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Vorwurf der Heuchelei: Assad heizt Streit mit der Türkei weiter an

Der Bruch zwischen Syrien und der Türkei wird immer größer: Erdogan hat sich von einem engen Partner zu einem der schärfsten Kritiker des Regimes gewandelt. Nun wirft Assad dem Regierungschef Heuchelei vor.

Syriens Präsident Baschar al Assad heizt den Streit mit der Türkei durch schwere Vorwürfe gegen Regierungschef Tayyip Erdogan weiter an. Mit der Einmischung in den Konflikt in seinem Land sei die Türkei zum Beteiligten an dem Blutvergießen geworden, sagte Assad in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der türkischen Zeitung "Cumhuriyet". Das türkische Militär ortete unterdessen auf dem Boden des Mittelmeers die Leichen der Besatzung eines Kampflugzeugs, das Syrien abgeschossen hatte.

Assad warf Erdogan, mit dem er einst sogar Urlaub machte, Heuchelei vor. Zwar dränge der türkische Regierungschef Syrien zu politischen Reformen, zugleich ignoriere er aber die Gewalt und die demokratischen Defizite in den arabischen Golfstaaten. "Die Türkei hat den Terroristen alle Arten logistischer Unterstützung gewährt, um unser Volk zu töten", sagte der international weitgehend isolierte Staatschef. Die Türkei hat sich von einem engen Partner zu einem der schärfsten Kritiker der Regierung in Damaskus gewandelt, nachdem Assad türkische Forderungen nach einer Zurückhaltung bei der Niederschlagung der Proteste ignorierte.

Die Türkei bietet Zehntausenden syrischen Flüchtlingen sowie Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) Unterschlupf. Die FSA erklärte, am Mittwoch habe sich der Kommandeur einer Pionierdivision ins Nachbarland abgesetzt. Damit haben mindestens 16 hohe Offiziere Assad die Gefolgschaft aufgekündigt. Ein Vertreter der vornehmlich aus Deserteuren gebildeten FSA sagte, die Zahl der überlaufenden Offiziere nehme von Tag zu Tag zu. Anders könnten sie eine Verwicklung in das gewaltsame Vorgehen Assads gegen Aufständische nicht vermeiden.

Die Regierungsgegner sind gespalten

Der Abschuss eines Kampfflugzeuges vor knapp zwei Wochen hatte den Konflikt zwischen den beiden Ländern verschärft. Das türkische Militär teilte mit, die Leichen der beiden Piloten seien auf dem Meeresboden gefunden worden und sollen geborgen werden. Das Wrack liegt in einer Tiefe von rund 1000 Metern. Assad hatte nach dem Vorfall sein Bedauern geäußert, was die Türkei jedoch als Propaganda zurückwies. Die Türkei hat sein Militär an der Grenze zusammengezogen und auch Kampfflugzeuge demonstrativ aufsteigen lassen.

Die gespaltene syrische Opposition lieferte Gegnern und Unterstützern unterdessen einen weiteren Beleg für ihre Zerrissenheit. Ein Treffen in Kairo endete am Dienstag im Chaos. Delegierte verprügelten einander und beschimpften sich wüst, nachdem Vertreter der syrischen Kurden das Treffen im Streit verlassen hatten. Weil es bislang nicht gelang, die verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen hinter einer Führung zu versammeln, ringt die Opposition in Syrien weiter um internationale Anerkennung. Die Spaltung der Regierungsgegner gilt als einer der Gründe, warum sich Assad trotz des seit mehr als 16 Monaten andauernden Aufstands länger als andere unter Druck geratene Staatschefs in der Region an der Macht halten konnte.

In dem Konflikt, der Züge eines voll entfachten Bürgerkriegs angenommen hat, deutet sich eine immer stärkere Beteiligung radikaler Islamisten an: Eine syrische Islamistengruppe bekannte sich zu einem Anschlag auf den regierungsfreundlichen TV-Sender Ichbarija mit sieben Toten in der vergangenen Woche. Zuvor hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bei einem anderen Anschlag al Kaida am Werk gesehen.

kave/Reuters / Reuters