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Volksabstimmung im Südsudan: Mit Begeisterung in den Bettelstaat

Im Südsudan hat die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit der bisher teilautonomen Region begonnen. Am Ausgang des Referendums kann kein Zweifel bestehen: Der Süden will die Selbstständigkeit. Auf eigenen Füßen stehen kann das neue Staatsgebilde aber noch lange nicht.

Von Marc Goergen, Juba

Geht man von den Postern, den Bannern, den selbstgemalten Plakaten in den Autoscheiben aus, dann ist das Referendum in Juba eigentlich schon gelaufen. Überall steht nur ein Wort "Secession" - Abspaltung. Ab heute stimmt der Süden des Sudan eine Woche lang über seine Unabhängigkeit ab, doch kaum jemand rechnet ernsthaft damit, dass sich eine Mehrheit der Südsudanesen für den Verbleib beim Norden entscheidet. Schon am Flughafen von Juba begrüßt ein Plakat die Anreisenden herzlich zum "193. Staat der Welt". Und ob unter in Scharen angereisten UN-Beobachtern - oder unter den Südsudanesen selbst: Mit etwas anderem als einem mindestens 90-Prozentigen "Ja" für die Unabhängigkeit rechnet keiner.

Ab Juli könnte dann die Staatengemeinschaft ein neues Mitglied begrüßen: den Südsudan. Es wäre das Ende scheinbar unendlicher Krisen und Kriege zwischen Nord und Süd. Zweihundert Jahre lang hatten die im Norden ansässigen arabischstämmigen Völker die afrikanischstämmigen Nachbarn im Süden unterdrückt. Bis ins 20. Jahrhundert hinein zogen Reiterkommandos gen Süden auf der Suche nach Sklaven. Nach Ende der britischen Kolonialherrschaft 1956 brach dann zwischen Nord und Süd endgültig der Bruderkampf aus. In zwei langen Kriegen starben etwa zwei Millionen Menschen. Erst ein von den USA 2005 vermitteltes Abkommen bescherte dem Land Frieden. Und dort wurde schließlich auch das Referendum über die Unabhängigkeit festgeschrieben.

Leistung der Diplomatie

Lange Zeit schien es, als ob der Norden unter dem autoritären Regime Omar al-Bashirs den Süden nicht kampflos ziehen lassen würde. Schließlich liegen 85 Prozent der Ölreserven des Landes im Süden, es ist bislang die Haupteinnahmequelle des Regimes. Besonders die ölreiche Grenzregion Abyei ist umstritten. Noch immer konnte man sich hier nicht auf eine endgültige Trennlinie einigen. Das eigens für Abyei geplante Referendum wurde verschoben.

Und doch sieht es danach aus, als ob es die internationale Diplomatie tatsächlich schaffen würde, den Norden dazu zu bewegen, die Brüder im Süden fortan ihren eigenen Weg gehen zu lassen. Schon vor mehreren Monaten ließ Präsident al-Bashir verlauten, man werde die Entscheidung des Referendums akzeptieren, wie auch immer sie ausfallen werde. Und erst vor wenigen Tagen reiste der Staatschef selbst in die Süd-Hauptstadt Juba. Demonstrativ freundlich zeigte er sich mit dem südsudanesischen Präsidenten Salva Kiir. Zu verdanken ist der Sinneswandel vor allem den USA: Diese locken damit, den Südsudan von der Liste der Terrorstaaten zu streichen und Sanktionen zu lockern, sollte Khartoum die Loslösung akzeptieren.

Kaum Ansätze staatlicher Strukturen

Doch wenn auch schon seit Tagen die auf Lastern singenden und tanzenden Menschen auf den Straßen von Juba die Unabhängigkeit herbeifeiern - wie lebensfähig der neu zu entstehende Staat sein wird, ist fraglich. Das Land hängt am Tropf der Hilfsgelder. Allerorten reichen sich die Büros der UN und der internationalen Helfer wie Care oder Ärzte ohne Grenzen aneinander. Nicht einmal eine funktionierende Strom- und Wasserversorgung hat Juba bislang. Vor den Restaurants und Hotels mit den Landcruisern der internationalen Beobachter dröhnen ständig die Generatoren.

Dazu ist die Verwaltung durch Integration vieler ehemaliger SPLA-Kämpfer häufig nutzlos aufgebläht. Allein Präsident Kiir hat knapp 20 Berater, meist ranghohe Rebellen, die man, so wird offen gemunkelt, anders nicht unterzubringen wusste. Und die Ministerien entlang der staubigen Straßen gleichen häufig eher notdürftig zusammen gezimmerten Bretterbuden als staatlichen Verwaltungsgebäuden.

So überrascht es wenig, dass etwa von im letzten Jahr von internationalen Spendern überwiesenen 526 Millionen Dollar erst 217 Millionen ausgegeben wurden. Die Verwaltung in Juba ist bis heute kaum in der Lage, den Zu- und Abfluss der Gelder wirklich zu kontrollieren. Und dennoch: All das dürfte die Menschen hier kaum davon abhalten, sich für die Unabhängigkeit zu entscheiden.