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Washington Memo: Wolfies selbstgerechtes Sitzfleisch

Washington D.C. braucht keine Unterhaltungsshows. Washington D.C. hat die Daily Soap Paul Wolfowitz. Und wie jede Seifenoper findet auch der Weltbankchef trotz aller Peinlichkeiten kein Ende.

Von Katja Gloger, Washington

Die Dame muss so richtig getobt haben. Regelrecht außer sich soll sie gewesen sein. Soll sogar mit einer satten Klage gegen ihren Arbeitgeber gedroht haben - und das wegen eines vermeintlichen Knicks in ihrer Karriere. So wütend war sie, dass sich gleich ein ganzes Komitee voller Männer geweigert haben soll, es mit ihr aufzunehmen. Und wer musste die Situation befrieden? Wer musste den heldenhaften Kampf gegen eine beleidigte Mitarbeiterin aufnehmen, die offenbar außer Rand und Band war? Der Chef selbst.

Und dem blieb offenbar nichts anderes übrig, als die furiose Dame mit einer satten Gehaltserhöhung zu besänftigen. Eine surreale Comdey-Show? Ein provokatives Essay von Alice Schwarzer? Skript für eine neue Folge von "desperate housewifes"? Viel besser. So spielt gerade das wahre Leben in 1818 H Street, Washington, D.C., dem Hauptsitz der Weltbank.

Shaha Riza: Freundin oder Mätresse?

Denn die verärgerte Dame heißt Shaha Riza und ist, wie mittlerweile hinlänglich bekannt, Nahost-Expertin der Weltbank sowie die Freundin (gemeine Kommentatoren benutzen hartnäckig das Wort "Mätresse") des ebenso hinlänglich bekannten Direktors der jener ehrwürdigen Institution, Paul Wolfowitz, 63. Und beim Komitee der angeblich so furchtsamen Herren handelt es sich um nichts weniger als den "Ethikausschuss" der Weltbank, dem Direktoren aus sieben Mitgliedsländern angehören.

Ausgerechnet dieser Ausschuss soll sich geweigert haben, es mit einer "sehr wütenden" Mrs. Riza und ihren Forderungen aufzunehmen, erklärte Paul Wolfowitz - und übte sich nachsichtig wissend in männlicher Solidarität: "Es entspricht ja auch nur allzu sehr der menschlichen Natur, sich von ihr fernhalten zu wollen."

Mrs. Riza wurde ins US-Außenministerium "ausgelagert"

Es sind die zurzeit letzten, bizarren Schuldzuweisungen in einer Reality-Show der Sonderklasse. Seit Wochen quält sich die Weltbank mit der Affäre "Gehaltserhöhung" und ihrem ebenso sturen wie selbstgerechten Direktor. Dem Mann, der wieder einmal nur alles richtig machen wollte: denn als Paul Wolfowitz im Juni 2005 von seinem Posten als stellvertretender Verteidigungsminister der USA (und damit direkt mitverantwortlich für das Irak-Desaster) auf den vermeintlich sicheren Posten des Weltbank-Direktors wechselte, meldete er beim Ethikausschuss rasch einen potentiellen Interessenkonflikt an. Arbeitete doch seine Freundin Shaha Riza ebenfalls dort, eine von über 10.000 Mitarbeitern der Bank.

Man einigte sich, so Wolfowitz, schließlich auf eine "pragmatische Lösung": Mrs. Riza erklärte sich nach angeblich wütenden Protesten bereit, ins US-Außenministerium "ausgelagert" zu werden. Sie bekam einen Job in der Public Diplomacy Abteilung einer gewissen Liz Cheney - der Tochter des engen Wolfowitz-Freundes und US-Vizepräsidenten Richard Cheney.

200.000 Dollar pro Jahr

Auf persönliche Anweisung ihres Sweathearts, des Direktors, wurde ihr dieser sicher sehr schwere Schritt überaus schmackhaft gemacht: mit einer satten Gehaltserhöhung von rund 60.000 Dollar auf knappe 200.000 Dollar pro Jahr, nach Weltbankgepflogenheiten natürlich steuerfrei. Damit mehr als doppelt so hoch wie in anderen, vergleichbaren Fällen. Und dazu wurden ihr weitere jährliche Gehaltserhöhungen über dem Durchschnitt sowie eine Rückkehr-Garantie auf einen hochdotierten Führungsposten versprochen - unabhängig von Leistungen.

Internen Protest bügelte Wolfowitz ab. Schließlich handle es sich um eine schweren Karriereknick für Mrs. Riza, ließ er verlauten. Außerdem habe die "sehr verärgerte" Dame mit einer Klage gedroht. Und er war sich seiner Sache wohl so sicher, dass er dem Vize-Personalchef der Bank sogar schriftlich befahl: "Hiermit weise ich Sie an, folgendem Vorschlag zuzustimmen..."

Wolfowitz verlangt Freibrief für sich

Und das passierte ausgerechnet Paul Wolfowitz, dem neokonservativen Frontmann des US-Präsidenten bei der Weltbank, dem Mann, der Korruption und Vetternwirtschaft den Krieg erklären wollte, "regime change" sozusagen. Ausgerechnet der Mann, der bei Begünstigungen und Bestechungen "zero-tolerance" zum Grundgesetz der Weltbank erheben wollte, wollte für sich und seine Freundin einen Freibrief. Warum, fragen sich heute selbst Wohlmeinende, war dieser Mann nicht in der Lage, die hochmoralischen Maßstäbe auch auf sich anzuwenden?

