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Washington Memo: Tierisches Menscheln

Sie gehören ins Weiße Haus wie der amerikanische Präsident selbst und eigentlich sind sie die heimlichen Hauptdarsteller: die Haustiere der Präsidentenfamilien. Zwar haben die Tiere wenig Einfluss auf Politik, sehr wohl aber auf einen anderen Bereich.

Von Katja Gloger, Washington

Jeder kennt ihn, seinen berühmten Satz: "Wenn Du in Washington einen Freund haben willst, dann schaff' Dir einen Hund an." Ausgerechnet er! Denn US-Präsident Harry Truman mochte gar keine Hunde. Und schon gar nicht im Weißen Haus! Als ihm 1947 ein kleiner Cocker Spaniel geschenkt wurde, da gab er das Tier einfach an seinen Leibarzt weiter. Draußen, in der Welt, da begann damals gerade der Kalte Krieg - doch das amerikanische Volk empörte sich monatelang über die Spaniel-Affäre. Ein Tsunami an Protestbriefen erreichte das Weiße Haus. Und seitdem gilt Harry Truman - heute wegen seiner Innenpolitik Vorbild für präsidiale Kandidaten von Hillary Clinton bis Barack Obama - als der Mr. President mit "Feller, dem nicht gewollten Hund."

Heute wäre so viel präsidialer Starrkopf undenkbar. Heute gehört es zu den unumstößlichen Gesetzen der medialen Massengesellschaft: der amerikanische Präsident hat einen Hund! Eine Tradition, mit der man tunlichst nicht bricht. Ob Schottischer Terrier oder schokobrauner Labrador, ob Weimaraner oder Schäferhund: ein Hund gehört zur White House-Requisite. Ob "Barney" oder "Buddy", ob "Heidi" oder "König Tut"- als Geheimwaffen im präsidialen PR-Repertoire könnten sie ganze Stäbe von Medienberatern ersetzen, so wie auch eine Ausstellung über "Pets with a Purpose" - Haushunde mit Bestimmung - im Besucherzentrum des Weißen Hauses gerade eindrucksvoll zeigt.

Der Hund bleibt treu ergeben

Denn wer, wenn nicht "Miss Beazley" und "Barney" begrüßen Herrchen George W. freudig, wenn er nach langen Reisen durch die krisengeschüttelte Welt ermattet aus dem Hubschrauber klettert? Wer, wenn nicht "Buddy", ließ sich von Bill Clinton mal an die Leine legen? Und wer, wenn nicht der Hund, bleibt seinem Herrn stets treu ergeben - koste es, was es wolle? Wie sagte Bush doch? "Wir werden aus dem Irak nicht abziehen. Auch wenn nur noch Laura und 'Barney' zu mir halten sollten." Laura, seine Frau. Und "Barney", der Hund.

In den USA macht der Hund Politik - einige hatten sogar einen eigenen Stuhl, auf dem sie sich bei Kabinettssitzungen fläzten. Denn erst sein Hund verschafft dem mächtigsten Mann der Welt die Aura des Jedermanns von nebenan. Verwandelt das Oval Office in ein Wohnzimmer, wenn er friedlich hinterm Schreibtisch schlummert. Lockert die oft stressige Atmosphäre und bietet stets Gesprächsstoff, wie etwa Theodore Roosevelts Bullterrier "Pete", der Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Hosenbeine eines hochrangigen französischen Diplomaten zerfledderte. Vor allem aber bieten die vierbeinigen Objekte der Begierde jede Menge "photo-ops", Fotomotive. "Ein Hund kann größte politische Bedeutung haben", so der Journalist Roy Rowan, Autor von "First Dogs", dem Standardwerk zum Thema. "Er macht einen Präsidenten eben menschlich." Oder, um es in die gewichtigen Worte des (glücklosen) Präsidenten Calvin Coolidge zu fassen: "Ein Mann, der keine Hunde mag, ist nicht befähigt, Präsident zu werden."

