrünstigen Rebellenführers weltbekannt. Das Video über den Kopf der ugandischen Rebellenarmee "Lord's Restistance Army" (LRA), das seit Montag im Netz kursiert, ist der neue Medienhype. Facebook, Twitter, YouTube - schnell war das Filmchen über die Machenschaften des ugandischen Massenmörders Joseph Kony, der Tausende Kinder zwangsrekrutierte, weltweit bekannt. Halb Hollywood gibt sein Like für die gute Sache und dem Phänomen den letzten Kick. Wer kämpft nicht gerne gegen das Böse - vor allem wenn es so leicht ist?

Fast 60 Millionen Menschen haben sich mittlerweile das Video "Kony 2012" auf YouTube angesehen - Stand Freitagnachmittag -, mit dem die Organisation "Invisible Children" nicht nur auf die Umstände in Uganda aufmerksam machen möchte sondern auch dem afrikanischen Schlächter das Handwerk legen will. Das erklärte Ziel der Aktion "Kony 2012" ist es, den Mann bis Ende des Jahres zu fassen.

Ein Klick - und wir sind die Guten

Plötzlich kennt also jeder die Gräueltaten des Joseph Kony. Aber lässt sich wirklich die Welt retten, indem man ein Video anklickt oder es auf Facebook liked? "Eine Sache, auf die wir uns alle einigen können" lautet der Untertitel der Kampagne - und macht uns alle zu den Guten, die im Netz gegen das Böse kämpfen. Die Organisation befördert sich selbst zur Stimme für die gesamte Netzwelt. Aber wollen wir auch, dass sie für uns spricht? Und kann ein Medienhype in den USA oder in Europa den Konflikt in Afrika besser machen?

Nein, rufen die Kritiker. Doch, sagt die Organisation und reagiert auf die Vorwürfe. Es gibt einige - und es werden immer mehr. Die Stimmung könnte sogar kippen. Gegen Kony, klar, - und gegen die selbsternannten Weltretter, die von den USA aus Uganda helfen wollen.

Spendengelder in Millionenhöhe

Die in San Diego sitzende nichtkommerzielle Organisation "Invisible Children" wurde von den zwei Filmemachern Jason Russell und Laren Poole gegründet und nimmt unter anderem mit überemotionalisierten Videos wie diesen Spendengelder in Millionenhöhe ein. Das Action Kit, das "Invisible Children" im medialen Kampf gegen Kony vermarktet, ist bereits ausverkauft. Es beinhaltet Aufkleber, Buttons, Poster und kostet 30 Dollar. Ein Kriegsverbrecher ist gut fürs Geschäft: Auch die T-Shirts sind nicht mehr zu haben - gegen Kony zu sein ist wahnsinnig hip. Aber was kommt von dem Erlös für wohltätige Zwecke in Afrika an?

Die Organisation reagiert auf die Kritik und hat ihren Jahresabschluss jetzt für jedermann sichtbar ins Netz gestellt. Der zeigt jedoch auch, dass die meisten der gesammelten Gelder in den USA ausgegeben wurden. Nur ein Drittel erreicht afrikanische Projekte. Vor allem die Blogger vor Ort haben jedoch ganz andere Probleme mit der Organisation als die finanziellen Ungereimtheiten. Die Aufnahmen in dem Video sind nämlich zum Teil fast zehn Jahre alt. Der Bürgerkrieg in dem Land, das "Invisible Children" thematisiert, ist längst vorbei. Krankheiten haben der gefürchtet "LRA" längst den Rang abgelaufen. Man geht davon aus, dass Kony selbst schon lange nicht mehr im Land ist. "Die Situation vor Ort hat sich nicht nur verändert, das Problem in Uganda ist mittlerweile auch viel zu komplex, als das man es an einem Mann aufhängen könnte, kritisiert eine ugandische Bloggerin. Und weiter: "Wir brauchen keinen weiteren ausländischen Helden, der sich dabei filmen lässt, wie er afrikanische Kinder rettet. Wir kennen diese Bilder aus Äthiopien oder Somalia!"

Auch inhaltliche Fehler werden den Filmemachern vorgeworfen. Auch dagegen wehrt sich jetzt die Organisation. Im Gespräch mit der #link;http:/www.washingtonpost.com/blogs/blogpost/post/invisible-childrens-stop-kony-campaign/2012/03/07/gIQA7B31wR_blog.html;"Washington Post"# betont Jedediah Jenkins, bei "Invisible Children" für die Ideenentwicklung zuständig, dass es vor allem wichtig sei, junge Menschen für dieses Problem zu sensibilisieren.

Kritisiert wird ebenfalls, dass die Internet-Offensive dem ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, der unter anderem gegen Homosexuelle hetzt, in die Hände spiele. Auch sind einige Verbindungen der Organisation im Land fragwürdig. "Wenn wir mit Sicherheit sagen wollen würden, dass wir nur mit Partnern zusammen arbeiten, die nicht korrupt sind, dann könnten wir in Afrika mit niemandem zusammen arbeiten", so Jenkins.

Auch der afrikanische Junge Jacob Acaye, den die Filmemacher bereits vor zehn Jahren für ihren Film interviewten, meldete sich nun zu Wort. In seiner Heimatregion rund um die Stadt Gulu sei es mittlerweile friedlich, sagte der inzwischen 21-jährige, ehemalige Kindersoldat dem "Guardian" in einem Telefoninterview. "Die Organisation hat wirklich hart gekämpft, um meine Schule wieder aufzubauen". Das Leiden, so der Jura-Student, geht jedoch an anderer Stelle weiter.