Washington Memo Die Präsidenten aus dem Internet

Künftige US-Präsidenten werden auch im Internet gemacht. Wer ins Oval Office will, muss mindestens ein Video von sich ins Netz stellen. Manche finden gar ein Filmchen von sich, das sie noch gar nicht kannten - und das war's dann schon mit der großen Karriere.
Von Katja Gloger, Washington

Da saß sie auf'm Sofa, ein Kissen akkurat im Rücken, lächelnd, als ob sie mal eben die ganze Nation zum Kaffeeklatsch einladen wollte. Das Licht war perfekt gesetzt, sanft umschmeichelte es das rosige Make up der Dame. Auf dem Schreibtisch hinter ihr die Familienfotos, mit Tochter und mit dem weltberühmten Ehemann, und die Tischlampe im Hintergrund wird schon als Kultobjekt gehandelt. Hillary Clinton, die Frau, die als eiskalte Machtstrategin und bitterböse Zynikerin gilt - sie präsentierte sich warm und freundlich, ein menschlicher Moment, und natürlich war jede Sekunde inszeniert. Selbst das beigefarbene Sofa war nicht allzu schick, nicht allzu neu, ein bisschen abgewohnt schon.

"I'm in to win", strahlte Hillary Clinton, als sie am vergangenen Wochenende erklärte, sie überlege, Präsidentin zu werden. Handelte rasch die Themen Irak und Rentenreform ab, beugte sich weit aus dem Kuschelsofa, streckte die Arme weit aus und sagte: "Ich will eine Konversation mit Amerika beginnen. Ein Gespräch mit Ihnen. Und das wird ganz sicher sehr interessant."

Wohl wahr. Es waren zwei sehr interessante Minuten, mit denen Hillary Clinton Furore machte. Denn ihre Einladung kam per Video, als allzeitverfügbarer Download von ihrer Website "Hillary for President". Und mir ihr begann eine neue Epoche in der politischen Zeitrechnung Amerikas: "Electronic Campaigning" – Wahlkampf vor allem per Video, online und direkt, ein Instrument, das Politstrategen beider Parteien in Verzückung versetzt. Es ist preiswert, es erreicht Millionen, es ist modern, man muss sich auch nicht mehr den Fragen lästiger Journalisten stellen - besser kann Polit-Marketing kaum funktionieren.

Professionell unprofessionelle Videos

Die scheinbar unverfälschten Botschaften garantieren den kontrollierten Kontakt zum Wahlvolk - ein Endlosstream der Manipulation. Es ist die Antwort der US-Wahlkampfstrategen auf die "Generation online", auf YouTube, Myspace, Facebook und wie sie alle heißen. Und die Botschaft ist glasklar: Wer in den kommenden beiden Jahren den ebenso gnadenlosen wie bis zu 200 Millionen Dollar teuren Präsidenten-Wahlkampf gewinnen will, der muss ins Netz.

Denn da draußen, im Netz, da warten Millionen. Millionen Wähler und Millionen Spendendollar. Und jeder hat sie, die hochbezahlten Internetstrategen, die nur für den multimedialen Politiker-Auftritt zuständig sind.

Auch John Edwards, der ehemalige Vizepräsidentschaftskandidat von 2004. Als eine Art verhinderter Held der Arbeiterklasse will er mit seinem Thema sozialer Gerechtigkeit in den Vorwahlen gegen Hillary Clinton antreten. Also stellte er sich im hurrikanverwüsteten New Orleans schon Ende Dezember zweieinhalb Minuten lang in Szene, vor absichtlich wackeliger Kamera. Wirkte wie ein betroffener Fernsehreporter, als er mit zupackend hochgekrempelten Hemdsärmeln ankündigte, dass er nun bald seine Kandidatur ankündigen werde. Dabei ließ man im Hintergrund zupackende junge Menschen an einem Haus werkeln, das über ein Jahr nach "Katrina" immer noch in Trümmern liegt. "Bitte schicken Sie dieses Video an Ihre Freunde", bat Edwards. Innerhalb von Minuten war es auf YouTube.

Obama in der Lagerhalle

Welch ein Unterschied zu früher, als sich Kandidaten staatsmännisch vor dem Kapitol erklären mussten. Und wer dabei nicht von amerikanischen Flaggen umweht war, hatte ohnehin verloren. Auch sexy Superstar Senator Barack Obama gestand seine präsidialen Versuchungen online. Sein Auftritt war allerdings eine ziemliche Pleite: Eine leere Wand, ein leeres Regal im Hintergrund ließ selbst seine treuesten Fans rätseln, warum sich der Mann offenbar eine Lagerhalle für sein Werbevideo ausgesucht hatte.

Sie kommen scheinbar beiläufig daher, die Botschaften aus dem Netz, die kurzen Clips, die E-Mails, die Livechats. In Wahrheit sind längst kleine Armeen unterwegs, professionelle Provokateure, mit Videokameras bewaffnet, manchmal reicht auch das Photo-Handy. Auf der Suche nach dem Rohmaterial für "attack ads", Angriffswerbung, reisen sie dem politischen Gegner hinterher, filmen alles, ihnen entgeht keine schwache Sekunde, kein Versprecher, keine Grimasse. Sie schneiden das Material in kleinen Studios zusammen, und dann sieht es beinahe wie ein echtes Amateurvideo aus, wenn es im Netz landet - oft anonym.

So erging es dem ehemaligen Senator von Virginia, George Allen, der noch vor wenigen Monaten als republikanische Präsidentschaftshoffnung gehandelt wurde. Doch dann beschimpfte er einen indischstämmigen Journalisten als "Makakenaffe" - vor dessen laufender Kamera. Es war das Ende der politischen Karriere von George Allen. Oder auch Conrad Burns, einst Senator aus Montana, der - rein zufällig natürlich - ausdauernd gefilmt wurde, als ihm während einer Podiumsdiskussion die Augen zufielen. Das Material geriet auf YouTube, der Mann wurde nicht wiedergewählt - wen wundert's.

Unbarmherziges YouTube

Und die demokratische Graswurzel-Bewegung moveon.org gab schon mal einen Vorgeschmack auf die kommenden 21 Monate Dauerwahlkampf: Ihr Video mit Angriffen auf den republikanischen Groß-Senator John McCain und seine Irak-Politik wurde kürzlich zu einem der meist geklickten Clips auf YouTube.

In dieser Woche waren die Politstars noch auf Online-Schmusekurs. Hillary Clinton machte sich zur Anführerin der neumedialen Bewegung, bewies, wie man die "Message" steuert, scheinbar authentisch. Sie weiß, sie macht keine gute Figur vor großem Publikum, wirkt hölzern, arrogant und kalt, wenn es um das geht, was man hier "pressing the flesh" nennt, das Fleisch quetschen: Omas umarmen, Babies tätscheln, Hände schütteln. Stattdessen lud sie an drei Abenden zum Livechat, jeweils 30 Minuten lang, jeder konnte sie sich nach Hause klicken. Diesmal saß sie vor eindrucksvoller Bücherwand, das Kostüm war rosa, sie sprach jeden Fragesteller persönlich an. "Ich will, dass jeder von Ihnen Teil der Diskussion ist", sagte sie. "Denn ich will, dass jeder Teil der Lösung wird."

Die Show beginnt. Go online.

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