Ein Überzeugungstäter, wissen die Einen, hochfahrend und selbstgerecht. Einer, der sicher ist, das Rezept zur Rettung der Welt zu haben. So wie vor einigen Jahren schon im Irak, als er glaubte, es reiche, den Menschen die Freiheit zu bringen. Ein Mann, umgeben von engsten Beratern aus Washington, die im Dauerkrieg mit dem Rest der Welt liegen. Arrogant und aggressiv, von ihrer Mission überzeugt. Ob Irak, die Weltbank, der Rest der Welt - sie sind immer auf einem Kreuzzug.

Die glorreiche Vergangenheit ist vergessen

Nur wenige erinnern sich an seine Offenheit, seine intellektuelle Brillanz, wie er sie etwa als Politik-Professor der renommierten Johns Hopkins Universität zeigte. All das ist lange her, viel zu lange her. Und wollte er seinen durch den stümperhaften Irak-Feldzug längst beschädigten Namen mit einer Saubermann-Kampagne bei der Weltbank reparieren - jetzt ist es endgültig vorbei. Starrköpfig, voller Selbstmitleid, glaubte er sich verteidigen zu können. Er befinde sich in einem "schmerzlichen persönlichen Dilemma" schrieb er in einer jammervollen E-Mail an seine Mitarbeiter. "Bitte verstehen Sie mich doch."

Dann engagierte er den Washingtoner Star-Anwalt Robert Bennett - ausgerechnet den Mann, der einst schon Präsident Clinton in einer Klage wegen sexueller Belästigung verteidigt hatte. Er verlangte Sondersitzungen, Erklärungen, Dokumente, ließ auf der Website der Weltbank gar Unterlagen und Zitate veröffentlichen, die seine Unschuld untermauern sollten. "Der Arme", höhnte da selbst William Easterly, einst Ökonom bei der Weltbank, "jedes Mal, wenn Paul Wolfowitz es mit Regime Change versucht, verursacht er einen Aufstand. Und jetzt sucht er auf den Fluren der Weltbank wohl nach einer Green Zone, in der er sich verstecken kann."

"Mr. Wolfowitz stellte seine persönlichen Interessen höher als die der Bank"

Doch je länger er beharrte, je mehr er die Flure der Weltbank zum Schlachtfeld seines Rechtfertigungs-Kreuzzuges machte, desto tiefer sank das Ansehen der 60-Milliarden-Dollar-Institution mit ihren 185 Mitgliedsländern, die den armen Ländern der Welt helfen soll. Anfang dieser Woche forderten Länder gleich im Dutzend seinen Rücktritt, Deutschland inklusive. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sprach den Gescholtenen sogar persönlich an und bat ihn, endlich aufzuhören. Als das nichts half, untermauerten Mitgliedsstaaten ihre Forderung mit der unverhüllten Drohung, anstehende Zahlungen auszusetzen.

Nun wurde der "streng vertrauliche" 55-Seiten-Bericht einer eigens zusammengerufenen "ad hoc Gruppe" der Bank öffentlich. Er spricht ein politisches Todesurteil über Wolfowitz: "Er hätte ein Beispiel geben müssen, indem er sich an die höchsten - und in diesem Fall etablierten - Maßstäbe der Bank hielt. Doch er begann, diesen Standard aufzuweichen. Mr. Wolfowitz stellte seine persönlichen Interessen höher als die der Bank."

Abfuhr für "Wolfie"

Und die Folgen? "Der Skandal", so der Journalist Sebastian Mallaby, der ein viel beachtetes Buch über die Weltbank schrieb, "bedeutet das Ende für Wolfowitz Anti-Korruptions-Kampagne. Jetzt kann man noch nicht einmal mehr das neue Anti-Korruptions-Handbuch veröffentlichen, ohne sich vollkommen lächerlich zu machen."

Noch Anfang der Woche verteidigten seine Freunde im Weißen Haus, allen voran George W. Bush und Richard Cheney, ihren Mann. Ein paar Fehler seien gemacht worden, aber das sei ja kein Grund zum Rücktritt, hieß es. Als größter Geldgeber der Weltbank haben die USA traditionell das inoffizielle Recht, den Direktor zu bestimmen. Und ohne das Einverständnis der USA, so die inoffizielle Regel, würde auch kein Weltbank-Direktor entlassen. Verzweifelt versuchten die USA noch am Dienstag, bei den reichen G7-Ländern Unterstützung für "Wolfie", wie Bush ihn nennt, zu bekommen. Und holten sich eine eiskalte Abfuhr von allen.

Unterstützung aus Japan

Nur Japan stimmte, wie immer, mit dem amerikanischen Verbündeten. Angesichts solcher Mehrheitsverhältnisse mochte sich selbst Präsidentensprecher Tony Snow nicht mehr eindeutig festlegen. Es ginge auch um die Glaubwürdigkeit der Weltbank, sagte er gestern. Für die White House-Astrologen ein klares Zeichen: Man geht auf Distanz. Und schon fragt man sich: Hält das Weiße Haus etwa nur mangels Alternative an Wolfowitz fest? Doch Paul Wolfowitz scheint überzeugt: er bleibt.

Schließlich hat er doch nur eine wütende Dame besänftigt und damit sozusagen seine Pflicht getan. An diesem Wochenende soll Wolfowitz zu einem Treffen der G8 Finanzminister in Potsdam reisen. Dort soll er eine Rede halten. Thema: Der Kampf der Weltbank gegen die Korruption. Man darf gespannt sein.