Aufsässige Ministerin schnell gefeuert

Hätte Christie Todd Whitman, die Umweltministerin von Präsident Bush, damals bloß das Zeichen richtig gedeutet: pinkelte während ihres Einstellungsgespräches doch der Bush-Terrier "Barney" vollkommen respektlos auf den Teppich im Wohnzimmer des Weißen Hauses. Es heißt, Vizepräsident Cheney war darüber gar nicht amüsiert. Und die aufsässige Ministerin wurde schon nach zwei Jahren gefeuert.

Von George Washington bis George W. Bush - 38 der 43 US-Präsidenten hatten einen Hund. Nur wenige leisteten sich keinen. Oder Exotisches wie einen Alligatoren und Seidenwürmer, wie im 19. Jahrhundert John Quincy Adams. Oder andere Extravaganzen wie Ziegen, Bären, Schlangen, Tiger, eine Hyäne oder ein Oppossum.

Übergelaufenen Vierbeiner zurückgebracht

Schon Präsident Nr.1, George Washington nutzte, ganz Ehrenmann, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg einen Waffenstillstand, um einem britischen General dessen (übergelaufenen?) Hund zu überbringen - zuvor hatte er ihm den Status eines Kriegsgefangenen gewährt.

"Fido", vierbeiniger Gefährte des großen Abraham Lincoln, teilte sozusagen das tragische Schicksal seines Herrn: der Hund wurde von einem Betrunkenen erstochen - nur ein Jahr, nachdem Lincoln einem Attentat zum Opfer gefallen war. Präsident James Garfield wiederum nannte seinen Hund "Veto" - eine klare Botschaft an den Kongress, keine Gesetze vorzulegen, die ihm nicht passen würden.

Zuckersüße Fotos vom Pony

Knapp ein Jahrhundert später gehörte der ewig hungrige Tross der White House-Reporter und Fotografen zum festen Bestandteil des präsidialen Gefolges. Jeden Tag mussten Geschichten, Bilder geliefert werden. Und da wurde John F. Kennedys Amtszeit im Weißen Haus auch zum Camelot auch für Vierbeiner aller Art. Hunde, Kanarienvögel, Stallhasen, Pferde. Ungeschlagen zuckersüß die Fotos, auf denen die kleine Tochter Caroline ihr Pony "Macaroni" durch den Garten des Weißen Hauses zieht. Und berühmt auch Welpe "Puschinka" - Tochter des legendären sowjetischen Weltraumhundes "Laika". Sie war ein Geschenk des sowjetischen Parteichefs Nikita Chrustschtschow an die First Family. Die Einen interpretierten die bellende Gabe als erste Geste der Entspannungspolitik. Andere warnten hingegen vor perfider Feindpropaganda. Hatten doch die Kommunisten damals noch die Nase vorn im Rennen um den Sieg im Weltraum.

Der skrupellose Richard Nixon war schon 1952 als Vizepräsident in einen ordentlichen Skandal über die Verwendung von Spenden zu persönlichen Zwecken verwickelt. Damals rettete er seinen Job nur, weil er in den höchsten Tönen den bescheidenen Leinenmantel seiner Frau lobte ("Sie trägt keinen Nerz") - und "Checkers", den schwarz-weißen Cocker Spaniel ( "Er war ein Geschenk. Doch meine Tochter liebt ihn"). Der Auftritt ging als "Checkers Rede" in die Geschichte ein.

Beide jaulten im Duett

Der Texaner Lyndon B. Johnson wiederum hatte eine perfektes PR-Maßnahme: den ständig haarenden weißen Mischling "Yuki", den seine Tochter an einer Tankstelle gefunden hatte. Während er im fernen Asien den Vietnamkrieg eskalieren ließ, saß, "LBJ" mit "Yuki" am Schreibtisch im Oval Office. Und beide jaulten im Duett. Allerdings hätte er es sich mit den Amerikanern beinahe ernsthaft verscherzt, als er seinen Beagles "Him" and "Her" an den langen Ohren zog.

