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Washington Memo: Ein Bestseller muss es schon sein

Wer in den USA Präsident werden will, muss vieles tun. Zum Beispiel die Wochenenden in den Wohnzimmern potentieller Wähler verbringen und lächelnd Fragen beantworten. Neuerdings sollte man auch ein eigenes Buch publizieren - am besten mit Inhalt.

Von Katja Gloger, Washington

Es sind noch fast zwei Jahre bis zur Präsidentenwahl in Amerika, doch der Wahlkampf hat längst begonnen. In diesen Monaten buhlen die Kandidaten um die Gunst der launischen Parteibasis. Denn die entscheidet in den Vorwahlen, Bundesstaat für Bundesstaat, wen sie ins Rennen um den Präsidenten-Job schicken will. Hillary Clinton oder Barack Obama oder John Edwards für die Demokraten? John McCain oder Rudolf Giuliani oder Mitt Romney für die Republikaner?

Wer diese "primaries" für sich entscheiden will, der verbringt in den kommenden Monaten tunlichst jedes Wochenende in Bundesstaaten wie Iowa, New Hampshire und South Carolina. Dort finden die ersten Vorwahlen statt, sie setzen den Trend. Also tourt man unverdrossen durch Wohnzimmer und beantwortet jede, aber auch jede Frage. Man lächelt auf Landwirtschaftsmessen, schüttelt Hände bis zur Erlahmung, strahlt für Erinnerungsfotos, wenn es sein muss, Tausende Male.

Doch neben den Trips in die Provinz, dem festen Händedruck (gegen schweißnasse Finger gibt's längst spezielle Botox-Injektionen) und der sturmfesten Frisur gilt es zusätzlich, Substanz zu liefern. Und zwar schriftlich. Ein Buch muss her. Am besten ein Bestseller.

Jedem Kandidat sein Buch

Und tatsächlich: Mittlerweile hat jeder Kandidat, der etwas auf sich hält, ein Buch veröffentlicht. Oder ist zumindest dabei, es zu tun. "Ein Kandidat muss einfach ein Buch haben", sagt Patricia Schröder, Vorsitzende des US-Verlegerverbandes, "wie sonst will man sich denn noch hervorheben in der Welt der ultrakurzen Fernsehstatements? Man mag es gar nicht glauben, aber Politbücher sind einfach hot."

Und alle haben mindestens eins. Hillary Clinton -"I'm in to win" - hatte schon Millionen mit ihrer gewichtig-langweiligen Autobiografie verdient. Jetzt hat sie gerade eine Neuauflage ihres Kinderbuches "Es braucht nur ein Dorf" auf den Markt gebracht. Das hatte sie geschrieben - oder schreiben lassen - als sie noch als First Lady im White House lebte. Süß, niedlich, unverfänglich, eine Art Hillary-Bullerbü. So zeigt die Kandidatin Gefühl, kriegt Sendezeit in den großen Fernseh-Talkshows. Auch so macht man Wahlkampf.

John McCain, ihr großer Konkurrent bei den Republikanern, ist schon seit Jahren Schriftsteller quasi im Nebenberuf. Gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Stabschef Mark Salter verfasste er bereits fünf Bücher, darunter seine wirklich lesenswerte Autobiographie, in der der ehemalige Marineflieger offen über seine Jahre als Kriegsgefangener in einem vietnamesischen Foltergefängnis berichtet. Und pünktlich zur heißen Wahlkampfphase im Herbst soll sein neuestes Werk erscheinen - ein Buch über "Entscheidungen von historischer Dimension", wie es heißt.

John Edwards mit harmlosen Bildband

Der Demokrat John Edwards, der sich kampfeslustig als linker Vertreter der Armen und Benachteiligten präsentiert, kann da noch nicht richtig mithalten. Er hat bislang nur mit einen harmlosen Bildband zum Thema "Heimat" zu bieten und muss ansonsten gefühlvoll auf das Buch seiner Frau verweisen, die über ihren Kampf gegen Brustkrebs schrieb. Immerhin: bald will er die inhaltliche Lücke mit einem Sammelband über Armut in Amerika füllen.

Auch das Epos des ehemaligen Gouverneurs von Arkansas, der Republikaner Mike Huckabee, schaffte es bislang nicht so recht in die Bestseller-Listen: "Hört auf, Euer eigenes Grab mit Messer und Gabel zu schaufeln" heißt es viel versprechend - schließlich wurde es geschrieben, nachdem der Mann 50 Kilo abgespeckt hatte. Jetzt versucht er es mit einem zweiten Werk. Darin will er erklären, wie man "die Größe Amerikas" wiederherstellt.

Ach ja, Beinahe-Präsident John Kerry und seine Frau Teresa von der Ketchup-Dynastie Heinz wollen die Welt mit einem Umweltschutz-Buch beglücken - doch mit einem echten Erfolg rechnet niemand mehr, seitdem sich Kerry mit einer Bemerkung über angeblich blöde US-Soldaten im Irak endgültig ins politische Aus manövrierte.

Erstes Haus durch das zweite Buch

Ganz oben hingegen schwebt der demokratische Super-Star Barack Obama. "Die Kühnheit der Hoffnung" nennt sich sein zweites Buch, es steht auf Nummer eins der Besteller-Liste - seit Monaten. Es ist ein verkapptes Wahlprogramm und hat für jeden etwas: ein Kapitel über die Kraft des Glaubens ebenso wie über den Zynismus in der Politik, aber auch Persönliches, über seine Frau und seine beiden kleinen Töchter, all das stets wohl dosiert, weichgespült. Er habe es selbst geschrieben, sagt Obama, nachts, nach den langen Arbeitstagen im Senat, das Honorar reichte für das erste eigene Haus in Chicago.

Im Hintergrund hält sich bislang der Demokrat Al Gore, der knappe Verlierer (zur Erinnerung, es fehlten ihm nur 537 Stimmen) der Wahl 2000. Er schaffte ein grandioses Comeback mit seinem Film über die Klimakatastrophe - der ist für den Oscar nominiert. Der Frage nach präsidialen Ambitionen allerdings weicht Gore bislang aus. Doch schon nähren publizistischen Pläne die Gerüchteküche. Denn bald schon soll seine endgültige Abrechnung mit George W. Bush erscheinen. Arbeitstitel: "Der Anschlag auf den Verstand". Man darf gespannt sein. In Iowa und New Hampshire und anderswo.