Nord-Uganda Die Kindersoldaten von Pater Gerner


Als erstes werden ihnen die Finger abgeschnitten oder die Lippen - als "Erziehungsmaßnahme". Um die traumatisierten Kindersoldaten in Uganda kümmert sich Pater Josef Gerner. stern.de hat mit ihm gesprochen.

Jeden Abend drängen sich 800 Kinder in der Missionsstation Kitgum im Norden Ugandas. Sie finden kaum genug Platz zum Schlafen in der Kirche, aber alles ist besser, als in ihren Dörfern allein bei ihrer Familie zu bleiben. Die Kinder suchen Schutz vor den brutalen Überfällen der Lord's Resistance Army, die seit fast zwanzig Jahren im Kampf gegen die Regierung die Bevölkerung terrorisiert.

Mehr als 25.000 Kinder haben die Rebellen seitdem verschleppt, brutal misshandelt und zu Tötungsmaschinen gedrillt. Oft müssen Neuankömmlinge als erste "Erziehungsmaßnahme" einem anderen Kind, das gewagt hat zu widersprechen oder gar zu flüchten versuchte, Finger, Ohren oder Lippen abschneiden.

Pater Josef Gerner aus Meckenhausen in Mittelfranken betreut seit acht Jahren Tausende dieser Kinder, die von den Kriegsgräueln traumatisiert sind. Er beobachtet mit steigender Wut, wie jede neue Friedens-Initiative der Regierung Ugandas wirkungslos verpufft. Zurzeit befindet sich der Pater in Deutschland.

Pater Gerner, die ugandische Regierung schickt Unterhändler zu den Rebellen in den Sudan, der Präsident bietet dem Rebellenführer Joseph Kony eine General-Amnestie an. Ist dies die Chance auf eine Lösung des Konflikts?

Keine Initiative der Regierung hat bisher irgendetwas an der Situation der Zivilbevölkerung im Norden geändert. Im Gegenteil. Über 1,6 Millionen Menschen hat die Regierung zwangsweise in so genannte "Schutzdörfer" umgesiedelt. Aber sie sind dort alles andere als geschützt. In den Lagern können sie weder ihr Land bestellen noch ihre Tiere hüten. Die fruchtbaren Äcker liegen brach, die Menschen hungern. Der Stamm der Acholi, der hier im Norden lebt, hatte immer genug zu essen, oft sogar dreimal am Tag. Jetzt sind die Menschen zum Nichtstun gezwungen. Und trotz aller Beteuerungen: Seit Jahren macht die Regierung keinerlei Anstalten den Menschen zu helfen, dass sie wieder in ihre Dörfer zurückkehren können. Es bleibt die Frage, wer das fruchtbare Land erhalten soll, das jetzt brach liegt.

Was würde der Zivilbevölkerung denn wirklich helfen?

Der Rebellenführer Joseph Kony führt im Grunde Krieg gegen seinen eigenen Stamm. Er kommt selber aus der Volksgruppe der Acholi. Eigentlich ist die Rebellenbewegung vor zwanzig Jahre aus Protest gegen die Benachteiligung gerade dieses Stammes entstanden. Doch inzwischen ist Kony mit seiner "Widerstands-Armee des Herrn" zu einem Schreckgespenst seines eigenen Clans geworden. Ich glaube, dass sich eine Lösung des Konflikts aus der Tradition des Stammes der Acholi entwickeln muss. Die Religionsführer des Landes haben ein Amnestie-Angebot ausgehandelt, dass auf eben diesen Traditionen basiert: Da kommen die Führer der Clans zusammen, die Geschädigten erzählen von ihren Opfern und eine symbolische Entschädigung wird ausgehandelt. Am Ende reichen sich alle die Hände und trinken gemeinsam ein sehr bitteres Gebräu. Dann ist beiden Seiten Gerechtigkeit widerfahren.

Großbritannien und die Vereinigten Staaten drängen jedoch darauf, Kony vor den Internationalen Gerichtshof zu stellen.

Das ist sehr interessant, vor allem, da die USA bis heute den Internationalen Gerichtshof gar nicht anerkannt hat. Ich glaube nicht, dass diese Art von Justiz zum Erfolg führen wird. Mit Drohungen wird Kony nie zu fangen sein. Auf diese Art haben wir schon Jahre verloren. Ich habe miterlebt, wie das ugandische Militär auf der Suche nach Kony in die Grenzregion marschiert ist, und die Rebellen in ihrem Rücken umso schlimmer unter der Zivilbevölkerung gewütet haben und tausende Kinder entführten. Geschützt haben die Soldaten die Menschen nie, sie haben nie ernsthaft nach Kony gesucht, sonst wäre der Spuk längst zu Ende. Die Menschen haben jedes Vertrauen in die Regierung verloren.

Jede Nacht drängen sich in ihrer Kirche hunderte Kinder. Sie haben Schulen aufgebaut, betreuen die Flüchtlinge in ihrem Krankenhaus und versuchen, ehemalige Kindersoldaten zurück ins Zivilleben zu holen. Wie ist die Situation zurzeit?

Im Moment gibt es etwas weniger Flüchtlinge als noch vor ein paar Monaten. Aber das kann sich jederzeit wieder ändern. Ich sehe vor allem die Situation in den riesigen Lagern mit großer Sorge. Hier sitzen bis zu 400 Kinder in einer Schulklasse, die hygienischen Bedingungen sind eine Katastrophe und Übergriffe an der Tagesordnung. Außerdem schnellt die Zahl der HIV-Infizierten rasant in die Höhe. In diesen Lagern verlischt mit der Zukunft der Kinder die Zukunft des Landes. Manche Kinder haben noch nie in ihrem Leben in Ruhe zu Hause geschlafen. Die wissen doch gar nicht mehr, wie ein friedliches Leben gelebt werden kann.

Wie gehen die Menschen mit der ständigen Gefahr um, durch Krankheiten oder Überfälle ihr Leben zu verlieren?

Die Menschen suchen nach Frieden, nach Hoffnung. Allein meine Gemeinde besteht aus 70.000 Menschen. Jeden Tag kommen neue dazu. Wir Comboni-Missionare sind zu einer Konstante für viele geworden - manchmal zu der einzigen in ihrem Leben. Das ist auch für uns nicht immer einfach. 14 meiner Mitbrüder sind in den vergangenen Jahren ermordet worden. Aber wir werden bleiben. Die Menschen brauchen uns.

Interview: Cornelia Fuchs

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