Präsident und Berufsoptimist Ronnie Reagan versuchte es gleich mit mehreren Vierbeinern. Da war zunächst "Lucky", ein graugefelltes Zottelmonster der belgischen Rasse "Bouvier des Flandres", zugkräftig und störrisch. Er musste ausgemustert werden - denn er zog das Präsidentenpaar stets an der Leine hinter sich her, zum gewaltigen Amüsement des White House-Pressecorps. Dann kam "Rex", ein Spaniel der Kategorie Schoßhund, aber selbst der zerrte die zarte Nancy über den Rasen. Immerhin verbrachte er dann seine letzten Hundejahre im sonnigen Kalifornien - in einer eleganten Hundehütte, die mit gerahmten Fotos von Herrchen und Frauchen dekoriert waren.

Viecher nicht immer wohlgelitten

Bei den Mitarbeitern des Präsidenten waren die Viecher nicht immer wohlgelitten: so erinnert sich Ken Duberstein, einst Reagans Stabschef, mit Grausen an jenen längeren Hubschrauberflug, als die hundehaufenstinkende Schuhsohle eines Ministers für höhnisches Grinsen sorgte.

Bush senior hielt es mit "Millie". Und weil es immer gut ins politische Marketing passt, schrieb Gattin Barbara ein Buch im Namen der Hundedame - zum Verdruss des Präsidenten verkaufte sich dieses Buch besser als seine Memoiren.

"Buddy" konnte politisch nicht punkten

Und Bill Clinton, der geschmeidigste aller Populisten im Weißen Haus? No, der wollte erst gar keinen Hund. Glaubte wohl, er könne sich das Wahlvolk mit dem langweiligen Kater "Socks" wohlgesonnen halten. Doch nach der Lektüre von "First Dogs" war er überzeugt. Und wupps war er da, der kuschelige schokobraune Labrador, den man "Buddy" nannte. Zwar konnte der kleine Hund gegen Monica Lewinsky und die Folgen keine politischen Punkte machen. Doch er half wenigstens ein bisschen, in den schweren Zeiten die Clintons als Family von nebenan darzustellen. "Buddy" zog später zu Bill nach Chappaqua im Bundesstaat New York. Der Präsidenten-Labrador kam vor ein paar Jahren bei einem Unfall ums Leben - er hatte einen Bauarbeiter gejagt, war auf die Straße gekommen, vor ein Auto.

Der bekannteste Hund Amerikas aber ist bis heute - von "Lassie" mal abgesehen - "Fala". Ein schwarzes, flinkes, selbstbewusstes Hundeknäuel, stetiger Begleiter des Kriegspräsidenten Franklin Roosevelt. Wurde von ihm höchstpersönlich gefüttert, war überall dabei - sehr zum Unbehagen des Secret Service, der dem Hund den vielsagenden Codenamen "Informer" gab. Bis heute halten sich die Gerüchte, der Präsident habe 1944 einen Zerstörer der US-Kriegsmarine zu den Aleuteninseln vor Alaska geschickt, um dort seinen angeblich vergessenen Hund abholen zu lassen. "Fala" wurde zum Symbol für die Opferbereitschaft der Nation im Zweiten Weltkrieg, als ihre zerkauten Gummi-Spielzeuge im Rahmen des nationalen "rubber drive" als Rohmaterial für die Verteidigungsindustrie geopfert wurden.

Hund wird die Präsidentschaft nicht retten

Nationalhund "Fala" war ein Schottischer Terrier - so wie auch "Barney" und "Miss Beazley" von Familie Bush. Im Jahr Sieben seiner desaströsen Präsidentschaft aber werden diese "First Dogs" ihrem Herrchen nicht mehr helfen, einen guten Platz im Buch der Geschichte zu ergattern. Darin sind sich nicht nur die Hunde-Historiker schon heute einig.